Unmut über Wechselkurs Der Preis der D-Mark

Mit dem Tag der Währungsunion konnten alle DDR-Bürger ihr Bargeld und ihre Spareinlagen von Ostmark in D-Mark umtauschen. Nur ein gewisser Betrag konnte 1:1 umgetauscht werden. Der Rest wurde "halbiert". Im Detail hing der Umtauschkurs auch vom jeweiligen Alter des Kontoinhabers ab und sorgte für Unmut.

Diese Dresdner Familie tauschte am 01.07.1990 in einer Sparkasse in Dresden Ostmark gegen 2000 D-Mark.
Zunächst war die Freude über die "harte Währung" groß. Bildrechte: imago/Ulrich Hässler

Die D-Mark wird ab 1. Juli 1990 alleiniges Zahlungsmittel in der ehemaligen DDR. Die Forderung danach war nach dem Mauerfall immer lauter geworden. "Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, geh'n wir zu ihr!", das war nur einer der Rufe auf den Kundgebungen. Am 1. Juli 1990 schließlich tritt die Wirtschafts- und Währungsunion in Kraft. Doch es kommt anders, als sich die meisten wohl erhofft hatten: Löhne, Gehälter, Renten, Mieten und andere sogenannten "wiederkehrende Zahlungen" werden 1:1 umgestellt.

Aufgefächerte Geldscheine aus der DDR
Plötzlich war die DDR-Mark nur noch bedrucktes Papier. Bildrechte: imago/Bild13

Bei Bargeld und Bankguthaben sind die Regelungen allerdings komplizierter. Kinder unter 14 Jahren können bis zu 2.000 DDR-Mark im Verhältnis 1:1 umtauschen, 15- bis 59-Jährige bis zu 4.000 DDR-Mark, wer älter ist, 6.000 DDR-Mark. Beträge darüber werden im Verhältnis 2:1 umgestellt. Guthaben, die nach dem 31. Dezember 1989 entstanden waren, werden zu einem Kurs von 3:1 umgetauscht. Das führt zu Unmut, immerhin wird so das Ersparte, die finanzielle Lebensleistung der DDR-Bürger, dadurch meistens fast halbiert. Viele schichten eilig Geld auf Kinder oder Verwandte um, aber das kann den Verlust und die damit verbundene Ernüchterung über die ersehnte Währungsunion meist nicht ausgleichen.

Harte Folgen für Ost-Wirtschaft

Von der Einführung der D-Mark im Osten Deutschlands haben sich die Menschen endlich den wirtschaftlichen Aufschwung versprochen. Auch die erhofften Aufstiegschancen rücken in greifbare Nähe. Doch es kommt ganz anders: Die Preise für Lebensmittel verdreifachen sich zum Teil. Wirtschaftsverbände und Ökonomen haben bereits im Vorfeld von einem zu schnellen Prozess und vom Umtauschkurs 1:1 abgeraten. Es heißt damals, dass ein Wechselkurs von höchstens eins zu vier ökonomisch vernünftig wäre - allerdings ist das politisch damals nicht vertretbar. So empfiehlt im März 1990 die Bundesbank bei einer Währungsunion mit der DDR die Umstellung von 2:1 vorzunehmen.

Ostwaren verschwinden aus den Regalen

Gleich am ersten D-Mark-Tag lockt das komplette Sortiment aus dem Westen. Doch nach der ersten Kauflust macht sich Frust breit bei den Kunden im Osten: Die Preise sind überhöht und DDR-Produkte gibt es kaum noch. Das liegt nur zum Teil daran, dass die Menschen mit ihrer neu gewonnenen D-Mark wollen, was sie lange nicht kaufen konnten: Früchte, Tiefkühlpizza und andere "Sehnsuchtsprodukte."

Tonnenweise Geld

Bevor sich die ersten Geldtransporte der Bundesbank aus Frankfurt am Main auf den Weg gen Osten machen, erkundeten Bedienstete des Geldinstituts die Tresorsituation in der DDR. Immerhin gilt es, ca. 460 Tonnen Geldscheine im Wert von 27,5 Milliarden D-Mark so auf die DDR zu verteilen, dass die neue Währung mit dem Stichtag 1. Juli in allen Bezirken vorrätig ist.

Bargeld im Bierlaster

Zu ihrem Erstaunen finden die Bundesbanker in den Tresoren und Bunkern der DDR tonnenweise Altgeld. Hastig werden die Geldsäcke verladen und in einen leeren Sandsteinstollen in der Nähe von Halberstadt gebracht. Das DDR-Münzgeld wird größtenteils eingeschmolzen. Aus den oft belächelten "Alu-Chips" werden Aluminiumbarren für die Autoindustrie. Erst als genügend Platz in den Tresoren ist, rollen die Transporte mit der begehrten D-Mark gen Osten. Mal ganz offen in einem Geldtransporter unter Polizeischutz, mal – wie etwa in Chemnitz – in Lieferwagen, die als Biertransporter getarnt sind.

Volkspolizist 3 min
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Die D-Mark kommt

Wer das neue Geld ausgezahlt bekommen möchte, musste in den Wochen zuvor einen Antrag auf Umstellung des Kontos von DDR-Mark auf D-Mark stellen. Zugleich kann er dann sogenannte Auszahlungsquittungen bei den Banken erhalten, die aber nur bis zum 6. Juli 1990 gültig sind. Diese Auszahlungsquittungen berechtigten zur Auszahlung von 2.000 D-Mark pro Person. Ab der zweiten Woche solle der Zahlungsverkehr dann wieder ohne Begrenzungen bei den Auszahlungen laufen.

Menschen stehen am Sparkassenschalter 5 min
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Geschichte

Mehrere Hände greifen nach einem großen Geldschein 10 min
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Der allgemeine Umstellungssatz zur Währungsunion am 1. Juli 1990 betrug: 1:1
- für Personen bis 14 Jahre für bis zu 2.000 Mark der DDR Kontoguthaben
- für Personen bis 60 Jahre für bis zu 4.000 Mark der DDR Kontoguthaben
- für Personen ab 60 Jahre für bis zu 6.000 Mark der DDR Kontoguthaben

- Soweit die Guthaben die bevorzugt umzustellenden Beträge überstiegen, erfolgte die Umstellung im Verhältnis 2:1.

- Guthaben, die nach dem 31. Dezember 1989 entstanden waren, wurden zu einem Umtauschkurs von 3:1 umgetauscht.

- Löhne, Gehälter, Renten, Mieten und Pachtkosten wurden im Verhältnis 1:1 umgestellt.

- Bankguthaben von natürlichen und juristischen Personen mit Wohnsitz außerhalb der DDR, die vor dem 31. Dezember 1989 entstanden, wurden im Verhältnis 2:1 umgestellt. Für Bankguthaben, die nach dem 31. Dezember 1989 entstanden, galt ein Umstellungsverhältnis von 3:1.

- Im Durchschnitt belief sich der Konversionssatz, bezogen auf alle bilanziell erfassten Forderungen und Verbindlichkeiten des Geld- und Kreditsystems der DDR, auf 1,8:1.

- Die Guthaben juristischer Personen oder sonstiger Stellen wurden ausschließlich im Verhältnis 2:1 umgestellt.

(Quelle: Bundesbank Faktenblatt)

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: MDR Zeitreise: Ersehnt und verflucht – die Westmark erobert den Osten | 28. Juni 2020 | 22:10 Uhr

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