Atomunglück Reaktorkatastrophe 1986: Tschernobyl und die DDR

Nach dem Unglück von Tschernobyl am 26. April 1986 herrschte zunächst Informationssperre zum Thema aus Moskau. Weder über den Reaktorunfall wurde berichtet, noch über die radioaktive Wolke, die anschließend über Europa hinweg zog.

Bau des Betonsarkophags nach der Katastrophe im AKW Tschernobyl
Bau des Betonsarkophags nach der Katastrophe im AKW Tschernobyl 1986. Bildrechte: imago/ITAR-TASS

Erst am 28. April 1986 brachte die "Aktuelle Kamera" eine Kurzmeldung zum Unglück. Winzig war auch die Nachricht, die am 29. April 1986 das "Neue Deutschland" über die Tragödie unter Berufung auf die sowjetische Nachrichtenagentur TASS abdruckte: "Im Kernkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine hat sich eine Havarie ereignet. Einer der Kernreaktoren wurde beschädigt. Es wurden Maßnahmen zur Beseitigung der Folgen ergriffen. Den Betroffenen wird Hilfe erwiesen. Es wurde eine Regierungskommission eingesetzt."

Was war in Tschernobyl am 26. April 1986?

Am 26. April 1986 ereignet sich im Atomkraftwerk von Tschernobyl der bisher schwerste Unfall in der Geschichte der Kernenergie. Einer von vier Nuklearreaktoren überhitzt, es kommt zu zwei Explosionen und einem Brand. Alle vorgesehenen Sicherheitsvorkehrungen versagen. Radioaktive Strahlung tritt in die Atmosphäre aus. Durch den Super-GAU werden besonders in den ersten zehn Tagen radioaktive Stoffe freigesetzt und großräumig verteilt. Weite Teile Russlands, Weißrusslands und der Ukraine sind verseucht.

Unglück in Tschernobyl: DDR-Medien informieren nur zögerlich

Wichtige Stunden waren seither vergangen, in denen die DDR-Bevölkerung hätte gewarnt werden müssen. Auch die Bevölkerung in der BRD war erst am 28. April offiziell durch die "Tagesschau" unterrichtet worden. Doch in den Tagen danach berichteten westliche Journalisten vom Ausmaß der Katastrophe, das Westfernsehen wurde zur wichtigen Informationsquelle für die verunsicherte DDR-Bevölkerung. "Man orientierte sich an den westlichen Radio- und Fernsehsendungen", erinnert sich der Physiker und Bürgerrechtler Sebastian Pflugbeil. "Wir haben genauso wie im Westen darüber nachgedacht, ob wir die Kinder rausschicken können, was wir noch essen dürfen, wie man zu zuverlässigen Informationen kommt."

Super-GAU in Tschernobyl: "In der DDR keine Gefahr"

Die Information der DDR-Bürger oblag der Abteilung "Agitation und Propaganda" der SED. Die Katastrophe von Tschernobyl, von der selbst die Führung der SED erst aus einer TASS-Meldung zwei Tage nach dem Unglück erfahren hatte, war umgehend zu einer Staatsangelegenheit erklärt worden. Oberstes Anliegen: Das Geschehen zu verharmlosen und die Bevölkerung zu beruhigen. Am 30. April vermeldeten die Zeitungen des Landes, dass in Tschernobyl "eine gewisse Menge radioaktiver Stoffe ausgetreten sei". Gefahr bestehe allerdings keine: "Was die Radioaktivität in der DDR angeht, so sind in keinem Fall die zulässigen Grenzwerte erreicht worden. Es bestand und besteht keinerlei Gefährdung für die Gesundheit der Bürger unseres Staates und der Natur."

"Wir haben das natürlich mit gemischten Gefühlen gesehen", erklärte das einstige Politbüromitglied Günter Schabowski 2006. Selbst er hatte sich damals im Westfernsehen Informationen verschaffen müssen. Ansonsten aber habe in dieser Angelegenheit ein ehernes Gesetz gegolten: "Auf jeden eigenen Kommentar verzichten. Es wird nur erzählt, was die in Moskau fabrizieren."

Behörden stellen Kernenergie nicht infrage

Anfang Mai 1986 meldeten sich dann aber doch Wissenschaftler der DDR zu Wort. Natürlich ganz im Sinne der Parteiführung. Der Sprecher des "Staatlichen Amtes für Atomsicherheit und Strahlenschutz" erklärte: Eine Überprüfung der Sicherheit in den Kernkraftwerken der DDR sei "nicht relevant": "Wir haben ganz andere Reaktoren." Und diese seien sicher und besäßen höchsten technischen Standard. Wobei eigentlich auch der Reaktortyp in Tschernobyl als "im Prinzip sicher" einzuschätzen sei, dozierte allen Ernstes Prof. Dr. Günter Flach, Direktor des Zentralinstituts für Kernforschung in Rossendorf. Dies sei auch "einwandfrei bewiesen". Und daher habe Flach nicht das geringste Verständnis dafür, dass man "die technische Situation, die jetzt im Reaktor in Tschernobyl eingetreten ist, zu einer derartigen Kampagne nutzen kann, um die friedliche Nutzung der Kernenergie insgesamt zu verteufeln". Geradezu berühmt wurde eine Formulierung des Chefs des "Staatlichen Amtes für Atomsicherheit und Strahlenschutz", Prof. Dr. Georg Sitzlack. Von bundesdeutschen Journalisten im Mai 1986 auf den Reaktorunfall in Tschernobyl und die weitere Nutzung der Kernenergie angesprochen, sagte Sitzlack: "Jeder Schuster kloppt sich mal auf den Daumen. Wenn das der Maßstab wäre, hätten wir keine Schuhe."

