NATO-Manöver "Trident Juncture" Übung mit "neuer Qualität"

Die Gefechtsphase des Nato-Manövers in Norwegen ist beendet. Ein Gespräch über die Bedeutung der größten Nato-Übung seit dem Ende des Kalten Krieges mit dem Militärexperten Thomas Wiegold.

Heute im Osten: Herr Wiegold, bei "Trident Juncture" haben nun zwei Wochen lang 50.000 Soldaten teilgenommen. Was war das Besondere an diesem Großmanöver?

Die eigentliche Gefechtsphase ist zwar größer als sonst üblich bei solchen Manövern. Aber die neue Qualität ist, dass Deutschland, wie andere Nato-Länder, in größerem Umfang Material und Personal über größere Entfernungen verlegt hat.

Die Gefechtsphase ist beendet, doch formal läuft das Manöver noch bis zum 23. November 2018. Was steht für die nächsten Wochen an?

In den nächsten Wochen werden kaum noch Soldaten durch die Gegend laufen und Panzer fahren. Der Teil wird in dieser Woche beendet. Was geübt wird, ist zum Beispiel die Kommunikationsverbindung zwischen Stäben, simulierte Entscheidungen, die Kommandobehörden oder Hauptquartiere treffen. Das ist, wenn man so will theoretisch, planspielmäßig, ohne, dass sich wirklich Soldaten im Gelände bewegt werden.

Zum Manöver An der Feldphase der Nato-Übung "Trident Juncture" haben in den vergangenen zwei Wochen rund 50.000 Soldaten aus den 29 Nato-Staaten sowie den Partnerländern Finnland und Schweden teilgenommen. Die Bundeswehr war mit mehr als 8.000 Soldaten in Norwegen und damit zweitgrößter Truppensteller nach den USA. Inklusive Unterstützungstruppen außerhalb Norwegens waren sogar rund 10.000 deutsche Soldaten beteiligt.

Sie waren selbst eine Woche vor Ort in Norwegen, was können Sie berichten?

Ich habe mir das Ganze vor den eigentlichen Gefechten angeschaut. Das Interessanteste war die logistische Fähigkeit, die die Nato und Bundeswehr hier erprobt haben. Man muss ja sehen, das ist für die Bundeswehr nicht nur das erste Mal seit dem Kalten Krieg, sondern das erste Mal in ihrer Geschichte überhaupt einen größeren Truppenverband, nämlich eine Brigade, über eine größere Entfernung verlegt hat. Selbst als es noch die BRD und die DDR gab, gab es auf Seiten Westdeutschlands nur große Verlegungen der Bundeswehr innerhalb des Landes und praktisch nie in diesem Umfang innerhalb des Nato-Gebiets, also auch in andere Länder.

Hat die Truppenverlegung soweit geklappt?

Es hat geklappt, soweit man das sehen kann. Die Bundeswehr, wie auch die anderen Nationen, hatten natürlich zahlreiche Auflagen vor allem der Norweger. Denn das Ganze findet ja im Frieden statt und deswegen wurden zum Beispiel die meisten Transporte nur nachts durchgeführt. Denn tagsüber hätte das die norwegischen Landstraßen praktisch lahmgelegt, wenn dort überall große Militärkolonnen unterwegs gewesen wären. Es mussten zudem weitgehende Umweltschutzauflagen berücksichtigt werden, was auch verständlich ist. Und deswegen hat das ganze etwas länger gedauert als im Ernstfall.

Nach Angaben der Bundeswehr haben sie allein für die Transporte insgesamt etwa drei Wochen gebraucht. Im Ernstfall, wenn diese Beschränkungen wie zum Beispiel Nachttransporte nicht gelten, dann hätte man, sagt die Bundeswehr, das auch in einer Woche geschafft. Das wäre das, was auch die Nato erwartet hätte.

Können Sie ein Resümee zum Manöver ziehen?

Es wird bestimmt ein Resümee geben. Ich glaube aber im Moment ist es noch ein bisschen früh. Die Nato und die Bundeswehr haben sicherlich viele Punkte notiert, die in diesem Manöver nicht geklappt haben. Das ist normal. In so einer Übung geht immer etwas schief, sonst müsste man ja nicht üben. Wo es gehakt hat, das wird man in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten sehen.

Was offensichtlich ist: Die Bundeswehr hat die Truppen, die in dieses Manöver geschickt wurden, mit allem ausgerüstet, was sie brauchten. Das geht aber auf Kosten der Truppenteile, und das sind ja die meisten, die zuhause geblieben sind. Also wenn die Bundeswehr 8.000 Soldaten nach Norwegen schickt und weitere 2.000 sich um die Logistik und Abwicklung kümmern, dann ist das ja immer noch ein vergleichsweise kleiner Teil der Bundeswehr. Aber die haben sich sehr viel Material geborgt, bei denen, die in der Heimat geblieben sind. Und bei denen stockt dann zum Beispiel die Ausbildung der Soldaten, weil es keine Schützenpanzer oder andere Fahrzeuge mehr gibt oder nicht genügend.

Das Manöver ist auch als Abschreckung gegenüber Russland zu werten. Moskau reagierte mit scharfer Kritik. Was sagen Sie dazu?

Das Manöver fand mehr als tausend Kilometer von der norwegisch-russischen Grenze entfernt statt. Aber natürlich ist Russland alarmiert, weil zwei Nicht-Nato-Staaten, aber EU-Staaten, mitgemacht haben - nämlich Schweden und Finnland, die auch ein gewisses Abschreckungspotential gegenüber Russland unterstützen wollen. Zu beachten ist auch, dass in den vergangen Jahren russische Großmanöver deutlich näher an der Grenze zu Nato-Staaten stattgefunden haben. Außerdem hat Russland bei solchen Manövern immer, zumindest theoretisch, den Einsatz von Atomwaffen erwogen, was die Nato in diesem Fall ja nicht getan hat. Vor diesem Hintergrund klingt das mit der Provokation schon etwas merkwürdig.  


Zur Person

Thomas Wiegold
Bildrechte: ©Thomas Trutschel

Thomas Wiegold berichtet für verschiedene deutsche Medien schwerpunktmäßig über Sicherheits- und Verteidigungsthemen, insbesondere aus den Einsatzgebieten der Bundeswehr. Außerdem betreibt er den sicherheitspolitischen Blog "Augen geradeaus!". Wiegold hat den Grundwehrdienst verweigert.

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: TV | 25.10.2018 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. November 2018, 15:09 Uhr