Vor 30 Jahren Zwei-plus-Vier-Vertrag: Ostdeutsche wurden wie Besiegte behandelt

Vor 30 Jahren ist der Zwei-plus-Vier-Vertrag unterschrieben worden. Deutschland bekam damit grünes Licht für die Wiedervereinigung und die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs eingeschränkte Souverenität zurück. Bei den Verhandlungen dazu saßen natürlich auch DDR-Vertreter mit am Verhandlungstisch. Doch sie hatten kaum etwas zu sagen, waren isoliert und wurden von ihren westdeutschen Kollegen wie Besiegte behandelt - das glaubt jedenfalls der damalige Außenminister der DDR, Markus Meckel.

Der deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher (r) und sein DDR Premierminister Lothar de Maiziere (l) während der Unterzeichnung des 2 plus 4 -Vertrages. Im Moskauer Hotel "Oktober" unterzeichneten am 12. September 1990 die Außenminister der beiden deutschen Staaten und der vier Siegermächte den Vertrag über die äußeren Aspekte der deutschen Einheit.
Hans-Dietrich Genscher und Lothar de Maiziere während der Unterzeichnung des "Zwei- plus-vier -Vertrages" in Moskauer am 12. September 1990. Bildrechte: dpa

Wenn die Beteiligten von damals sich an die Begegnungen vor 30 Jahren erinnern, fällt eines sofort ins Auge: Die Verhandlungspositionen, Allianzen und taktischen Manöver bei den "Zwei-plus-Vier"-Verhandlungen wurden nahezu unter Ausschluss der DDR-Vertreter abgesteckt. Dass da eine neue, erstmals demokratisch gewählte ostdeutsche Regierung mit am Tisch sitzt, die die Vereinigung beider deutscher Staaten zu ihrer Primärstrategie erklärt, ist für die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges offenbar ohne Belang.

Mir fällt noch nicht einmal der Name des Typs ein, der die DDR vertrat. Und sie taten mir leid, weil die Leute, die ihr Land bei den Verhandlungen vertraten, keinerlei Einfluss darauf hatten.

Philip John Weston, Chefunterhändler von Großbritannien

Schwieriges Verhältnis zu den Politikern aus Bonn

War das angesichts der realen Machtverhältnisse unvermeidlich? Oder haben die Ostdeutschen am Verhandlungstisch – allesamt Neulinge im Geschäft – einfach Ihren Einsatz verpasst? Mit diesen bohrenden Fragen schlägt sich der ehemalige DDR-Außenminister Markus Meckel nun schon seit 30 Jahren herum. Dreh- und Angelpunkt dabei ist immer wieder das schwierige Verhältnis zu den maßgeblichen Politikern in Bonn.

Dabei fängt alles zunächst ganz vielversprechend an. "Gleich bei unserer ersten Begegnung bot mir Hans-Dietrich Genscher an, Beamte des Auswärtigen Amtes zur Unterstützung zu mir nach Ost-Berlin zu entsenden", erinnert sich Markus Meckel. "Ich war dafür dankbar – und vorsichtig zugleich. Einerseits brauchte ich dringend solche Hilfe, andererseits wollte ich jede direkte Einflussnahme vermeiden."

Markus Meckel, 2. Sprecher und Mitglied des SPD-Vorstandes.
Markus Meckel Bildrechte: MDR/Bundesarchiv/Elke Schöps

Nur SED-konforme Kader im Außenministerium der DDR

Markus Meckel steckt wie so viele seiner neuen DDR-Ministerkollegen in einem Dilemma. Ziemlich schnell braucht er, das "Greenhorn", wie er sich selbst im Rückblick nennt, zuverlässige, loyale Mitarbeiter. Menschen, die über außenpolitische Fachkompetenz, Sprachfähigkeiten und Verwaltungserfahrung verfügen. Zur Verfügung stehen ihm bei der Amtsübergabe nur die alten DDR-Kader, die in der Vergangenheit vor allem eins gezeigt haben: 100-prozentig SED-konforme Haltung.