DDR verschleiert hohe radioaktive Strahlung

Als einer der ersten Staaten in Europa veröffentlichte die DDR am 3. Mai 1986 eine Zahlentabelle mit den Radioaktivitätswerten der Luft in Berlin im Zeitraum vom 30. April bis zum 2. Mai 1986. Die Interpretation der Werte lieferte die Überschrift gleich mit: "Stabilisierung auf einem niedrigen Niveau". Mit den Zahlen konnte allerdings niemand etwas anfangen – es fehlten die Vergleichszahlen. "Erst Jahre später konnten wir die Werte einordnen", sagt Sebastian Pflugbeil. "Es war verschwiegen worden, dass die Werte in den beiden Tagen zuvor rund 1.000-mal höher waren. Es war auch später nie ergänzt worden, dass sie später noch mal um den Faktor 100 angestiegen waren." Auch von anderen Messwerten sollten die DDR-Bürger nichts erfahren. So waren durch ein schweres Gewitter im Raum Magdeburg in der Nacht vom 5. auf den 6. Mai 1986 radioaktive Stäube, Dämpfe und Aerosole aus der Atmosphäre in den Boden gelangt; im Regenwasser, in Wiesenkräutern und in der Erde war eine Strahlenbelastung gemessen worden, die um das Tausendfache über dem Normalwert lag. Im Bezirk Cottbus wies die Milch in diesen Tagen eine Radioaktivität auf, die die zulässigen Grenzwerte um bis zu 700 Prozent überstieg.

Menschen verzichten auf Obst und Gemüse

Die Regale in den Supermärkten waren im Frühjahr 1986 überraschend gut mit Obst und Gemüse gefüllt. Eigentlich waren die Produkte für den Export in die Bundesrepublik vorgesehen. Dort wollte sie aber niemand mehr haben. In der DDR allerdings auch nicht. Durch das Westfernsehen waren die Menschen gewarnt worden. Nicht vergessen hat Sebastian Pflugbeil den Zorn, "als der Kopfsalat, der in der Umgebung von Berlin angebaut und normalerweise gegen Valuta in Westberlin verkauft wurde, nun im Westen keinen Abnehmer mehr fand. Er fand sich stattdessen in den Kaufhallen im Ostteil Berlins wieder und, als er auch da nicht gekauft wurde, kam er ins Mittagessen der Kindergärten und Schulen. Die informierten Kinder ließen den Salat stehen, die anderen aßen zwei und mehr Portionen ..."

Schutz gegen radioaktive Strahlung: "Salat waschen"

Am 25. Juni 1986, zwei Monate waren seit der Katastrophe von Tschernobyl vergangen, schickte sich dann auch Erich Honecker an, seinen DDR-Bürgern in einem Interview einen fachkundigen Rat zu erteilen, wie sie sich am besten gegen radioaktive Strahlungen schützen können: "Zu Hause waren wir sechs Kinder, und unsere Mutter hat immer den Salat gewaschen." Allerdings ließ der SED-Chef in dem Interview auch sein Unbehagen an der Entwicklung der Kernkraft durchblicken: "Ich bin der Meinung, dass die Kernkraft nicht das letzte Wort ist."

In Literatur verarbeitet: "Störfall" von Christa Wolf erscheint in DDR

Christa Wolf
Christa Wolf Bildrechte: DRA/Elf99

Im Frühjahr 1987, kaum ein Jahr war seit Katastrophe von Tschernobyl vergangen, erschien Christa Wolfs Buch "Störfall. Nachrichten eines Tages" im Berliner Aufbau Verlag. Und das erstaunlichste daran war, dass es überhaupt in der DDR erscheinen durfte. "O Himmel, strahlender Azur. Nach welchen Gesetzen, wie schnell breitet sich Radioaktivität aus, günstigen und ungünstigenfalls. Günstig für wen? Und nützte es denn den unmittelbar am Ort des Ausbruchs Wohnenden wenigstens, wenn sie sich, durch Winde begünstigt, verbreitete? Wenn sie aufstiege in die höheren Schichten der Atmosphäre und sich als unsichtbare Wolke auf die Reise machte? Zu meiner Großmutter Zeiten hat man sich unter dem Wort 'Wolke' nichts anderes vorstellen können als kondensierten Wasserdampf. Weiß, womöglich, ein mehr oder weniger schön geformtes, die Phantasie anregendes Gebilde am Himmel. Eilende Wolken, Segler der Lüfte, wer mit euch wanderte, wer mit euch schiffte ..."

Ukraine-Krieg: Russische Truppen nehmen Atomruine Tschernobyl ein

36 Jahre nach dem Reaktorunglück kommt es in der Ukraine zum Krieg. Am 24. Februar 2022 überfiel Russland das Bruderland. Noch am gleichen Tag soll das russische Militär nach ukrainischen Angaben die Kontrolle über den zerstörten Atomreaktor von Tschernobyl übernommen haben. Immer wieder kam es in der Region um die verstrahlte Atomruine, die 1986 noch zur Sowjetunion gehörte, zu schweren Gefechten. Russische Soldaten sollen Gräben im Wald in der Sperrzone ausgehoben haben. Außerdem wurde die Stromversorgung der Atomruine immer wieder unterbrochen, wodurch die Überwachungssysteme keine Daten mehr an die internationale Atomenergieagentur (IAEA) senden konnten. Anfang April 2022 kam dann die Entwarnung. Es wurde bekannt, dass die russische Armee aus der Region abgezogen ist. Tschernobyl ist seitdem wieder in der Hand der Ukraine.

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