Nach dem Zweiten Weltkrieg Ein weiter Weg: Von der "Generation Rastlos" zur "Generation Chill mal"

Sie haben den Zweiten Weltkrieg als Kinder erlebt und überlebt. Über ihre schrecklichen Erlebnisse zu sprechen, viel dieser Generation nicht immer leicht, sie stürzte sich in den Wiederaufbau. Rastlosigkeit, gepaart mit wenig Empathie für sich selbst, haben die Kriegskinder an ihren Nachwuchs vererbt – Kriegsenkel wider Willen. Erst, als das Schweigen gebrochen wurde, scheinen neue Lebensmodelle eine Chance zu bekommen.

Die Generation "Kriegskinder" überlebte am Ende zwar den Krieg, viele von ihnen auch äußerlich unversehrt. Doch über das, was sie erlebt hatten, wurde lange Zeit nicht gesprochen: Jungen, die während Fliegerangriffen in Luftschutzkellern zwischen schreienden, weinenden Erwachsenen ausharrten. Mädchen, die vor Tieffliegern auf offenen Feldern davonrannten oder auf der Flucht erfrorene Babys am Straßenrand fanden. In dem Buch "Die vergessene Generation" von Sabine Bode brechen die Kriegskinder ihr Schweigen.

Den Krieg nur äußerlich unversehrt überlebt

Über Angst, Schrecken und Entbehrung wurde lange nicht gesprochen. Die schrecklichen Erlebnisse der 1929 bis 1949 Geborenen passten dann auch schnell nicht mehr in die schöne neue Wohlstandswelt, an der sie in den 1950er- und 60er-Jahren so emsig mitgebaut hatten. Ihr rastloser Fleiß erneuert sich später in ihren Nachkommen, etwa in den Jahrgängen 1960 bis 1975: Eine Generation, in der sich viele ähnlich rastlos verhalten wie ihre Eltern, unerbittlich gegen sich selbst: "Ich habe gar keine Zeit!", "Ich habe so viel Stress" – vielgehörte Sätze dieser Generation. Woher kommt die fehlende Empathie sich selbst gegenüber? 

Glaubenssätze einer schweigenden Generation

Viele Redensarten der "Generation Kriegskind", mit denen die Kinder der Jahrgänge selbst groß gezogen wurden, springen bis heute von Generation zu Generation. "Das hat uns auch nicht geschadet", sagen Eltern, wenn es um Lehrer geht, die Fünftklässler so ruppig behandeln, dass diese weinend aus der Klasse laufen. "Das tut doch gar nicht weh!", hört man auch auf dem Spielplatz, wenn ein Dreijähriger weint, weil er hingefallen ist. "Du hast noch keinen Hunger, Stillzeit ist erst in einer Stunde", belehren heute noch junge Mütter ihr Baby mit Blick auf die Uhr.

Bis heute "hart wie Kruppstahl"

Gelernt ist gelernt: Woher sollen es diese Lehrer und Eltern auch anders wissen? Sie sind mit den "Glaubenssätzen" und "Erziehungsregeln" der Eltern aus der NS-Zeit groß geworden, und haben sie selbst noch erfahren. Hitlers Maxime, dass der Deutsche hart zu sich selbst zu sein hat – "hart wie Kruppstahl", hat sich tief in die deutsche Kinder- und Säuglingserziehung eingeschrieben.

Sie tragen die nationalsozialistische Handschrift von Johanna Haarer, einer Ärztin und Mutter, die 1934 den wichtigsten Erziehungsratgeber jener Zeit schrieb: "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind". Die überzeugte Nationalsozialistin verurteilte in ihren Ratschlägen elterliche Zärtlichkeit zu Babys als "Affenliebe" und warnte vor den Großmüttern, die Enkel "verzärteln", wenn sie weinende Babys auf den Arm nehmen. Haarers Erziehungstipps überlebten den Krieg, in der Bundesrepublik ab 1949 unter dem leicht geänderten Titel "Die Mutter und ihr erstes Kind". Eine letzte Ausgabe erschien 1996.

Vom Reden zum Chillen

Seit einigen Jahren scheint das Schweigen über die verdrängten und ungehörten Gefühle der Kriegskinder und Kriegsenkel gebrochen: Studien, Bücher, Filme und Selbsthilfegruppen befassen sich mit den verschleppten und verschwiegenen Traumata der Nachkriegsgenerationen und den Folgen für ihre Familien. Kriegskinder oder -enkel treffen sich und erzählen ihre Familiengeschichten. Auch die Ära der rastlosen Selbstausbeutung könnte zum Auslaufmodell werden: Der Begriff "Work-Life-Balance" schleicht sich ein ins Lebensmodell junger Leute, was ältere Kollegen oft kopfschüttelnd registrieren – vielleicht auch ein Merkmal für ein gesundes Selbstwertgefühl der jungen Generation.

Buchtipp Sabine Bode: Die vergessene Generation – Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen. Stuttgart: Klett-Cotta, 20. Aufl. 2014.

Der Artikel wurde zuerst am 23.05.2017 veröffentlicht.

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