Weißes Gold aus Sachsen Meissener Porzellan: Zwischen Devisen und Tradition

1710 wird sie gegründet: Die "Porzellan-Manufaktur Meissen". Sie ist damit die älteste ihrer Art in ganz Europa und Aushängeschild sächsischer Kulturgeschichte - mit der schon die DDR-Führung glänzen und kassieren konnte.

Becher aus Meißner Porzellan mit den gekreuzten Schwertern, 2016
Becher aus Meißner Porzellan mit den gekreuzten Schwertern. Bildrechte: dpa

Jahrhundertelang war Porzellan in Europa teuerster Luxus, den sich nur Könige und Fürsten leisten konnten. Für das "Weiße Gold" aus China bezahlte der sächsische Kurfürst August der Starke sogar mit Soldaten. Im "Reich der Mitte" ist die Keramiktradition über 1.000 Jahre alt. In Europa blieb die Herstellung dagegen lange ein Traum. Erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts fanden Johann Friedrich Böttger und Ehrenfried Walther von Tschirnhaus die richtige Mischung aus Ton (Kaolin), Quarz und Feldspat.

Im Jahr 1710 gründete August der Starke in Meißen schließlich die erste Manufaktur Europas. Zunächst diente das Monogramm August des Starken, der zu dieser Zeit König von Polen war, als Markenzeichen. Seit 1722 werden "gekreuzte Schwerter" aus dem kursächsischen Wappen verwendet. Mitte des 19. Jahrhunderts entstand eine neue Produktionsstätte, 1912 bis 1916 folgte ein Porzellan-Museum mit Schauhalle. Seit 1918 war das Unternehmen in Staatsbesitz.

Die Porzellan-Manufaktur während des Zweiten Weltkriegs

Während der Zeit des Zweiten Weltkriegs wurde das Ateliers der Porzellan-Manufaktur Meissen beschossen. Der Betrieb war großflächig zerstört. Doch schon im ersten Nachkriegssommer begannen die Aufräumarbeiten. Im Herbst hatte die Manufaktur wieder 290 Beschäftigte. Sechs Öfen funktionierten noch. Aber woher die Kohle nehmen? 500 Zentner pro Woche verbrauchte der Porzellanbrand.

Eine Unterglasurmalerin zeichnet die gekreuzten Kurschwerter auf den Unterboden einer Figur aus Meißner Porzellan.
Meissener Porzellan: Nur echt mit den gekreuzten Schwertern. Bildrechte: dpa

Trotz aller Widrigkeiten ging 1946 ein neu dekoriertes Service in die Produktion. Da war der Betrieb im Zuge der Reparationsleistungen an die Sowjetunion übertragen worden. Die Sowjets demontierten Werkteile, gliederten den Traditionsbetrieb in die "Zement AG" ein und beschlagnahmten die Kunstschätze der Schauhalle – Meissener Porzellankunst aus zweieinhalb Jahrhunderten. Nach Gründung der DDR wurde die Porzellan-Manufaktur 1950 in einen Volkseigenen Betrieb umgewandelt.

Neue Akzente in Figur und Dekor

Das Jahrzehnt bis 1960 war durch emsigen Aufbau geprägt. Es gelang den Betriebszustand vor dem Krieg, mit mehr als 1.000 Beschäftigten, wieder herzustellen und alte Geschäftsbeziehungen zu erneuern. Bald wurde die Manufaktur der achtstärkste Devisenbringer der DDR. Der Export in über 30 Länder lief gut, vor allem mit den gefragten traditionellen Formen und Dekors, die auf das 18. Jahrhundert zurückgehen. Auch die Schauhalle glänzte wieder mit ihren Prunkstücken und zeigte jedem Besucher aus nah und fern, welches handwerkliche Geschick in der Manufaktur gepflegt und von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Ab 1960 bemühten sich Formgestalter um zeitgemäße Ausdrucksformen, ein eigenes "Kollektiv Künstlerische Entwicklung" setzte neue Akzente in Figur und Dekor.

Eine Zeitreise

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Vom Wert des Zerbrechlichen

Welche Wertschätzung echtes Meissener Porzellan genoss, das beschreibt zum Beispiel "Zwiebelmuster", ein Roman des Schriftstellers Erich Loest: "Zwiebelmuster, Meißen, versetzte sie jedes Mal in Feierlichkeit, von der sie glaubte, sie rührte nicht vom Wert jeder Suppentasse oder jedes Tellers her, sondern von der Schönheit und dem Material. Sie war überzeugt, beim Spülen die Härte der Glasur zu spüren, Meißner Porzellan lag anders in der Hand, fühlte sich anders an als jedes sonst."