Das Angebot aus Bonn – "Wir schicken Euch kompetente Leute, die mit anpacken“ – kriegen zu dieser Zeit alle von Markus Meckels Ministerkollegen. Doch eine Direktive von Ministerpräsident Lothar de Maizière lautet: westdeutsche Berater ja, leitende Positionen werden jedoch nur ostdeutsch besetzt, um vorsorglich zu verhindern, dass man sich "von außen leiten lässt".

Wer leitet die Zwei-plus-Vier-Gespräche für die DDR?

In der Bredouille rekrutiert Minister Meckel so Mitarbeiter aus kirchlichen Kreisen. Denn es sind die einzigen im DDR-Hoheitsgebiet, die zumindest ansatzweise über außenpolitische Kompetenz und ausreichende fremdsprachliche Fähigkeiten verfügen – ohne politisch belastet zu sein. Unter ihnen ist Hans Misselwitz, ein promovierter Biologe, der seine Stelle bei der Akademie der Wissenschaften verlor, als er 1980 den Einsatz als NVA-Reservist verweigerte, weil damals, nach der Grundung der Solidarnosc 1980 ein Einmarsch in Polen drohte.

Misselwitz wird Verhandlungsführer der DDR bei den Zwei-Plus-Vier-Gesprächen. Die DDR-Delegation will zwar die Einheit so schnell wie möglich, ist aber entschlossen zu widersprechen, wenn bestimmte Bedingungen dem Interesse der DDR-Bevölkerung widersprechen. Doch Misselwitz und Meckel ernten ab der allerersten Teilnahme an den Verhandlungen viel Gegenwind. Und das, obwohl ihnen Rückenwind versprochen wird.

Hans-Dietrich Genscher bot mir eine enge Zusammenarbeit an. Ich durchschaute damals noch nicht das, was er damit meinte, dass ich ihm so folge, dass kein Papier dazwischen passt, und ich ihm sozusagen wie ein Dackel folgen sollte. Das habe ich dann erst später gemerkt. Ich hatte durchaus noch die Illusion, dass mit einem verhandelt und geredet wird.

Markus Meckel, damals Außenminister der DDR

Ost-Berlin will Polen beteiligen – Bonn verärgert

Dass man in bestimmten Punkten konträre Ansichten hat, zeigt sich bereits zu Meckels Amtsbeginn. Denn als Ziel seiner ersten Auslandsreise legt der neue Außenminister der DDR für den 23. April Warschau fest, wo er die wichtigsten Repräsentanten des polnischen Staates – Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki wie auch Präsident Wojciech Jaruzelski trifft. Und das, noch bevor er – offiziell – in Bonn überhaupt seine "Aufwartung" macht.

Meckel reist mit einer Volkskammererklärung im Gepäck in Polen an: Zwei Wochen zuvor hat das ostdeutsche Parlament die Unverletzbarkeit der Oder-Neiße-Grenze zu Polen bekräftigt. Außerdem unterstützt Meckel ausdrücklich die Forderung, Polen an den Zwei-plus-Vier-Gesprächen zu beteilign. Damit gerät er in heftiges Fahrwasser, denn Washington und Bonn hatten sich auf eine andere Strategie verständigt: Die Beteiligung weiterer Staaten an den Zwei-plus-Vier-Gesprächen lehnen beide Regierungen vehement ab.

Die Beweggründe dafür, hat Hans-Dietrich Genscher Markus Meckel bereits vor der Reise nach Polen zu erläutern versucht. Meckel erinnert sich: "Deutschland dürfe nicht wieder zum bloßen Objekt von Viermächtegesprächen werden. Vielmehr sei zu berücksichtigen, dass die Bundesrepublik nunmehr ein angesehener Partner unter den Demokratien des Westens sei. Und nicht zuletzt müsse ausgeschlossen werden, dass mehr als fünfzig ehemalige Kriegsgegner auf den Gedanken kommen könnten, bei der deutschen Vereinigung mitreden zu wollen und neue Reparationsforderungen zu stellen."

