Das größte Frauengefängnis der DDR Chronik: Das Gefängnis Hoheneck

Hoheneck war der zentrale Gefängnisort für Frauen in der DDR. Hier saßen Frauen ein, die kriminelle Handlungen begangen hatten – aber auch ein gutes Drittel "Politische". Die Haftbedingungen waren demütigend.

Das ehemalige Frauengefängnis Hoheneck bei Stollberg
Das ehemalige Frauengefängnis Hoheneck bei Stollberg Bildrechte: dpa

Die Burg Hoheneck dominiert das Stadtbild von Stollberg im Erzgebirge, und das schon seit dem Mittelalter. 1244 erstmals als "Staleburg" in einer Urkunde erwähnt, diente sie als Ritterburg und wurde 1564 vom sächsischen Kurfürst zum Jagdschloss umgebaut. Schon für das 17. Jahrhundert lässt sich eine Nutzung als Untersuchungsgefängnis belegen – der eigens zu diesem Zweck auf dem Hohen Eck gebaute Bergfried soll der Burg ihren neuen Namen gegeben haben.

Seit 1862 diente der hoch über Stollberg thronende Burgbau mit seinen dicken Mauern als "Königlich-Sächsisches Weiberzuchthaus". Massive bauliche Veränderungen gingen mit dieser Umwidmung einher, unter anderem die Anlage von Zellentrakten und der Umbau von Prunksälen in Arbeitsräume. In den 1880er-Jahren wurden die weiblichen Insassen nach Waldheim verlegt. Hoheneck diente dann als Verwahrort für straffällig gewordene Männer, während des Ersten Weltkrieges kurz als Reservelazarett und während der Weimarer Republik eine zeitlang auch als Strafanstalt für Jugendliche.

Politische Häftlinge in der NS-Zeit

Unmittelbar nach dem Machtantritt der Nazis wurden in Hoheneck auch politische Gefangene interniert, die Haftumstände verschärften sich – bis hin zur "Vernichtung durch Arbeit": Der ehemalige sächsische Justizminister Thierack liefert in seiner Funktion als Reichsjustizminister 1942 ihm anvertraute Häftlinge an die SS aus, "da die Justiz nur in kleinem Umfange beitragen kann, Angehörige dieses Volkstums auszurotten." Gemeint sind "Sicherungsverwahrte, Juden, Zigeuner, Russen und Ukrainer, Polen über drei Jahre Strafe, Tschechen und Deutsche über acht Jahre Strafe."

Sowjetische Militärtribunale

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nutzte die sowjetische Militäradministration SMAD das Gefängnis. Grundlage der Internierungen war der auf der Konferenz von Potsdam gefasste Beschluss der Alliierten, Kriegsverbrecher, führende Nationalsozialisten sowie Personen, die für die Besatzungsmächte möglicherweise gefährlich werden konnten, zu internieren und abzuurteilen. Die Praxis in den westlichen Besatzungszonen lief auf eine schnelle "Entnazifizierung" hinaus, viele Täter wurden zu "Mitläufern" erklärt und wieder entlassen. Ganz anders dagegen erging es den Betroffenen in der sowjetischen Besatzungszone: Die berüchtigten sowjetischen Militärtribunale (SMT) verurteilten hunderte Frauen und Männer in grotesken Prozessen zu langen Lagerstrafen. Oft wurde die Todesstrafe verhängt und vollstreckt.

Unter der Herrschaft des stalinistischen Geheimdienstes NKWD begann eine gnadenlose Jagd auf vermeintliche oder tatsächliche Systemgegner. In der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung wird heute von "Stalins Prophylaxe" gesprochen. Im Grunde handelte es sich um eine vorbeugende Maßnahme, die den zu erwartenden Widerstand beim Aufbau des Sozialismus in der sowjetischen Besatzungszone minimieren sollte, indem bekennende oder vermutete Systemgegner von der Gesellschaft isoliert wurden. Wer als Nazi, Konterrevolutionär oder Westspion denunziert oder verdächtigt wurde, landete oftmals für Jahre in den Speziallagern, die teilweise auf dem Gelände ehemaliger Konzentrationslager wie Buchenwald und Sachsenhausen eingerichtet wurden. Die Internierten lebten oft ohne jeglichen Prozess und ohne Kontakt zur Außenwelt.

Eine seit 1992 zugängliche Kartei im Moskauer Staatsarchiv der Russischen Föderation weist eine Zahl von 157.837 Gefangenen für den Zeitraum bis zum März 1950 aus. Auch nachdem die Gefangenen Anfang 1950 von der Sowjetunion an die Polizeibehörden der inzwischen gegründeten DDR übergeben worden waren, besserte sich für viele die Lage nicht. Auch nicht für die 1.119 Frauen und 30 Kinder aus Sachsenhausen, die nun nach Hoheneck kamen.

