Meilensteine der Universitätsgeschichte Zwischen Trümmern und DDR-Ideologie: Universität Leipzig 1946 wiedereröffnet

In der mehr als 600-jährigen Geschichte der Alma Mater Lipsiensis sind die Nachkriegszeit und die 40 Jahre DDR tatsächlich nur eine Fußnote – und dennoch eine sehr prägende Epoche. Die Universität Leipzig, die am 5. Februar 1946 feierlich wiedereröffnet wurde, bekam 1953 den Namen Karl-Marx-Universität. Einer Ideologie folgte die nächste und so wurde aus Nationalsozialismus nur Sozialismus. Zentrale Lehrpläne, kommunistische Bekenntnisfächer und "gesellschaftliche Arbeit" sollten der SED genehme Absolventen hervorbringen.

Karl-Marx-Universität
Sieben Jahre nach der feierlichen Wiedereröffnung 1946 wurde die Universität Leipzig in Karl-Marx-Universität umbenannt. Bildrechte: Karl Heinz Mai / Fotothek Mai

1945 lag die Universität Leipzig in Trümmern. Baulich und geistig. Der Großteil der Gebäude und Bücher waren durch die Bombenangriffe zerstört oder beschädigt, und mit ihrem Ruf und ihrer Substanz war es durch die Kollaboration mit den Nazis nicht mehr weit her. Auch in Leipzig waren mit Beginn der Nazi-Diktatur jüdische Wissenschaftler vertrieben worden, viele der verbleibenden Professoren krochen zum Hakenkreuze, wurden Parteimitglieder, um ihre Karrieren fortzusetzen oder zu beflügeln. Schon 1934 schrieb Theodor Litt – einer der wenigen, die sich widerständig verhielten:

Übrigens bin ich überzeugt, dass vieles Derartiges nicht geschehen wäre, wenn sich die deutschen Hochschullehrer von vornherein mit Würde gegen diese Unverschämtheit gewehrt hätten statt zusammenzuknicken. Die Würdelosigkeit der Lage, in der sich die deutsche Gelehrtenwelt heute befindet, ist unsagbar beschämend.

Theodor Litt Professor für Philosophie und Pädagogik

Wiedereröffnung der Universität Leipzig 1946

Am 5. Februar 1946 fand die Wiedereröffnung der Universität statt. Zunächst hatten die Amerikaner einen neuen Rektor eingesetzt, den die sowjetischen Besatzer aber sofort nach dem Einrücken in Leipzig durch einen ihnen genehmeren ersetzten. Es war der Philosoph Hans-Georg Gadamer. Im Nachhinein wird er bekennen, dass ihm schon diese Einsetzung Bauchschmerzen bereitete:

Da fällt auf, dass wir, im Dritten Reich, insofern eine andere Lage hatten, als die Nazis ja die Intellektuellen einfach verachteten. Während die Marxisten sie gewinnen wollten. Und es ist viel, viel gefährlicher, gewonnen als verachtet zu werden.

Hans-Georg Gadamer Philosoph und damaliger Rektor der Universität Leipzig

"Von der braunen in die rote Zwangsjacke"

Die neuen Machthaber schrieben sich auf die Fahnen, die bürgerlichen Intellektuellen für die Sache des Sozialismus zu gewinnen. Zunächst mit Erfolg. Namhafte Exilanten wie der Literaturwissenschaftler Hans Mayer oder der Philosoph Ernst Bloch kamen nach Leipzig. Mit Gustav Hertz forschte und lehrte ein Nobelpreisträger am Physikalischen Institut. Viele Wissenschaftler bekannten sich zum Marxismus und arbeiteten mit Eifer am Aufbau der Karl-Marx-Universität, deren Umbenennung 1953 erfolgte. Ein Geist von Aufbruch und Neubeginn wehte durch die Institute. Aber bereits in den späten 40ern wuchs der ideologische Druck auf Rektor Gadamer und die Universität. Statt eines demokratischen Neuaufbaus erfolgte eine erneute Indoktrination, die Uni kam "von der braunen in die rote Zwangsjacke", wie es Theodor Litt ausdrückt.

Ein Beispiel dafür war das Arbeiterstudium. Ein altes Ziel der Sozialisten, noch aus Bebels und Liebknechts Tagen stammend. Endlich sollte Chancengleichheit im Bildungssektor hergestellt werden. Und selbst Rektor Gadamer sprach sich dafür aus, dass bevorzugt Arbeiterkinder zum Studium zugelassen werden:

Das Arbeiterstudium ist eine politische und soziale Notwendigkeit. Ich kann es nur bedauern, wenn es unter den deutschen Studenten heute noch solche gibt, die ganz gleich, ob sie aus der einen oder anderen gesellschaftlichen Schicht kommen, das nicht als gemeinsame Notwendigkeit einsehen.