Sechs Herren posieren für ein Foto
"Zwei-plus-Vier"-Verhandlungen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Argumentation leuchtet Meckel ein, wie er sich nach Jahren erinnert. Doch bei der Art und Weise, wie man zum großen gemeinsamen Ziel gelangt, liegen Meckel und Genscher quer. Die eigenständigen diplomatischen Bemühungen der DDR-Seite gehen dem Bundeskanzleramt gegen den Strich, das "Zwei-Plus-Vier" als Chefsache betrachtet, in der ostdeutsche Befindlichkeiten keinesfalls machtpolitische Weichenstellungen behindern dürfen.

Markus Meckel und der "Zwei-plus-Vier-Vertrag"

Als Außenminister vertrat Markus Meckel die DDR bei den Zwei-plus-Vier-Gesprächen. Doch er merkt schnell, dass er keine Macht hat und sein Wort nicht zählt. In seinen Memoiren erinnert sich Meckel an die Verhandlungen.

Markus Meckel, 2. Sprecher und Mitglied des SPD-Vorstandes.
Markus Meckel Markus Meckels Ära als Außenminister der DDR währte gerade einmal 130 Tage. In dieser kurzen Zeit musste er lernen, sich auf der ganz großen Politikbühne zu behaupten. Die Voraussetzungen dafür waren freilich denkbar schlecht. Bildrechte: MDR/Bundesarchiv/Elke Schöps
Markus Meckel, 2. Sprecher und Mitglied des SPD-Vorstandes.
Markus Meckel Markus Meckels Ära als Außenminister der DDR währte gerade einmal 130 Tage. In dieser kurzen Zeit musste er lernen, sich auf der ganz großen Politikbühne zu behaupten. Die Voraussetzungen dafür waren freilich denkbar schlecht. Bildrechte: MDR/Bundesarchiv/Elke Schöps
 Markus Meckel im Gespräch mit dem US-Außenminister James Baker 1990
Markus Meckel und US-Außenminister James Baker am 21. Juni 1990 in der DDR Eine aktive Beteiligung der DDR am Zustandekommen des Zwei-plus-Vier-Vertrags ist weder von den Siegermächten noch von der Bundesregierung vorgesehen. Markus Meckel, seit dem 12. April im Amt, versucht dennoch, ostdeutsche Positionen und eigene Lösungsansätze einzubringen. In seinen Memoiren schildert er, wie und warum aber alle Anläufe letztlich gescheitert sind. Nicht nur am Widerstand der anderen, sondern auch seiner eigenen Regierung. (Alle folgenden Zitate von Markus Meckel stammen aus seinem Buch "Zu wandeln die Zeiten", Evangelische Verlagsanstalt 2020.) Bildrechte: dpa
Hans-Dietrich Genscher im Gespräch mit Markus Meckel, 1990
Meckel und Genscher im vertraulichen Gespräch "Als ich am 12. April 1990 zum Außenminister gewählt worden war, waren wichtige internationale Konstellationen bereits festgelegt. Der Zwei-plus-Vier-Mechanismus war erfunden und beschlossen. Die Hintergründe beschrieb mir Hans-Dietrich Genscher, als ich ihn wenige Tage nach der Wahl in Bonn besuchte. Genscher bot mir eine enge Zusammenarbeit an. Daran war ich sehr interessiert und ging davon aus, dass dem eine intensive gegenseitige Information und Absprache folgen würde. Das sollte sich jedoch als nicht realistisch erweisen.“ Bildrechte: dpa
Joseph Biden (Democrat of Delaware) trifft David Hackett Souter.
Der Senator der US-Demokraten, Joe Biden (rechts), 1990 in Washington Noch bevor Markus Meckel offiziell für die Außenpolitik der neuen DDR-Regierung zuständig ist, nimmt er im März 1990 international Tuchfühlung auf. Arrangiert von der westdeutschen SPD reist er in die USA und trifft dort unter anderem Joseph Biden, damals Vorsitzender des Unterausschusses für europäische Angelegenheiten im Kongress. Bildrechte: dpa
Die Teilnehmer auf dem Podium (l-r): Eduard Schewardnadse (UDSSR), Roland Dumas (Frankreich), Markus Meckel (DDR), Hans-Dietrich Genscher (Bundesrepublik), Douglas Hurd (GB) und James Baker (USA).
