Porträt Willi Sitte: Der "Staatsmaler" der DDR

Der Maler Willi Sitte genoss zu DDR-Zeiten höchste Ehrungen. Nach der Wende geriet der einst mächtige Kulturfunktionär als "Staatsmaler" in Verruf, seine Bilder verschwanden zunächst in den Depots. Erst 2006 bekam der Maler eine eigene Galerie in Merseburg. Doch der droht nun das Aus und die Willi-Sitte-Stiftung will sich wegen Geldmangels auflösen.

Willi Sitte
Bildrechte: dpa

Willi Sitte galt als "Staatsmaler", gar als "Arno Breker der DDR". Von den Machthabern hofiert, von vielen anderen gehasst. Dabei war sein Aufstieg keineswegs folgerichtig verlaufen. Seinen ersten großen Erfolg feierte er nicht in der DDR, sondern in Italien – dorthin war er 1944 als Wehrmachtssoldat gekommen und dort war er nach Kriegsende zunächst geblieben. 1946 präsentierte er zum ersten Mal seine Arbeiten in einer Galerie in Mailand – und wurde damit über Nacht zu einem aufstrebenden Künstlerstar. Fast alle Zeichnungen wurden binnen weniger Tage verkauft. "Ich war plötzlich reich", erinnerte sich Willi Sitte Jahrzehnte später gerührt. "Ich konnte mir Möbel kaufen, ein Radio und sogar einen alten deutschen Brockhaus ..."

"Kosmopolit" unter Picasso-Einfluss

Burg Giebichenstein Jahresausstellung 2016 - Vorbereitungen
Willi Sitte war nicht von Anfang an der "Staatsmaler" der DDR. Anfangs musste er sich als Zeichenlehrer an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle durchschlagen. Bildrechte: MDR/Katrin Schlenstedt

Doch nach der Rückkehr in die DDR stand er zunächst unter Generalverdacht. Obwohl er seit 1947 Mitglied der SED war, galt er den Kunstwächtern der Staatspartei in den 1950er-Jahren als "Kosmopolit" und "Jünger der amerikanischen Unkultur". Seine frühen Gemälde, geschult an der klassischen Moderne und unter anderem von Pablo Picasso beeinflusst, verstaubten in seinem Atelier. Niemand wollte sie ausstellen oder kaufen. Der später so stark hofierte Maler musste zahlreiche Parteistrafen und Rügen hinnehmen – und schlug sich als Zeichenlehrer an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle durch.

Arbeiterporträts ja, aber keine sozialistischen Helden

Und auch die ersten "Arbeiterbilder" Sittes, die er Anfang der 1960er-Jahre malte, waren höchst umstritten. "Das waren keine Helden der Arbeit, wie sie gefordert wurden, sondern abgearbeitete, müde Gestalten, die gierig Bier tranken und Zigaretten rauchten", beschrieb der vor kurzem verstorbene Hallenser Kunstwissenschaftler Wolfgang Hütt das Dilemma. Die öffentliche Wertschätzung dieser Arbeiten hielt sich in der DDR in engen Grenzen. Im Westen dagegen war das ganz anders: Eine erste Ausstellung der Werke Sittes 1965 in München wurde ein großer Erfolg. Ein Jahr später erhielt der Hallenser Maler den renommierten "Burda-Preis für Grafik" und die Münchner Kunstakademie trug ihm eine Professur auf Lebenszeit an. "Wenn ich nicht so ein verbohrter DDR-Mensch gewesen wäre, dann wäre ich holterdiepolter als Professor in München gelandet", erinnerte sich Sitte 2001.

Hoffnungen nach Honeckers Machtantritt

Ein Besucher betrachtet das Gemälde Liebesspiel im Wasser.
Ein Markenzeichen von Willi Sitte sind expressive, geradezu barock anmutende Körperdarstellungen. Bildrechte: imago images / Eckehard Schulz

Allein, Sitte war nicht nur ein "verbohrter DDR-Bürger", sondern auch ein überzeugter Kommunist, der in der Bundesrepublik keine Alternative zu entdecken vermochte, weder politisch noch künstlerisch. Und so blieb er in Halle an der Saale. Zwischen 1965 und 1970 wuchs aber auch die offizielle Anerkennung seiner Arbeiten in der DDR. Sitte malte große politische Bekenntnisbilder wie "Höllensturz in Vietnam" oder "Leuna 21" – ein Geschichtspanorama von 1945 bis in die Gegenwart, in der die Arbeiterklasse am Schalthebel der Zukunft steht.

