Medikamente historisch "Ovosiston"
Bildrechte: MDR/Karina Hessland/Imago

Internationaler Tag der Anti-Baby-Pille Eine Revolution als Nebenwirkung

Im Osten hieß sie Wunschkindpille, im Westen Antibabypille: Egal, wie man das kleine runde Ding auch nennt, der Teufel steckt im Detail. Das Verhütungsmittel, das zum ersten Mal eine gezielte Familienplanung möglich machte, hatte eine Nebenwirkung, die gesellschaftlichen Sprengstoff barg: Sex aus Spaß, statt Sex um Babys zu zeugen.

Medikamente historisch "Ovosiston"
Bildrechte: MDR/Karina Hessland/Imago

Im Osten hieß sie Wunschkindpille, im Westen Antibabypille: Ganz gleich, von welcher Seite aus man das kleine runde Ding auch betrachtet – Es ist der Grundstein für d i e gesellschaftliche Revolution des vergangenen Jahrhunderts: Jetzt haben auch Frauen Sex ohne Sorge schwanger zu werden. Männer natürlich auch, aber die Verantwortung über den alles entscheidenden Moment liegt seither nicht mehr allein in ihrer Hand. Die Sexualität der Frau wird unabhängig von der Fortpflanzung.

Eine Revolution und kaum eine darf mitmachen

Die Einführung der Pille aus dem Hause Schering ab 1. Juni 1961 in der BRD und der DDR 1965 findet regelrecht unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. In der Bundesrepublik berichtet "Der Spiegel" 1961 lediglich über die Einführung der Pille in Ländern wie den USA oder Australien. Dass wenige Monate später ein ähnliches Präparat auch in Deutschland auf den Markt kommen soll, wird mit keiner Silbe erwähnt.

Die Pille nicht für jede

Die Ärzte verschreiben die Pille zunächst an ausgewählte Patientinnen - verheiratete Mütter über 30, die unter Regelschmerzen leiden. Das passt in die Zeit – Unverheiratete haben der damaligen Moral zufolge keinen Sex und brauchen dieser Logik folgend auch kein Verhütungsmittel. Dazu passt auch der verschämte Umgang der Herstellerfirma mit der eigentlichen Wirkung der Pille, im Kleingedruckten auf dem Beipackzettel: "Das Präparat wirkt empfängnisverhütend".

Erst ab 1966 können Meinungsforscher eine 100prozentige Bekanntheit der Pille belegen. Und das bedeutet wiederum, dass junge, unverheiratete Frauen sich die Pille auf Umwegen besorgen - über Mütter, verheiratete Schwestern oder Freundinnen. Unter Studentinnen kursieren Namen von Ärzten, die das Präparat ohne viele Fragen abgeben.

Wo bleibt der Aufschrei - der Empörung oder der Begeisterung?

Die Reaktion auf die Pille ist verhalten. Anfang der 1960er-Jahre ist Sex kein Thema, über das in der Öffentlichkeit gesprochen wird - weder in der Bundesrepublik noch in der DDR: Sex ist privat und findet hinter verschlossenen Gardinen statt. Das gleiche gilt für die Verhütung. Sexualberatungsstellen gibt es nicht, in der Bundesrepublik ist Eheberatung Sache der Kirchen. Die "Himmlersche Polizeiverordnung" wirkt weiter: Seit 1934 ist Werbung für Verhütungsmittel und -arten untersagt, unter den Nationalsozialisten ist Kinderkriegen Bürgerpflicht; Kondome und Sterilisation sind verboten. Obwohl diese Polizeiverordnung formal 1961 abgeschafft wurde, ist sie noch längst nicht aus den Köpfen getilgt.

Werbung geht nämlich anders ...

Entsprechend wirbt der Pharmahersteller Schering verhalten für das neue Verhütungsmittel. Er informiert zunächst nur Fachärzte für Gynäkologie über die Pille und deren Wirkungsweise. Die Firma scheut die Folgen ihrer eigenen Laborschöpfung: die gesellschaftlichen Debatten und die Kritik, die der Firma unweigerlich drohen. Und möglicherweise auch die unabsehbaren gesellschaftlichen Folgen. Doch als der "Stern" in Ausgabe 14/1961 über die empfängnisverhütende Pille berichtet, werden auch die anderen Ärzte informiert.