Beginn der Zwei-plus-Vier-Gespräche am 5. Mai 1990 in Bonn Meckel schreibt: "Die Aufnahme in den Kreis der Außenminister war freundlich, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass sie an meinem Beitrag wirklich interessiert waren. Entgegen mancher gegenteiligen Äußerung wollte man im Grunde nicht, dass mit der nun wirklich demokratischen DDR noch ein Akteur in das Spielfeld trat. Schon bei meiner Rede hatte ich das Gefühl, in Watte zu reden. Ich traf den Ton nicht, der echte Aufmerksamkeit erregen konnte. Alle warteten gespannt auf die Rede Schewardnadses – und das galt auch für mich." Bildrechte: dpa
Die beiden deutschen Außenminister Markus Meckel (l, SPD) aus der DDR und Hans-Dietrich Genscher (FDP) aus der Bundesrepublik Deutschland bei ihrem ersten Treffen am 24.04.1990 in Bonn.
Genscher und Meckel beim ersten Treffen in Bonn Bereits früh fühlt sich die DDR-Vertretung in der Runde isoliert. Informationen vom Auswärtigen Amt fließen nur spärlich, obwohl beide scheinbar ein gemeinsames Ziel verfolgen. Doch die Unterschiede sind schnell offenkundig: "Die Haltung war von der Sorge bestimmt, ob wir auf der abgesprochenen Linie lagen. Und diese Sorge sollte sich als berechtigt erweisen. Wir hatten damals große Hoffnungen, dass mit dem Ende des Kalten Krieges hier Entscheidendes global vorangebracht werden könne. Deshalb traten wir auf den verschiedenen Ebenen dafür ein, dass das künftige, vereinte Deutschland nicht nur den Besitz von Atomwaffen ablehne, sondern auch deren Stationierung." Bildrechte: dpa
Bundeskanzler Helmut Kohl und der damalige Ministerpräsident der DDR , Lothar de Maiziere.
Die Diskrepanzen auf der internationalen Bühne bleiben nicht ohne Echo im Kabinett. Bereits wenige Wochen nach seiner Ernennung zum Außenminister treten Konflikte ans Licht. An einigen davon tragen aus Sicht von Markus Meckel Interventionen des Bundeskanzleramtes eine Mitschuld. "Dort ärgerte man sich darüber, dass ich für eine schnelle Anerkennung der polnischen Westgrenze eintrat. Am 31. Mai schrieb Helmut Kohl an de Maizière, um sich zu beschweren, dass wir diesen Vertragsentwurf eingebracht hatten." Bildrechte: imago images/Rainer Unkel
Bundeskanzler Helmut Kohl und die Volkskammer-Präsidentin Sabine Bergmann-Pohl applaudieren am 17. Juni 1990 während der Feierstunde zum Gedenken an den DDR-Volksaufstand am 17.6.1953.
Helmut Kohl während der Feierstunde zum Gedenken an den DDR-Volksaufstand am 17. Juni 1953 Markus Meckel schreibt in seinen Memoiren: "Am 17. Juni 1990 fand im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt ein Festakt beider Parlamente zum Gedenken an den Volksaufstand 1953 statt. Im Foyer des Schauspielhauses stand ich mit Willy Brandt, als Helmut Kohl eintraf. Er hatte mich damals immer schlicht ignoriert, doch in dieser Konstellation konnte er nicht anders und gab mir die Hand. Es blieb das einzige Mal." Bildrechte: dpa
Abbau des Checkpoint Charlie in Berlin im Beisein von Hans-Dietrich Genscher 1990
Abbau des Checkpoint Charlie "Am 22. Juni 1990 war ich selbst Gastgeber des zweiten Treffens der Außenminister im Rahmen der Zwei-plus-Vier-Gespräche", schreibt Meckel. "Ich war sehr angespannt. Am Tag vorher war in der Volkskammer die lange diskutierte gemeinsame Erklärung von Volkskammer und Bundestag zur polnischen Westgrenze verabschiedet worden. Auf Initiative der Amerikaner fand am Checkpoint Charlie ein öffentlicher symbolischer Akt statt, bei dem das Kontrollhäuschen des Grenzübergangs mit einem Kran weggetragen wurde. Es war ein fröhliches Treiben." Bildrechte: dpa
Eduard Schewardnadse, Hans-Dietrich Genscher und Markus Meckel, während der zweiten Runde der 'zwei plus vier' Konferenz 1990
Zweite Gesprächsrunde am 22.6. in Ost-Berlin mit Eduard Schewardnadse, Hans-Dietrich Genscher und Markus Meckel Weniger fröhlich geht es am Verhandlungstisch zu. Der sowjetische Außenminister Schewardnadse lehnt die Forderung des Westens nach einer Einbindung des neuen Deutschlands in die NATO erneut brüsk ab. Eine Show, wie sich später herausstellt. Einige am Tisch sind freilich darüber informiert: "Von Genscher erhielt ich die Einschätzung, das sei nur eine 'Fensterrede', die innenpolitisch motiviert sei. Auch mir war klar, dass der Parteitag der KPdSU bevorstand, Gorbatschow unter Druck war und wiedergewählt werden musste. Genscher und seine Mitarbeiter hatten uns über die intensiven Gespräche mit Schewardnadse in den Tagen zuvor nicht informiert. Für mich erschien es damals nicht absehbar, ob die Sowjetunion jemals der NATO-Mitgliedschaft zustimmen würde." Bildrechte: dpa