Und auch wenn die Staatssicherheit 1970 feststellte, dass es sich bei Sitte "um einen politisch unzuverlässigen Künstler handelt, der Freundschaftskontakte im Westen verschweigt und die Hilfsmaßnahmen der sozialistischen Länder in der ČSSR 1968 nicht billigte", wurde er im gleichen Jahr in den Zentralvorstand des Verbandes Bildender Künstler gewählt und 1974, nach Honeckers Machtantritt und dessen Worten von der "Weite und Vielfalt der sozialistischen Kunst", schließlich gar zum Verbandspräsident. "Ich war nicht erpicht darauf, eine Funktion zu haben", erklärte Sitte 1992. "Aber man konnte oben etwas bewirken. Je weiter oben, desto besser. Es ist ein Prozess gewesen. Das politische Umfeld hatte sich verändert, als Erich Honecker antrat. Es gab große Hoffnungen unter den Künstlern, dass wir nun vieles realisieren könnten."

"Bekannte staatsfeindliche Gruppe"

Staatsratsvorsitzender Erich Honecker (vorn 3.v.li., GDR/SED), Maler Willi Sitte (vorn 2.v.re., GDR), Horst Sindermann (GDR/SED/Präsident der Volkskammer) und Willi Stoph (2.v.li., GDR/SED/Vorsitzender des Ministerrates der DDR) während der X. Kunstausstellung der DDR in Dresden, 03.10.1987
Als Verbandschef verkehrte Willi Sitte mit den Großen und Mächtigen der DDR - hier als Zweiter von links mit Erich Honecker zu sehen. Bildrechte: imago images / Ulrich Hässler

Willi Sitte entwickelte sich von nun an zum Multifunktionär und Parteiarbeiter, der seinen weitreichenden Einfluss auch dazu nutzte, die Autonomie des Verbandes gegenüber der SED zu verteidigen und einigen Malern aus dem Untergrund Arbeitsmöglichkeiten zu verschaffen, indem er sie in den Verband aufnahm. Er ermöglichte Auslandsreisen, initiierte bahnbrechende Ausstellungen der europäischen Moderne in der DDR, verbesserte die Materialversorgung der Künstler und schuf überhaupt "Freiräume im ästhetischen Bereich" (Wolfgang Hütt). Andererseits hieß er aber die Ausbürgerung seines einstigen Freundes Wolf Biermann 1976 mit einem "kleinen Brief ans 'Neue Deutschland'" gut, denunzierte die Maler um Bärbel Bohley als "bekannte staatsfeindliche Gruppe" und forderte noch 1987, "dem sozialistischen Realismus wesensfremde Darstellungen zurückzudrängen".

"Kein eiskalter Vollstrecker"

"Ich habe mich angepasst, nicht gegen meinen inneren Willen, aber gegen meinen Verstand", bekannte Willi Sitte in einem Interview 1999. "Tatsächlich war er kein eiskalter Vollstrecker, niemand, der seine Macht auf Kosten anderer lebte" urteilte 2006 die "Zeit". "Den Vorwurf, ein Staatsträger gewesen zu sein und damit auch indirekt mitverantwortlich an vielem Unrecht, diesen Vorwurf muss sich Sitte machen lassen. Mehr aber nicht."

Abstieg nach der Wiedervereinigung

Maler Willi Sitte zu Hause
Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte Willi Sitte relativ zurückgezogen in Halle. Bildrechte: imago images / Köhn

Seine Ära war 1988 zu Ende. In dieser Zeit spitzte sich der Konflikt zwischen den "alten Realisten" und jungen Video- und Konzeptkünstlern in der DDR so stark zu, dass Willi Sitte von seinem Amt als Verbandschef zurückgetrat. Wenig später besiegelte die deutsche Wiedervereinigung seinen Abstieg. "Plötzlich war ich der Sündenbock", sagte Willi Sitte 2006 über jene Zeit. "An allem sollte ich schuld gewesen sein ...", erinnerte sich der Maler verbittert. Erst zu seinem 85. Geburtstag wurde ihm eine Art Rehabilitierung zuteil: mit der am 28. Februar 2006 eröffneten Willi-Sitte-Galerie in Merseburg, die im Beisein des früheren Bundeskanzlers Gerhard Schröder eröffnet wurde. Die damals gegründete Willi-Sitte-Stiftung stand allerdings von Anfang an finanziell auf schwachen Grundlagen – weshalb nun die Schließung droht.

Willi Sittes Produktivität als Maler litt übrigens nicht unter der Funktionärsarbeit. Er lebte und arbeitete in Halle und in Großjena und engagierte sich in der Ausbildung der jungen Künstler. Am 8. Juni 2013 starb der Künstler in Halle. Neben Werner Tübke, Bernhard Heisig und Wolfgang Mattheuer gilt er heute als bedeutendster Maler der DDR. Seine Werke sind bei Kunstsammlern gefragt. Ihr Markenzeichen sind expressive, oft geradezu barock anmutende Körperdarstellungen, die als Ausdrucksträger gesellschaftlicher Aussagen und politischer Ideen fungieren.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. März 2020 | 07:10 Uhr