Hans-Georg Gadamer Philosoph und damaliger Rektor der Universität Leipzig

Studentischer Widerstand

Die Bevorzugung der Arbeiter aber war denen ein Dorn im Auge, die darin eine neue Ungerechtigkeit erkannten. Allen voran der Studentenratsvorsitzende Wolfgang Natonek. Der liberale Student hielt flammende Reden gegen die doktrinäre Durchsetzung der Privilegien für Arbeiter. Für ihn stand fest: Die Wissenschaft müsse sich frei von jeder politischen Beeinflussung bewegen können, gleichwohl habe der Wissenschaftler ein politisch bewusster Mensch zu sein. Seine Polemik gegen die Immatrikulierungspolitik der SED gipfelt in der Formulierung, es habe eine Zeit gegeben, "in der nicht studieren konnte, wer eine nichtarische Großmutter hatte. Wir wollen nicht eine Zeit, in der nicht studieren kann, wer nicht über eine proletarische Großmutter verfügt". Trotz mehrerer Verwarnungen durch sowjetische Behörden und einer Verleumdungskampagne der SED-Presse kandidierte Natonek im Frühjahr 1948 erneut als Studentenratsvorsitzender, gewann die Wahlen haushoch.

Im November 1948 wurde Natonek von der sowjetischen Geheimpolizei verhaftet und zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. In Bautzen und Fort Zinna wurde er bis 1956 gefangen gehalten, dann vermutlich auf Grund von Gnadengesuchen einflussreicher Persönlichkeiten in den Westen entlassen. Härter traf es Herbert Belter, der an der Uni Leipzig Flugblätter unter anderem für freie Wahlen verteilt hatte. Belter wurde zum Tode verurteilt und 1951 in Moskau hingerichtet.

Mit Macht auf dem Weg zur Karl-Marx-Universität Leipzig

Schild von der Arbeiter- und Bauern-Fakultät der Universität Leipzig
An der Universität Leipzig begann die Arbeiter- und Bauern-Fakultät am 1. Oktober 1949 mit 440 Studenten. Bildrechte: MDR

Ein wesentlicher Schritt zur Dominanz der Genossen an der Uni Leipzig war die Gründung einer Fakultät Gesellschaftswissenschaften – einzig zu dem Zweck, den Marxismus an der Uni zu etablieren. Genau dagegen wandte sich Rektor Gadamer – vergebens. Schließlich resignierte er vor der Übermacht, knüpfte Kontakte in den Westen Deutschlands und ließ sich nach Frankfurt am Main berufen. Seit dieser Zeit, Anfang der 50er-Jahre, befand sich die Universität Leipzig fest in der Hand der SED. Die Journalistik wurde als eigenständige Fakultät in Leipzig begründet und ging als "Rotes Kloster" in die Fachgeschichte ein. Die Fakultät brachte ganze Generationen von Zeitungs- und Medienmachern hervor. In Leipzig wurden Vorlesungen in Marxismus-Leninismus ins Pflichtprogramm aller Studierenden aufgenommen.

Leibesübungen und Praktika in volkseigenen Betrieben sind verpflichtend, feste Studienpläne und Seminargruppen verschulen das Studium. Westliche Fachbücher verschwanden im "Giftschrank" und durften nur mit Sondergenehmigung gelesen werden. Forschungspläne schrieben den Wissenschaftlern vor, was sie zu erforschen haben. Und es gab Tabuthemen – zum Beispiel den "stalinistischen Terror" –sowie feste Sprachregelungen – zum Beispiel "faschistischer Putsch" für den Volksaufstand vom 17. Juni.

Christliche Studenten an der Karl-Marx-Universität Leipzig

Die Leipziger Karl-Marx-Universität war nach der Berliner Humboldt-Universität die bedeutendste Hochschule der DDR. Hier wurden sowohl Geistes- als auch Naturwissenschaftler ausgebildet und es gab etliche Institute, etwa für Rechtsmedizin oder Tropenkrankheiten. Die fachliche Ausbildung war anerkanntermaßen gut. Ausgebildet wurden aber auch Theologen. "Wir wollten ja Pfarrer in der DDR werden, weil wir sagten: Das Himmelreich geht an der DDR nicht vorbei, sondern mitten hindurch", erinnert sich der einstige Theologiestudent Nikolas Krause.

Wenn ich im Sozialismus lebe, muss ich mich natürlich mit der Frage auseinandersetzen: Ist im Sozialismus nicht sehr viel Urkommunismus gewesen? Und wo ist der geblieben?

Nikolas Krause Theologiestudent

Tiefgreifende Umstrukturierung

Am Ende der DDR-Zeit waren 80 Prozent aller Professoren Mitglied der SED. Und wenn Leipzig als das Zentrum der Friedlichen Revolution gilt, so lässt sich nicht sagen, dass von der Universität dafür wesentliche Impulse ausgegangen wären. Bald aber gab es wieder einen frei gewählten Studentenrat, und im Februar 1991 wurde der parteilose Chemiker Cornelius Weiss zum Rektor der nun wieder schlicht "Universität Leipzig" heißenden Alma mater Lipsiensis gewählt. Seine Amtszeit war geprägt von einer tiefgreifenden Umstrukturierung, einschließlich Stellenabbau – von den 10.000 Beschäftigen verloren knapp 7.000 ihre Arbeit. Interdisziplinäre Zentren und fächerübergreifendes Denken sollten der Universität den Weg zurück an die Spitze der deutschen Hochschulen bahnen.

Heute zählt die Universität Leipzig mehr als 30.000 Studierende. Und auch baulich prägt die Universität mit ihren Neubauten in der Innenstadt das Bild Leipzigs als Stadt des Geisteslebens und der Wissenschaften.

Leipzig Blick vom Augustusplatz Richtung "MDR Zahn" und Universitätskirche (Cityhochhaus, Augusteum und Paulinum)
Blick auf Augustusplatz Richtung Universitätskirche St. Pauli Bildrechte: Imago-Stock

Auch interessant