Markus Meckel und Hans-Dietrich Genscher 1990
Genscher und Meckel im Juni 1990 In dieser angespannten Phase bringt Markus Meckel die Idee einer neutralen Sicherheitszone ein, um die Fronten aufzuweichen. Der unabgesprochene Vorschlag sorgt für Kopfschütteln: "Mein wohl schwerwiegendster Fehler als Außenminister war, dass ich diese letztlich unausgegorene Idee am 5. Juni bei den Gesprächen mit Hans-Dietrich Genscher, James Baker und Douglas Hurd zur Sprache und damit in die Öffentlichkeit brachte." Bildrechte: dpa
Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (r, CDU), und der damalige russische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow (M), sowie der damalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP, l) unterhalten sich am 15.07.1990 in entspannter Atmosphäre an einem rustikalen Arbeitstisch, während die anderen Gäste die Szene betrachten, im Garten von Gorbatschows Gästehaus in Archys im Kaukasus, Russland.
15.7.1990: Helmut Kohl, Hans-Dietrich Genscher und Michail Gorbatschow im Kaukasus Kohl und Genscher bringen von dort die Zusage mit, der Kreml habe akzeptiert, dass das vereinigte Deutschland seine Bündniszugehörigkeit selbst bestimme. Meckel schreibt: "Es war an uns vorbeigegangen, wie weit man offensichtlich in bilateralen Gesprächen schon gekommen war. Es gab keine direkten Informationen vor dem Zusammentreffen, weder von Seiten des Auswärtigen Amtes noch von der Sowjetunion. Schewardnadse merkte ich das schlechte Gewissen darüber im Gespräch mit mir an." Bildrechte: dpa
Der Ex-DDR-Außenminister Markus Meckel räumt nach etwa 130 Tagen im Amt am 20. August 1990 seinen Schreibtisch in Berlin, weil die Koalition mit der Regierung De Maiziere auseinandergebrochen ist.
Markus Meckel am 20. August 1990 Markus Meckel räumt am 20. August 1990 seinen Schreibtisch. Die große Koalition ist auseinandergebrochen.  "Im Nachhinein schaue ich selbst mit etwas Ambivalenz und Erstaunen zuruck auf diesen jungen Mann, der ich damals war und frage mich, wie ein solcher Enthusiasmus und Elan möglich war, wie ich ein solches Selbstbewusstsein entwickeln konnte angesichts der sehr begrenzten Möglichkeiten an Zeit, Ressourcen und Mitspielern. Als der Schwächste und Unerfahrenste in der Runde der Außenminister hatte ich die weitreichendsten Ziele." Bildrechte: dpa
Der Minister für Abrüstung und Verteidigung der DDR, Rainer Eppelmann (r), im Gespräch mit dem Abrüstungs- und Sicherheitsexperten der SPD, Egon Bahr (l).
Egon Bahr (li.) und Rainer Eppelmann am 5. Juli 1990 "Eine interessante Petitesse war, dass Egon Bahr mir gegenüber Interesse äußerte, den Posten eines Staatssekretärs in meinem Ministerium zu übernehmen. Ich besprach dies mit de Maizière und lehnte ab. Ich hatte wenig Lust unter einem Staatssekretär Bahr Minister zu spielen." Egon Bahr wird stattdessen auf Wunsch Rainer Eppelmanns am 5. Juli Berater der Nationalen Volksarmee der DDR. Bildrechte: dpa
Unterzeichnung  Zwei-plus-Vier-Vertrag in Moskau September 1990
Unterzeichnung des Zwei-plus-Vier-Vertrags in Moskau im September 1990 Anstelle des zurückgetretenen Außenministers Meckel leistet Ministerpräsident Lothar de Maizière die Unterschrift und bekennt Jahrzehnte später: "Noch heute ist mir bewusst, dass dies die wichtigste Unterschrift in meinem Leben war." Bildrechte: imago images/Rainer Unkel
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Kanzleramt erklärt Polen zur Chefsache