Pragmatismus in der DDR

Eine Arbeiterin wurde ausgezeichnet und hält eine Urkunde und einen Präsentkorb in den Händen, die Brigade, das Kollektiv, steht rund um die Ausgezeichnete in einer Werkhalle im VEB Kabelwerk Oberspree (KWO), aufgenommen am 22.03.1977.
Die DDR brauchte die Arbeitskraft der Frauen Bildrechte: dpa

1965 zieht auch in der DDR der VEB Jenapharm nach: Ovosiston kommt auf den Markt. Auch hier wurde das Medikament anfänglich nur in speziellen Fällen verschrieben – an kinderreiche Frauen mit häufigen Entzündungen. Doch bald wird Ovosiston als "Wunschkindpille" beworben und offensiv zur Familienplanung eingesetzt - Anfang der 70er-Jahre dann sogar gratis. Das Politbüro betreibt so aktive Familienplanung und sichert gleichzeitig dem Arbeitsmarkt die Frauen als Arbeitskräfte. Das Gesundheitsministerium hat dagegen die Kosten im Blick - die Zahl der Abtreibungen ist hoch, genau wie die Kosten für den Eingriff auf Staatskosten. Ein Kuriosum - in der kleinen Republik ist beides gratis - die Abtreibung genauso, wie die Verhütung.

Krankenhäuser erben die Patientinnen der "Engelmacherinnen"

Zeitgleich rumort es dennoch in der Gesellschaft – in den Krankenhäusern häufen sich Fälle von schwer verletzten oder erkrankten Frauen. In ihrer Not versuchen viele Schwangerschaften selbst zu beenden, mit Hilfe von "Engelmacherinnen", unsachgemäß mit Stricknadeln, Chemikalien, giftigen Pflanzen oder Laugen, wie Tinkturen aus Petersiliensamen. Das Wissen um natürliche Verhütungsmethoden und dessen generationenübergreifende Weitergabe hatten die Nationalsozialisten mit ihrer Familienpolitik aus dem Bewusstsein der Frauen getilgt – auf Jahrzehnte hinaus.

Die neue Macht der Frauen – die neue Angst der Männer

Die Debatte um die Pille ist hitzig. Konservative sorgen sich um die sexuellen Folgen für die Jugend, die Kirche bangt um ihre Autorität in Sachen Ehe und Familienberatung. Papst Paul VI. wettert in der Enzyklia "Humana Vitae“, jeder sexuelle Akt sei nur sittlich gut, "solange er der Fortpflanzung diene". Mediziner fürchten um das Ansehen ihrer Zunft und ihrer beruflichen Autorität.

Wie die Frauen zur Pille stehen, wird von den Meinungsmachern kaum gehört. Es wird über die Frauen gesprochen, aber nicht mit ihnen. In der "Ulmer Denkschrift" wollen Hochschulprofessoren die Pille verbieten lassen. Begründung: Nehme man den Frauen die Angst vor der Schwangerschaft, "würden sie hemmungslos". Dass die Frauen plötzlich selbst über ihre Sexualität bestimmen können, stößt einem Teil der Gesellschaft sauer auf. Das wiederum amüsiert die Satirezeitschrift "Pardon" und die Macher ätzen fröhlich auf der Titelseite: "Die Pille enthemmt - nehmen Sie sie!" - Kein Wunder, denn Pille ermöglicht etwas, was bisher ein Privileg der Männer war: Unsichtbare, weil folgenlose Seitensprünge. Eine bittere Pille für alle, die sich bisher der weiblichen Treue sicher waren: Die Angst, bei einem Seitensprung schwanger zu werden, dieses psychologische Verhütungsmittel, war mit Erfindung der Pille schlichtweg gegessen.

Über dieses Thema berichtete der MDR im TV in "Aktuell" 17.12.2015 | 21.45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. August 2017, 11:19 Uhr