Drei Geschichten von vielen verdeutlichen den materiellen Wert des Meissener Porzellans. Die Erste: Im Rennsport der 1960er-Jahre waren die Auto-Tüftler oftmals auf Materialien angewiesen, die nur durch teure Importe zu beschaffen waren. Meissener Porzellan diente damals als eine Art Zweitwährung. Über dunkle Kanäle und oft über Umwege durch Jugoslawien ausgeführt und im Westen teuer verkauft, ermöglichte dem einen oder anderen Rennsportfahrer auch in der DDR die satte Motorleistung zu erlangen.

Die Zweite: In den 1970er-Jahren besann sich die Porzellan-Manufaktur verstärkt auf die etwas ins Hintertreffen geratene Tradition des Wandschmucks aus dem edlen Werkstoff. Eine eigene Ausstellung der "Abteilung Wandschmuck" in Hamburg zeigte 28 Stücke - unter anderem einen mit Jagdmotiven umrahmten Spiegel für die häusliche Garderobe zum Preis von 90.000 D-Mark. Tatsächlich fanden sich Käufer für diese hochwertigen Kunstobjekte. Denn Meissener Porzellan galt (der Fragilität des verwendeten Stoffes zum Trotz) als stabile Wertanlage. Zuwachsraten von bis zu 20 Prozent jährlich stellten keine Seltenheit dar.

Die Dritte: Wurde im Westen immer schon gemunkelt, der Exportanteil der Manufaktur liege bei 90 Prozent, kam nach dem Ende der DDR die ganze Wahrheit ans Licht. Etwa 98 Prozent der Fertigung wurde für das Ausland und für Devisen produziert, der kärgliche Rest, der im Land blieb, bestand zumeist aus Ware zweiter und dritter Wahl. Und doch hat wohl gerade diese Unerreichbarkeit des Porzellans aus Meißen den Stolz der Sachsen auf ihr zerbrechliches Kulturgut genährt.

Wende fast ohne zerschlagenes Porzellan

Auch nach 1990 agierte die Meissener Porzellan-Manufaktur als ein Zwitter zwischen Wirtschaftsunternehmen und sächsischem Kulturträger. Die Manufaktur gehörte inzwischen dem Freistaat, der allerdings die Gewinne im Unternehmen belässt und so das Agieren der Manufaktur in einem schwierigen Markt befördert. Von den 1.800 Mitarbeitern zu DDR-Zeiten mussten etwa 700 das Unternehmen verlassen.

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Nach der Vereinigung "normalisierte" sich der Inlandsanteil der verkauften Ware auf etwa 75 Prozent. Nur noch ein Viertel der Produktion geht ins Ausland. Weiterhin sah sich die Manufaktur nicht als "Geschirrhersteller", sondern als "Schmuckstückmanufaktur". Entsprechend konkurriert man im Hochpreissegment. Aber die Meißner beschritten auch neue Wege, indem zum Beispiel ein unbemaltes Service mit farblosem Wellenmuster auf den Markt gebracht wurde. Ein Einsteigermodell sozusagen, mit dem man in den Geschäften auf die Hochzeitslisten wollte. Und wer sich für dieses Service entschied, der bekam eine Kiste Scherben zum Poltern kostenlos dazu. Echt "Meissener", versteht sich. Poltern mit Stil.

Verluste und starker Stellenabbau

Doch seit Jahren kämpft Europas älteste Porzellan-Manufaktur mit Verlusten. Ende 2019 kündigte das Traditionsunternehmen an, ein Drittel seiner Stellen zu streichen. Damit liegt die Zahl der Mitarbeiter nun bei rund 400. Das Staatsunternehmen mit seinem weltberühmten Symbol der zwei gekreuzten Schwerter steckt seit Jahren tief in den roten Zahlen. Der Versuch, sich über Porzellanwaren hinaus als Luxusmarke weltweit zu etablieren, brachte noch mehr Millionenverluste. Für das Minus muss der Freistaat Sachsen als Eigentümer aufkommen.

me

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSENSPIEGEL | 15. Dezember 2020 | 19:00 Uhr