Noch aber liegt da ein Ball im Spielfeld: Auf britischen Vorschlag sind seit dem Frühjahr 1990 trilaterale Gespräche zwischen den beiden deutschen Staaten und Polen anberaumt worden. Für Bonn ist das wohl eher eine symbolische Geste, Ost-Berlin will hier dagegen etwas Substantielles auf den Weg bringen – und knüpft eine Allianz mit Polen. Warschau will nämlich einen eigenen Vertragsentwurf diskutieren, die westdeutsche Seite möchte dagegen nur über den vorliegenden Entwurf der Resolution der beiden deutschen Parlamente sprechen. "Wir erklärten, dass wir grundsätzlich den polnischen Vertragsentwurf unterstützen würden, in dem auch Themen über die Grenzfrage hinaus angesprochen wurden", erinnert sich Meckel.

Doch damit gefährdet Polen einen Punkt, der für Bonn von zentraler Bedeutung ist: die künftige NATO-Mitgliedschaft Deutschlands. Jede ostdeutsche Aussage in Bezug auf kommende Bündniszugehörigkeiten könnte ein Einlenken des Kreml in dieser Frage massiv torpedieren. Entsprechend heftig fällt das Beben im Bundeskanzleramt aus. "Am 31. Mai schrieb Helmut Kohl an Lothar de Maizière, um sich zu beschweren, dass wir diesen Vertragsentwurf mit eingebracht hatten", erinnert sich Meckel. Zu weiteren trilateralen Treffen kommt es nicht, obwohl Polen diese weiterhin für wichtig hält.

