Wladimir Komarow in seinem Raumanzug, daneben zwei Techniker
Ein Bild von Wladimir Komarow aus dem Jahr 1964 - bei einem Techniktest Bildrechte: IMAGO

Vor 50 Jahren Absturz aus dem Weltall

Wladimir Komarow war der erste Raumfahrer, der bei seiner Rückkehr tödlich verunglückte. Er starb am 24. April 1967, weil die Sowjets unter Zeitdruck eine unausgereifte Sojus ins All schickten. Sie wollten damit vor den US-Amerikanern auf dem Mond landen - das misslang. Komarow ging als Held in die sowjetische Raumfahrtgeschichte ein.

Wladimir Komarow in seinem Raumanzug, daneben zwei Techniker
Ein Bild von Wladimir Komarow aus dem Jahr 1964 - bei einem Techniktest Bildrechte: IMAGO

In den 1960er-Jahren lieferten sich die Sowjetunion und die USA einen Wettkampf, wer als erster einen Menschen zum Mond bringen würde. Unter enormem Zeitdruck stehend, testete die sowjetische Führung ihr neu entwickeltes Raumschiff "Sojus 1". An Bord war am 23. April 1967 Kosmonaut Wladimir Komarow – ein Weggefährte Juri Gagarins. Doch schon kurz nach dem Start plagte sich der 40-jährige, hoch qualifizierte Komarow mit gravierenden Problemen: So entfaltete sich ein Solarpanel des Raumschiffes nicht vollständig. Weil es schließlich an Strom mangelte, begann die Sojus immer stärker zu schlingern.

Ungebremst zur Erde gerast

Nachdem Komarow in der Nacht eindringlich um Rückkehr zu Erde bat, gab die sowjetische Bodenkontrolle schließlich den Befehl zur handgesteuerten Landung. Doch für den Kosmonauten war die Landung nicht die Rettung, sondern der Tod. Weil sich weder der Haupt- noch Reserveschirm öffneten, raste Komarow in der tonnenschweren Raumkapsel ungebremst zur Erde - mit 180 Stundenkilometern. Die Wucht des Aufpralls - etwa 50 Kilometer östlich von Orsk - zerschmetterte das Raumschiff. Komarow, der verheiratet und Vater zweier Kinder war, erhielt ein Staatsbegräbnis an der Moskauer Kremlmauer. Seine Urne aber soll leer geblieben sein. Was von seinen sterblichen Überresten übrig blieb, war bereits an der Absturzstelle begraben worden.

Raumschiff so groß wie ein Omnibus

Der Start des neuen Raumschiffs war im Vorfeld triumphalisch gefeiert worden, weltweit wurde darüber berichtet. Das "Neue Deutschland" der DDR titelte damals, die Sowjetunion habe einen "völlig neuen Raumschifftyp ins All entsandt, so groß wie ein Omnibus, getragen von einer mächtigen Rakete". Als die Zeitungsausgabe unters Volk kam, war Sojus-Pilot Komarow bereits tot. Zwölf Stunden hatte die staatliche sowjetische Nachrichtenagentur "Tass" mit der Bekanntgabe des Unglücks gezögert, doch schließich musste der Fehlschlag vor der Weltöffentlichkeit zugegeben werden. Bei der Untersuchung des Unglücks fand man später heraus, dass die Sojus zahlreiche Konstruktions- und Fertigungsgsmängel aufwies.

