Die "Kirow"-Werke Kirow-Werke Leipzig: Weltmarktführer einst und heute

Die Leipziger Kirow-Werke haben eine lange Tradition. Nach 1990 schien es damit vorbei zu sein, doch "Kirow" erholte sich - allerdings auch auf Kosten der Belegschaft.

"Arbeit ist gut fürs Ego", sagt Matthias Kranz, heute Werksleiter bei Kirow in Leipzig. Als 16-Jähriger begann er sein Berufsleben in der traditionsreichen Kranbaufirma. Damals war sie noch ein Vorzeigebetrieb der DDR, Weltmarktführer gar, zumindest wenn man der Propaganda Glauben schenken wollte. Der VEB Kirow exportierte allein 5.000 Kräne in die Sowjetunion.

Rundum-Versorgung für die Kirow-Belegschaft

Damals war der Betrieb für seine Arbeiter mehr als nur der Ort, an dem sie ihren Lebensunterhalt verdienten. "Kirow" bot – wie  alle Betriebe und Kombinate in der DDR - seinen Arbeitern und Angestellten eine ganze Reihe sozio-kultureller Angebote: Ferienlager und Betriebskindergarten, Poliklinik, Zirkel für künstlerisches Volksschaffen und Betriebssportgruppen. "Wir haben Wettkämpfe gemacht, 100-Meter-Lauf, Weitspringen", erzählt Josef Richter, Kranfahrer und Fußballer in der Werkself. "Die Versorgung war vom Betreib her gesichert, so dass wir hier fast den ganzen Tag als Betriebskollektiv hier waren und unsere Wettkämpfe durchgeführt haben."

Mit dem Ende der DDR offenbarte sich jedoch die jahrelange Misswirtschaft: Wie die meisten volkseigenen Betriebe der DDR wurde das Kirow Werk zum Sanierungsfall. An die 3.000 Mitarbeiter mussten gehen, unter ihnen auch Josef Richter, der kurz vor der Rente stand. Es war eine lange Talfahrt, bevor der traditionsreiche Betrieb im Jahr 2005 endlich einen Aufschwung erlebte.

Aufschwung nach langer Talfahrt

Kirow heute. Das Klima bei den 200 Mitarbeitern ist gut, dank Tarifvertrag und 38-Stunden-Woche. "Kirow" ist zwar wieder Weltmarktführer, spezialisiert auf Eisenbahnkräne, doch der wirtschaftliche Erfolg gründet sich überwiegend auf Leiharbeiter. Der globalisierte Arbeitsmarkt fordert flexible und effiziente Mitarbeiter. Der Schweißermeister Hansjürgen Breitlich hat acht Jahre in diversen deutsche Fabriken gearbeitet - mal vier Wochen hier, mal vier Monate da – eine Art Arbeitsnomade: "Der Festangestellte kriegt mehr, der Leiharbeiter kriegt weniger. Und der Leiharbeiter weiß, ich bin vier Wochen oder vier Monate hier und dann muss ich gehen, und wo gehe ich dann hin- und das ist das große Problem." Zwei Jahre lang war er auch Leiharbeiter bei Kirow, ehe er kürzlich in die Stammbelegschaft übernommen wurde. 

Es hat sich viel verändert. "Nicht der Mensch, sondern das Geld zählt heute. Wirtschaftlichkeit dominiert alles", sagt Matthias Kranz. "Der wichtigste Unterschied, den ich nach der Wende erfahren habe, ist die Unsicherheit. Die jungen Leute gehen damit ganz anders um, die nehmen das viel lockerer. Aber ich denke für die ältere Generation, also für mich persönlich war das dass, was mich belastet hat."

(erste Veröffentlichung am 27. September 2013)