Hoyerswerda 1991: die erste "ausländerfreie" Stadt Deutschlands

Am 21. September 1991 müssen die ersten Vertragsarbeiter aus Vietnam und Mosambik ihr Wohnheim in Hoyerswerda verlassen und werden mit Bussen aus der Stadt gebracht. Grund dafür sind die ausländerfeindliche Exzesse, die fünf Tage zuvor begonnen hatten und an denen sich zeitweilig bis zu 500 Bewohner Hoyerswerdas beteiligten. Tage später verlassen sämtliche Ausländer die Stadt. In rechten Kreisen gilt Hoyerswerda als erste "ausländerfreie" Stadt Deutschlands.

Gruppe von Glatzen/Neonazis, die vietnamesische Zigarettenhändler bis in das Vertragswohnheim verfolgt hatten und nun fordern, daß sie herauskommen. Zunehmend gesellen sich andere Jugendliche und Zuschauer zu den aggressiven und häufig betrunkenen Skinheads.
Skinheads belagern im September 1991 in Hoyerswerda ein Wohnheim, in dem Vertragsarbeiter aus Vietnam und Mosambik leben Bildrechte: Gerd Fügert

Am 17. September 1991 beginnen in Hoyerswerda brutale Gewaltexzesse gegen die in der Stadt wohnenden Ausländer. Rund zehn Skinheads attackieren auf dem Marktplatz von Hoyerswerda vietnamesische Händler, die daraufhin in ihr Wohnheim, in dem DDR-Vertragsarbeitern aus Mosambik und Vietnam leben, flüchten. Die Skinheads, die die vietnamesischen Händler verfolgt hatten, postieren sich nun vor der Unterkunft und skandieren "Ausländer raus!" und "Sieg Heil". Binnen weniger Stunden gesellen sich Rechtsradikale und Nachbarn zu den Skinheads. Mit Molotowcocktails, Brandflaschen und Eisenkugeln attackieren sie gemeinsam die Bewohner des Heims.

Die Bilder aus Hoyerswerda gehen um die Welt

Vor den Augen der Öffentlichkeit verschanzen sich die angegriffenen Ausländer in ihrem Wohnheim. Die Einsatzkräfte der Polizei sind hoffnungslos überfordert und die Bilder der applaudierenden Menge gehen um die Welt. Einer der Fotografen, die die Ereignisse in Hoyerswerda dokumentieren, ist Gerd Fügert. Ihm gelingt es, ins Wohnheim vorzudringen und von dort aus zu fotografieren.

Geschichte

Hoyerswerda im September 1991

Der Fotograf Gerd Fügert dokumentiert die ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Hoyerswerda vom ersten Tag an mit seiner Kamera. Er fotografiert im Wohnheim, in dem DDR-Vertragsarbeiter aus Mosambik und Vietnam leben.

Gerd Fügert
Gerd Fügert war als erster und einziger Fotograf am 17. September 1991, dem ersten Tag der ausländerfeindlichen Ausschreitungen, am Wohnheim der Vertragsarbeiter in der Albert-Schweitzer-Straße in Hoyerswerda. Er hatte über CB-Funk davon erfahren und beschlossen, die Krawalle mit der Kamera festzuhalten. Bildrechte: SW-Film
Gerd Fügert
Gerd Fügert war als erster und einziger Fotograf am 17. September 1991, dem ersten Tag der ausländerfeindlichen Ausschreitungen, am Wohnheim der Vertragsarbeiter in der Albert-Schweitzer-Straße in Hoyerswerda. Er hatte über CB-Funk davon erfahren und beschlossen, die Krawalle mit der Kamera festzuhalten. Bildrechte: SW-Film
Gruppe von Glatzen/Neonazis, die vietnamesische Zigarettenhändler bis in das Vertragswohnheim verfolgt hatten und nun fordern, daß sie herauskommen. Zunehmend gesellen sich andere Jugendliche und Zuschauer zu den aggressiven und häufig betrunkenen Skinheads.
Gerd Fügert, der selbst in Hoyerswerda lebte, gelangte in den sechsten Stock des Wohnheims und konnte von dort Fotos der wachsenden Menge aus Neonazis, ausländerfeindlicheen Jugendlichen und Nachbarn schießen. Bildrechte: Gerd Fügert
Gruppe von Glatzen/Neonazis, die vietnamesische Zigarettenhändler bis in das Vertragswohnheim verfolgt hatten und nun fordern, daß sie herauskommen. Zunehmend gesellen sich andere Jugendliche und Zuschauer zu den aggressiven und häufig betrunkenen Skinheads.
Dieses Foto zeigt eine Gruppe von Skinheads, die vietnamesische Zigarettenhändler bis in das Wohnheim verfolgt hatten und sie nun auffordern, auf die Straße zu kommen. Mit der Zeit gesellten sich andere Jugendliche und Zuschauer zu den aggressiven und häufig betrunkenen Skinheads. Bildrechte: Gerd Fügert
Poilizisten mit Hunden
Der zweite Tag der rassistischen Ausschreitungen in Hoyerswerda: Auf den von Polizisten mit Hunden bewachten Eingang des Wohnheims werden Molotowcocktails geworfen. Bildrechte: Gerd Fügert
eingeschlagene Fenster, im Vordergrund ein sitzender Mann
Ein mosambikanischer Vertragsarbeiter an einem der ersten Tage nach den Ausschreitungen in seinem Zimmer im Wohnheim. Die Vertragsarbeiter wurden schließlich mit Bussen aus der Stadt gebracht. Das Wohnheim wurde geschlossen. Der ausländerfeindliche Mob hatte sein Ziel tatsächlich erreicht. Bildrechte: Gerd Fügert
Auf diesen beiden Fotos ist Fügert im Gespräch mit dem damaligen wie heutigen Anwohner Ralph Büchner. Beide betrachten eine Auswahl der Fotos aus dem September 1991.
Gerd Fügert im Gespräch mit dem damaligen wie heutigen Anwohner Ralph Büchner, der das Geschehen damals verfolgt hatte. Beide betrachten eine Auswahl der Fotos aus dem September 1991. Bildrechte: SW-Film
Gerd Fügert
Gerd Fügert ist bis heute als freier Fotograf tätig. Er lebte lange in Hoyerswerda, heute wohnt er in Dresden. Bildrechte: SW-Film
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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hoyerswerda '91 | 13. September 2022 | 22:10 Uhr

Die Bewohner des Wohnheims werden evakuiert

Die Ausschreitungen dauern eine Woche. Zeitweilig belagern bis zu 500 Menschen das Wohnheim und beteiligen sich unter dem Applaus vieler Nachbarn an den Übergriffen. Die Bilanz: über 30 Verletzte. Die Behörden sehen schließlich keinen anderen Ausweg mehr, als sämtliche Bewohner des Heims mit Bussen aus der Stadt zu bringen.

Hoyerswerda: erste "ausländerfreie" Stadt

In rechten Kreisen wird Hoyerswerda nach den Ausschreitungen als erste "ausländerfreie" Stadt bezeichnet. Der Begriff "ausländerfrei" wird daraufhin 1991 zum erstmals eingeführten "Unwort des Jahres" gewählt.

Die Ausschreitungen von Hoyerswerda sind der Auftakt für eine Welle rechter Gewalt in Deutschland.

Dieser Artikel wurde erstmals im September 2021 veröffentlicht.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hoyerswerda '91 | 13. September 2022 | 22:10 Uhr