Osteuropa

Katastrophen, Unfälle und Pannen der sowjetischen Raumfahrt

Yuri Gagarin an Bord der Wostok 1 kurz vor seinem ersten Raumflug.
Am 12. April 1961 flog der erste Mensch ins Weltall - der Russe Juri Gagarin. Es war eine Sternstunde der russischen Raumfahrt. Doch es gab im Lauf der Jahrzehnte auch Rückschläge, Pannen und Katastrophen. Bildrechte: IMAGO
Yuri Gagarin an Bord der Wostok 1 kurz vor seinem ersten Raumflug.
Gagarins Höllenritt Am 12. April 1961 fliegt Juri Gagarin als erster Mensch ins Weltall. Sein Flug sei problemlos verlaufen, so die offizielle Lesart. Mit dem Ende der Sowjetunion wurde aber bekannt, dass es bei der Landung beinahe zu einer Katastrophe gekommen wäre: Das Versorgungsmodul hatte sich nicht wie geplant vollständig von der Wostok-Raumkapsel gelöst – einige Kabelstränge ließen sich nicht kappen. Die Raumkapsel geriet ins Trudeln, fing Feuer und drohte beim Eintritt in die Erdatmosphäre zu verglühen. Schließlich, in einer Höhe von sieben Kilometern, wurde die Einstiegsluke abgerissen und Gagarin hinauskatapultiert. An einem Fallschirm schwebte er zur Erde hinab. Bildrechte: IMAGO
Kosmonaut Wladimir Michailowitsch Komarow
Sojus 1 Am 24. April 1967 gerät das Raumschiff Sojus 1 mit dem Kosmonauten Wladimir Komarow an Bord beim Landeanflug außer Kontrolle und zerschellt - das Fallschirmsystem hatte versagt. Komarow kommt bei dem Unfall ums Leben. Er ist der erste Kosmonaut, der bei einer Weltraummission stirbt. Bildrechte: IMAGO
Die Raumstation Mir mit angedocktem Space Shuttle Atlantis
Raumstation Mir Brenzlig wurde die Situation nach dem Untergang der UdSSR 1991 – es fehlten die finanziellen Mittel, um die Mir zu modernisieren, die Unfälle und Havarien häuften sich nun. Als 1998 mit dem Aufbau der ISS begonnen wurde, begann das Abwracken der Mir, die zum Schluss unbemannt wie ein Geisterschiff um die Erde kreiste. Am 23. März 2001 wurde die Raumstation nach mehr als 86.000 Erdumrundungen zum Absturz gebracht. Was nicht in der Atmosphäre verglühte, versank im Südpazifik. (Foto: US-Shuttle "Atlantis" angedockt an der Raumstation Mir, 9. April 1996)
(Über dieses Thema berichtete der MDR im TV auch in MDR Aktuell, 28.11.2017 | 19.30 Uhr.)
Bildrechte: dpa
Yuri Gagarin an Bord der Wostok 1 kurz vor seinem ersten Raumflug.
Am 12. April 1961 flog der erste Mensch ins Weltall - der Russe Juri Gagarin. Es war eine Sternstunde der russischen Raumfahrt. Doch es gab im Lauf der Jahrzehnte auch Rückschläge, Pannen und Katastrophen. Bildrechte: IMAGO
Denkmal für die Opfer der Raketenexplosionen Baikonur
Explosion der Interkontinentalrakete R-16 Am 24. Oktober 1960 ereignete sich die bis heute schlimmste Katastrophe in der Geschichte der Raumfahrt. Die Öffentlichkeit erfuhr erst gut 40 Jahre später davon: Beim Start auf dem Weltraumbahnhof Baikonur war eine Interkontinentalrakete explodiert. Bei der gewaltigen Detonation starben 126 Menschen. Inzwischen erinnert ein Denkmal mit den Namen der Todesopfer an die Katastrophe. Bildrechte: IMAGO
Mitrofan Nedelin
Bei der Explosion der Interkontinentalrakete R-16 wurde auch Marschall Mitrofan Nedelin, der mächtige Chef der Raketentruppen der UdSSR, getötet. Offiziell wurde bekannt gegeben, dass die Opfer bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen seien. Bildrechte: IMAGO
Der Kosmonaut freischwebend im All neben dem Raumschiff (vom Fernsehschirm abfotografiert).
"Woschod 2"-Mission: Erster Ausstieg ins All Die Sowjetunion kann auch den ersten Weltraumspaziergang in der Geschichte der Raumfahrt für sich verbuchen. Am 18. März 1965 verlässt Alexej Leonow seine Raumkapsel, gesichert mit einer 4,50 Meter langen Leine. Dass der Kosmonaut bei seinem Spaziergang im All um ein Haar den Tod gefunden hätte, wurde von der sowjetischen Führung verschwiegen: Als Leonow in die Kapsel zurückkehren wollte, hatte sich sein Raumanzug so stark aufgebläht, dass der Kosmonaut nicht mehr durch die Einstiegsluke passte. Knapp zehn Minuten schwebte Leonow hilflos im All. In höchster Panik beschloss er, den Druck in seinem Anzug zu verringern. Ein durchaus riskantes Manöver. Doch der Einstieg gelang in letzter Minute. Bildrechte: dpa
Die Kosmonauten Pawel Beljajew und Alexej Leonow
"Woschod 2"-Mission: Landung in der Taiga Auch bei der Landung gab es große Schwierigkeiten: "Woschod 2" verpasste den Landeplatz um mehr als 3.000 Kilometer und ging in der Taiga nieder. Erst nach einem Tag verzweifelter Suche konnten die Kosmonauten Alexej Leonow und Pawel Beljajew in ihrer Kapsel gefunden werden. Die "Woschod 2"-Mission mit Leonows Weltraumspaziergang wurde als spektakulärer Erfolg verkauft, der die Überlegenheit der sozialistischen Raumfahrt verdeutlicht habe. (Foto: A. Leonow und P. Beljajew auf einer Ehrenparade im März 1965). Bildrechte: IMAGO
Kosmonaut Alexej Leonow beim Training
Von den Problemen bei der "Woschod 2"-Mission erfuhr zunächst niemand etwas. "Wir hatten Probleme und haben sie alle gelöst", sagte der Kosmonaut Alexej Leonow Jahre später. "Ich verstehe nicht, warum man das der Öffentlichkeit nicht gesagt hat." (Foto: Alexej Leonow beim Kosmonautentraining 1965) Bildrechte: IMAGO
Weltraumstation MIR umrundet die Erde
Raumstation Mir Die Raumstation Mir war der ganze Stolz der UdSSR – und die (späte) Reaktion des Kreml auf den verlorenen Wettlauf zum Mond. Sie galt als Flaggschiff der sowjetischen Raumfahrt, als "roter Stern" am Firmament. 1986 war die Raumstation in den Orbit geschossen worden. Ein solches Gebilde – eine ständig nutzbare Arbeitsstation in der Schwerelosigkeit – hatte es zuvor noch nicht gegeben. Legendär freilich waren auch die Defekte, Pannen und Unfälle in der Mir – mehr als 1.600 sollen es insgesamt gewesen sein. Bildrechte: IMAGO
Originalgetreuer Nachbau der Raumstation MIR im Raumfahrt-Trainingszentrum in StarCity in Moskau
"Viele Russen basteln am Wochenende an ihren Ladas herum – mit dieser Einstellung sind auch die Kosmonauten auf der Mir am Werk", schilderte der deutsche Kosmonaut Reinhold Ewald einmal die Lage an Bord des mit den Jahren immer anfälliger werdenden Forschungskomplexes. Es gab Feuer, Kühlflüssigkeit trat aus, Bordcomputer stürzten ab, Leitungen und Schläuche barsten regelmäßig und Lecks in der Außenhülle mussten geflickt werden. "Fliegender Bauwagen" wurde die Mir daher von Spöttern genannt. (Foto: detailgetreuer Nachbau der Mir im Trainingszentrum Star City in Moskau) Bildrechte: IMAGO
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Weltraumstation MIR umrundet die Erde
Raumstation Mir Die Raumstation Mir war der ganze Stolz der UdSSR – und die (späte) Reaktion des Kreml auf den verlorenen Wettlauf zum Mond. Sie galt als Flaggschiff der sowjetischen Raumfahrt, als "roter Stern" am Firmament. 1986 war die Raumstation in den Orbit geschossen worden. Ein solches Gebilde – eine ständig nutzbare Arbeitsstation in der Schwerelosigkeit – hatte es zuvor noch nicht gegeben. Legendär freilich waren auch die Defekte, Pannen und Unfälle in der Mir – mehr als 1.600 sollen es insgesamt gewesen sein. Bildrechte: IMAGO