Bundeskanzler Helmut Kohl 1990
Bundeskanzler Helmut Kohl 1990 Bildrechte: IMAGO

DDR-Vertreter bei Zwei-plus-Vier-Gesprächen isoliert

Dass in der Bundesrepublik bald Wahlen anstehen und Helmut Kohl auch im Hinblick auf die eigene Wählerschaft der Vertriebenen jedes Zugeständnis an Polen zu vermeiden sucht, ist der Suche nach einem Konsens nicht besonders zuträglich. Und verbunden mit radikalen Konsequenzen. Denn in der Folge koppelt Bonn die Ostberliner Diplomaten informationstechnisch radikal ab. Was man in Washington und Moskau bilateral verhandelt, ob es neue Zugeständnisse gibt – im Amtssitz von Markus Meckel weiß niemand etwas. Und das ist aus Bonner Sicht nur folgerichtig. Denn die Kluft hat sich zwischenzeitlich sogar noch mehr geweitet: "Unsere Position der Bundesrepublik Deutschland wurde nicht gerade dadurch erleichtert, dass die DDR hier mit uns an einem Strang zog", erinnert sich Dieter Kastrup, Verhandlungsführer des Auswärtiges Amtes.

Die DDR war von der Idee einer Nato-Mitgliedschaft Gesamtdeutschlands nicht begeistert. Im Gegenteil, sie hat diesen Gedanken abgelehnt.

Dieter Kastrup, Verhandlungsführer des Auswärtiges Amtes

Meckel erinnert sich, dass "wir in diesen Verhandlungen völlig isoliert waren und liefen nur noch so mit."

Roland Dumas, Eduard Schewardnadse, Michail Gorbatschow, James Baker, Hans-Dietrich Genscher, Lothar de Maiziere und Douglas Hurd
Unterzeichnung des "Zwei-plus-Vier-Vertrages" am 12. 9.1990 in Moskau. Von links nach rechts: Roland Dumas, Eduard Schewardnadse, Michail Gorbatschow, James Baker, Hans-Dietrich Genscher, Lothar de Maiziere und Douglas Hurd. Bildrechte: dpa

Die Ostdeutschen werden wie Besiegte behandelt

Nach außen lassen weder Bonn noch Ost-Berlin etwas von diesen Grabenkämpfen dringen. Offiziell arbeitet man gemeinsam Hand in Hand. Doch im Kreis der "Zwei-plus-Vier" reiben sich einige Siegermächte verwundert die Augen über einen neuen Anwärter im Kreis. In punkto Machtdemonstration scheut die westdeutsche Seite selbst vor Zurschaustellungen der DDR-Seite nicht zurück.

Wenn ich ehrlich bin, hat mich oft erstaunt, wie sich einige Mitglieder der westdeutschen Delegation, wenn auch nicht alle, gegenüber ihren ostdeutschen Kollegen verhielten. Sie betrachteten sie tatsächlich als die Besiegten, die Verlierer, die nur das Recht auf Schweigen hatten, die nichts zu sagen hatten, weil sie keinerlei Macht mehr besaßen.

Bertrand Dufourcq, Mitglied der französischen Delegation

Der Zwei-plus-Vier-Vertrag Der Zwei-plus-Vier-Vertrag wurde am 12. September 1990 in Moskau unterzeichnet. Er machte den Weg für die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten frei. Deutschland erlangte damit volle Souveränität zurück - bis dahin hatten die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges noch bestimmte Hoheitsrechte inne. Er gilt damit auch als eine Art Ersatz für den Friedensvertrag, der unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg zwar geplant war, aber nicht zustande kam. Vertragsparteien waren die Bundesrepublik, die DDR, die Vereinigten Staaten von Amerika, die Sowjetunion, Großbritannien und Frankreich.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Die Zwei-plus-Vier-Verhandlungen: Machtkampf um die deutsche Einheit | 15. Oktober 2020 | 22:10 Uhr