Tschechien will seine Hymne strecken

Erst vor Kurzem sorgte ein Vorstoß, die deutsche Nationalhymne geschlechtsneutral zu formulieren, für hitzige Diskussionen. Auch bei unseren tschechischen Nachbarn wird derzeit über eine Änderung der Hymne diskutiert, aber aus einem anderen Grund. Die tschechische Hymne ist recht kurz. Tschechische Fußballer singen sie regelmäßig, auch bei den jüngsten Olympischen Winterspielen in Pyeongchang war sie mehrmals zu hören.

Dort hat die tschechische Mannschaft zwei Goldmedaillen geholt, dazu zweimal Silber und dreimal Bronze. Aus Sicht der erfolgsverwöhnten Wintersportnation Deutschland erscheint das nicht gerade als ein Medaillenregen, doch das kleinere Tschechien hält mit dieser Zahl sein Medaillenniveau bei Olympia. Da wundert es nicht, dass die seltenen Augenblicke, in denen tschechische Athletinnen und Athleten ganz oben auf dem Podest stehen, auch ordentlich ausgekostet werden möchten.

Ester Ledecka
Tschechische Doppel-Olympiasiegerin 2018: Ester Ledecka gewann den Super-G bei den alpinen Skifahrern und den Parallel-Riesenslalom im Snowboard. Bildrechte: IMAGO

Tschechisches NOK will Nägel mit Köpfen machen

Deshalb denkt man in Tschechien jetzt darüber nach, die Nationalhymne zu verlängern. Den Vorstoß wagte das Tschechische Olympische Komitee. Zwei Varianten werden für eine Verlängerung der Hymne vorgeschlagen: Die Ausweitung auf zwei Strophen oder die Änderung des Vorspiels. Wie das Nachrichtenportal idnes.cz berichtet, hat der Komponist Miloš Bok, der vor allem auf Kirchenmusik, aber auch auf Filmmusik spezialisiert ist, bereits vier Varianten des verlängerten Vorspiels entworfen. Sie wurden bereits von einem Sinfonieorchester aufgenommen, sind aber noch nicht öffentlich bekannt und sollen im Laufe der Woche vorgestellt werden.

Das Tschechische Olympische Komitee beschäftigt sich bereits seit einem Jahr mit diesem Thema. Nach Angaben des Olympischen Komitees dauert die bei zeremoniellen Anlässen gespielte Variante der tschechischen Nationalhymne 45 Sekunden. Mit Blick auf die Längen der Nationalhymnen anderer Staaten finden die Sportfunktionäre es nun angebracht, die Variante für Siegerehrungen auf 80 Sekunden zu verlängern. Man habe sich in diesem Jahr bewusst entschieden, die Diskussion darüber anzustoßen, weil sich im Oktober dieses Jahres die Gründung der Tschechoslowakei zum 100. Mal jährt. Dies sei ein passender Anlass für solche Diskussionen.

Die meisten anderen Hymnen, darunter auch die deutsche und die russische, übersteigen die Marke von einer Minute. Eine Ausnahme bilden hier die sonst sehr nationalbewussten Polen. Die erste Strophe ihrer Hymne, die bei offiziellen Anlässen gespielt wird, dauert ca. 40 Sekunden.

Kulturminister will Kommission einberufen

tschechischer Kulturminister Ilja Smid
Tschechiens Kulturminister Ilja Smid wünscht sich eine flexiblere Anwendung der Nationalhymne Bildrechte: IMAGO

Mit der Frage einer längeren Nationalhymne soll sich zurzeit auch das tschechische Kulturministerium befassen. Kulturminister Ilja Šmíd sagte, dass er ein Fachgremium aus Komponisten, Musikwissenschaftlern und Historikern einberufen will, die die neuen Varianten der Nationalhymne unter musikalischen Gesichtspunkten bewerten sollen. "So könnte man vielleicht eine Art Leitfaden entwickeln, wie die Hymne bei unterschiedlichen Gelegenheiten gespielt werden soll", erhofft sich Šmíd. Das derzeitige Gesetz über Staatssymbole regelt das nach Ansicht des Ministers nicht ausreichend. Das etwa zehnköpfige Fachgremium soll innerhalb eines Monats zusammenkommen und Vorschläge zu unterschiedlichen Arrangements und Instrumentierungen erarbeiten. Nach Ansicht des Ministers braucht man möglicherweise genauere verbindliche Angaben dazu.

Zur Geschichte der tschechischen Hymne

Als tschechische Nationalhymne fungiert seit 1918 die erste Strophe des Liedes "Kde domov můj" ("Wo ist mein Heim?") aus dem Theaterstück "Das Schusterfest" von Josef Kajetán Tyl (1808-1856), das 1834 in Prag uraufgeführt wurde. Die Melodie wurde von František Škroup (1801-1862) komponiert. Obwohl das Lied aus zwei Strophen besteht, ist nur die erste Strophe offizielle Nationalhymne, die zweite ist in der breiten Öffentlichkeit relativ unbekannt. Während der Ersten Tschechoslowakischen Republik in den Jahren 1918 bis zur 1938 existierte in dem aus der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie hervorgegangenem Vielvölkerstaat neben einer ungarischen auch eine offizielle deutschsprachige Fassung. Außerdem wurde bis zur Trennung in Tschechien und Slowakei im Jahr 1992 nach der tschechischen noch die slowakische Hymne gesungen oder gespielt.

Offizielle deutschsprachige Fassung von 1918-1938 Wo ist mein Heim?
Mein Vaterland?
Wo durch Wiesen Bäche brausen,
Wo auf Felsen Wälder sausen,
Wo ein Eden uns entzückt,
Wenn der Lenz die Fluren schmückt:
Dieses Land, so schön vor allen,
Böhmen ist mein Heimatland.
Böhmen ist mein Heimatland.

(baz)

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell auch im: Radio | 05.03.2018 | 17:26 Uhr