"Wir haben ihn zu früh losgeschickt"

Der Absturz von "Sojus 1" und der Tod des Moskauer Kosmonauten Komarow waren ein harter Schlag für die ambitionierte sowjetische Raumfahrt. Die Führung in Moskau hatte schließlich das Ziel ausgegeben, als erstes Land der Welt den Mond mit einem bemannten Raumschiff zu umrunden und später auf dem Erdtrabanten zu landen. Unter Hochdruck entwickelten Ingenieure den neuen Raumschiff-Typ "Sojus".

Viele Jahre nach dem Tod Komarows räumte der damals beteiligte Ingenieur Boris Tschertok ein, dass die "Sojus 1" bei ihrem Start nicht ausgereift gewesen sei. 2013 sagte Tschertok der Zeitung "Komsomolskaja Prawda": "Was Komarow passiert ist, war unser Fehler. Wir haben ihn zu früh losgeschickt." Doch im Politbüro in Moskau hatte das 1967 niemand wahrhaben wollen.

"Sojus" als lukratives Geschäft

Trotz des tragischen Jungfernfluges entwickelte sich das "Sojus"-Raumschiff zur größten Erfolgsgeschichte der sowjetischen und russischen Raumfahrt. Bis heute nutzt Russland die Raketen und Kapseln in abgewandelter Form – mit ihnen wird auch der Nachschub für die Internationale Raumstation (ISS) organisiert.

Für Moskau ist die "Sojus" ein lukratives Geschäft: Seit die USA ihr Shuttle-Programm eingestellt haben, fliegen auch amerikanische und europäische Astronauten mit der Sojus zur ISS. Ein Platz in der Rakete soll rund 77 Millionen Euro kosten.

Über dieses Thema berichtet MDR auch im Fernsehen: Kosmonauten-Kult – Die Gagarin-Story | 06.09.2005 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. April 2017, 16:56 Uhr