Digitale Revolution im Osten IT - Made in GDR

Komplizierte Rechnungen finden heutzutage in Hosentaschen oder in Armbanduhren statt. Die technischen Wunderwerke, die sie ausführen, sind aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken.

Der Beginn der digitalen Revolution ist in der DDR mit dem Namen ROBOTRON fest verbunden. Der Chemnitzer Rolf Kutschbach gilt als der Vater der Rechentechnik in der DDR. Es war eine kleine Szene von Ingenieuren und Technikern, die in den 1950er-Jahren die Informatik in der DDR begründeten. Zu einer Zeit, in der jedes Schulkind noch mit dem Rechenschieber den Mathematikunterricht bestreiten musste und auch in der jungen Planwirtschaft kaum ausreichend mechanische Rechenmaschinen zur Verfügung standen, träumten sie den Traum von 5.000 Rechenoperationen in der Sekunde.

Rolf Kutschbach, Vater des R300, des ersten Computers der DDR.
In seiner Jugend träumte Rolf Kutschbach zusammen mit seinen Ingenieurskollegen von 5.000 Rechenoperationen in der Sekunde. Bildrechte: MDR/Kerstin Mauersberger

Verpönte Wissenschaft

Doch die Wissenschaft von der Steuerung und Regelung von Maschinen, die Kybernetik, und mit ihr die Informatik, war im Sozialismus verpönt. Lange Zeit galt sie als "reaktionäre Pseudowissenschaft" oder "ideologische Waffe des Imperialismus" und damit wollte der Arbeiter- und Bauernstaat nichts zu tun haben.

Und während man sich in der jungen DDR mit ideologischen Fragen aufhielt und die Pioniere der elektronischen Rechentechnik eher in wissenschaftlichen Hinterzimmern ihr Dasein fristeten, brachte die US-amerikanische Firma IBM Anfang der 1960er-Jahre mit dem IBM 1401 erstmals ein Rechner in tausendfacher Stückzahl auf den internationalen Markt.

Roboter und Elektronik gleich ROBOTRON

Elektronische Rechenmaschinen wurden mittlerweile auch in der DDR gebaut, wenngleich sie die Kapazität und Leistung der neuartigen westlichen Computer noch lange nicht erreichten.

Der VEB Elektronische Rechenmaschinen ELERMA im damaligen Karl-Marx-Stadt hob 1958 den Namen ROBOTRON nach einem innerbetrieblichen Wettbewerb aus der Taufe und vertrieb seine Produkte unter diesem Namen. Die ehrgeizigen Ingenieure des Werkes beobachteten schon lange die internationale Forschung. Allen voran Rolf Kutschbach, der seit den Kindertagen Erfinder werden wollte. Ihn ließ der Gedanke nicht los, elektronische Datenverarbeitung in größeren Dimensionen zu denken, als es bisher geschah. Trotz der neuartigen Elektronik mussten die vielen einzelnen Arbeitsschritte nach wie vor von Menschen gemacht werden, das nahm der Wirtschaft Arbeitskräfte und kostete wertvolle Arbeitszeit.

Ulbricht wird Computerfan

Walter Ulbricht
Walter Ulbricht wurde Anfang der 60er-Jahre zum ersten High-Tech-Fan im Staate. Bildrechte: DRA

Mangel sowohl an Arbeitskräften als auch an Effizienz - das waren Argumente, die auch in der Planwirtschaft ihre Gültigkeit hatten. Ideologische Fragen spielten Anfang der 1960er-Jahre schon längst keine Rolle mehr, denn ein leistungsfähiger Industriestaat war ohne elektronische Datenverarbeitung nicht mehr denkbar.

Die Informatiker um Rolf Kutschbach wurden nun in Berlin gehört und Walter Ulbricht wurde zum ersten High-Tech-Fan im Staate: Alles, was die Planwirtschaft und damit den Sozialismus voranbringen würde, sollte ihm recht sein. Es wurden Nägel mit Köpfen gemacht, schließlich galt es fünf bis zehn Jahre Rückstand in Forschung und Entwicklung aufzuholen. Der entsprechende Regierungsbeschluss zur "Entwicklung und Einführung der elektronischen Datenverarbeitung in der DDR" wurde 1964 erlassen. Die Computer-Pioniere konnten nun ihre Tüfteleien und Versuche aus dem Hinterzimmer holen, denn insgesamt 406 Millionen Mark sollten für das neue Prestigeprojekt in Mitteldeutschland investiert werden.

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1 Kommentar

07.04.2012 12:05 Rolf Kutschbach 1

Um Fehlbeurteilungen zu vermeiden, möchte ich klarstellen, dass die Realisierung eines so umfangreichen Vorhabens nur durch viele Mitstreiter möglich war, die auch in mehreren anderen Betrieben tätig waren (z. B. BWS Sömmerda, IED Dresden, INT Berlin). Besonders im VEB Elektronische Rechenmaschinen wurden mehrere neue Technologien durch andere Mitstreiter entwickelt und Entscheidungen getroffen, die erst das Gelingen ermöglichten. Die alle zu motivieren und zu begeistern, nachdem ein tragfähiges Grundkonzept erstellt war, habe ich in der Realisierungsphase als meine Hauptaufgabe gesehen. Manchmal habe ich mich wie ein Wanderprediger gefühlt, um z. B. Absolventen an Hochschulen für die Rechentechnik zu gewinnen waren. Im Nachhinein habe ich festgestellt, dass mir der damalige Betriebsleiter – Herr Gerschler, ein Kaufmann vom alten Stil – mit seine oft kritischen Haltung sehr geholfen hat und ich von ihm viel gelernt habe, was mir später sehr genutzt hat.