Die 1950er-Jahre

Das Gefängnis Hoheneck war zu diesem Zeitpunkt nach unterschiedlichen Angaben auf 230 bis höchstens 600 Haftplätze ausgelegt, die tatsächliche Belegung um ein Vielfaches höher. Die Gefangenen mussten teils auf dem bloßen Boden liegen, erst Wochen später gab es Strohsäcke. Besonders hart traf es die Mütter der in den Lagern geborenen Kinder. Sie wurden wenige Wochen nach Ankunft in Hoheneck von ihren Kindern getrennt und konnten sie erst nach der Entlassung wieder sehen – manche auch gar nicht. Bis 1952 wurden in Hoheneck noch mindestens 27 Kinder geboren, die ebenfalls von ihren Müttern getrennt wurden.

Die Frauen wurden zur Arbeit eingeteilt, nach und nach stiegen die Normen und der Druck. So starb die Lyrikerin Edeltraud Eckert, der bei einem Arbeitsunfall die Kopfhaut abgezogen wurde. Im Winter 1952 fiel die Heizungsanlage aus, 1953, nach dem Tod Stalins, kam es zu einem dreitägigen Hungerstreik, mit dem die Frauen eine Überprüfung ihrer Haftgründe und bessere Bedingungen einforderten. Eine Amnestie schleppte sich bis 1956 hin. Die Entlassenen wurden unter Androhung von Strafen zu Stillschweigen über die Haftzeit verpflichtet.  

Hochburg der Ausreisewilligen

Weibliche Gefangene im Strafvollzug Hoheneck arbeiten in einer Näherei
Die weiblichen Gefangenen arbeiteten unter anderem in dieser Gefängnis-Näherei. Bildrechte: Archiv Stiftung Sächsiche Gedenkstätten

In den 1960er- und 70er-Jahren gab es einige geringfügige Verbesserungen der Haftbedingungen, aber noch immer war der Knast mit bis zu 1.600 Frauen überbelegt.

Ab 1960 gab es Toiletten mit Wasserspülung (bis dahin nur Kübel für die Notdurft) – aber noch bis 1976 nur kaltes Wasser zum Waschen. Das bedeutete, dass sich die Frauen vor den selten zugelassenen Besuchen ihre Haare mit Malzkaffee wuschen. Neuere Forschungen beziffern den Anteil politischer Gefangener in jener Zeit auf etwa 30 Prozent – zunehmend waren es neben "staatsfeindlicher Hetze" Delikte wie "versuchte Republikflucht" oder "illegale Kontaktaufnahme", die zur Inhaftierung führten. Nachdem 1983 eine UN-Kommission Haftanstalten in der DDR besichtigte, wurden erhebliche Erleichterungen veranlasst.

Bis in die späten 1980er-Jahre florierte der Gefangenenverkauf an den Westen. Zunächst waren es etwa 40.000 DM, dann bis zu 96.000 DM, die pro politischer Gefangener an die DDR gezahlt wurden. Und so wurde Hoheneck neben seiner Funktion als Gefängnis für kriminelle Straftäterinnen zu einer der Sammelstellen für Ausreisewillige, die von der DDR kriminalisiert, observiert und schikaniert wurden. Ende 1989 waren noch etwa 400 Frauen in Hoheneck inhaftiert.

Eine Frau sieht durch einen Türspion. 6 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Strafvollzug und Denkmalschutz

Nach der Friedlichen Revolution und einer großen Amnestie diente Hoheneck noch einige Jahre als Justizvollzugsanstalt für etwa 50 Gefangene, daneben als Untersuchungshaftanstalt und Jugendarrest. 2001 beschloss der Freistaat Sachsen, diese Nutzung der alten Burg aufzugeben – die Anlagen entsprachen nicht den Anforderungen an modernen Strafvollzug. Dazu kam, dass erforderliche Umbauten wohl mit den Auflagen des Denkmalschutzes kollidiert wären. 2002 verkaufte der Freistaat das Areal mit seinen historischen Bauten an einen privaten Investor. Die angedachte Umnutzung des Areals zu einem Freizeit- und Erholungskomplex scheiterte jedoch an wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Investors und dem Widerstand der Opferverbände. So kaufte die Stadt Stollberg 2014 den Komplex zurück und richtete dort 2015 die Gedenkstätte "Frauenhaftanstalt Hoheneck" ein.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | unicato | 17. September 2020 | 00:25 Uhr