Gemälde - "Ruhig sitzende junge Frau" von Amedeo Modigliani, 1917, Öl auf Leinwand
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Lesezeit | 02.01. bis 11.01. 2024 Otto Sander und Christoph Waltz lesen "Drei Frauen" von Robert Musil

02. Januar 2024, 04:00 Uhr

Den Novellenband "Drei Frauen" publizierte Musil 1924 als kleine Sammlung der bereits andernorts erschienenen Erzählungen "Grigia", "Die Portugiesin" und "Tonka". Obwohl nach Frauen benannt, geht es in den drei Texten eher um die Gefühlskrisen des jeweils männlichen Protagonisten. Musil beschreibt die Fremdheit zwischen den Geschlechtern, wie Gefühle missverstanden werden und wie schnell man sich in einem seelischen Labyrinth verlieren kann.

Wollen, Wissen und Fühlen sind wie ein Knäuel verschlungen; man merkt es erst, wenn man das Fadenende verliert.

Zitat aus "Tonka" von Robert Musil

Grigia

Ein Geologe lässt seine Frau mit dem kranken Kind allein zur Kur fahren. Er schließt sich dagegen einer Bergwerk-Expedition in die Palaier Berge in Oberitalien an. Sofort verfällt er der "für ihn von der persönlichen Vorsehung bestimmten Zauberwelt“ dieser Gegend. Losgelöst von seinem bürgerlichen Leben genießt er die daraus resultierende "herrliche Leichtheit", bald fühlt er sich nicht mehr in der Lage, die Briefe seiner Familie zu beantworten. Er beginnt ein Verhältnis mit einer Bäuerin ...

Die Portugiesin

Die Portugiesin wird von dem Raubritter, Herrn von Ketten, auf seine Burg bei Trient geholt. Während er mit dem Kampf gegen den Bischof von Trient beschäftigt ist, bleibt sie allein, auch die beiden gemeinsamen Söhne kennt der Raubritter kaum. Als der Bischof stirbt, erkrankt von Ketten schwer. Seine Gesundung dauert lange und er merkt, wie fremd ihm seine Frau geblieben ist. Diese bekommt schließlich Besuch von einem Jugendfreund. Herr von Ketten ist eifersüchtig …

Tonka

Der namenlose Erzähler, ein junger Wissenschaftler, ist von der jungen Tonka aus ärmlichen Verhältnissen fasziniert, sie ist so schweigsam und anhänglich. Trotz aller Ungleichheit macht er sie zu seiner Geliebten, sie ziehen in die Stadt, Tonka arbeitet als Verkäuferin. Als sie ein Kind erwartet, zweifelt er, denn das Datum der Empfängnis fällt in einen Zeitraum, in dem er verreist war. Ist sie fremd gegangen? Tonka schweigt. Misstrauen und Eifersucht zerfressen ihn …

Der Schriftsteller Robert Musil

Robert Musil (*1880 in Klagenfurt), eigentlich Robert Edler von Musil, teilt das Schicksal vieler großer Künstler: Trotz seiner Erfolge starb der Österreicher verarmt und sozial isoliert. Dabei wurden seine Werke wie zum Beispiel "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß" (1906) schon zu seinen Lebzeiten viel gelesen.

Nach einer abgebrochenen militärischen Laufbahn studierte Musil zunächst Maschinenbau, dann Philosophie, Psychologie, Mathematik und Physik. Obwohl promoviert, sah Musil seine Zukunft nicht in der Wissenschaft. Nachdem er verschiedene Berufe ausgeübt hatte und als Landsturmhauptmann an der italienischen Front gewesen war, konzentrierte er sich auf das Schreiben. Bis 1931 betätigte sich Musil als Theaterkritiker, Essayist und freier Schriftsteller in Wien. In diesem Zeitraum wird er Vizepräsident des Schutzverbandes deutscher Schriftsteller in Österreich und lernt Hugo von Hofmannsthal kennen. 1924 wird ihm der Kunstpreis der Stadt Wien für die Erzählungen "Drei Frauen” verliehen. Als die Nazis Österreich besetzten, emigrierte er mit seiner Frau Martha in die Schweiz. An seinem zur Weltliteratur zählenden Hauptwerk "Der Mann ohne Eigenschaften", das von autobiographischen Aspekten mitbestimmt ist, arbeitete Musil bis zu seinem Tode. Er konnte es nicht mehr abschließen. Musil starb 1942 in Genf. Ein Jahr nach seinem Tod gab Martha Musil den unvollendeten Nachlassteil des Romans "Der Mann ohne Eigenschaften” im Selbstverlag heraus.

Robert Musil
Robert Musil veröffentlichte den Novellenband "Drei Frauen" im Jahr 1924. Bildrechte: IMAGO/TT

Der Sprecher Otto Sander

Der 1941 in Hannover geborene Otto Sander galt als einer der großen Darsteller des deutschsprachigen Theaters und Films. Seine warme sonore Stimme machte ihn zum gefragten Sprecher. Er starb 2013 in Berlin. Sander studierte Theaterwissenschaften, Germanistik und Philosophie in München. Sein erstes Engagement erhielt er an den Kammerspielen in Düsseldorf, danach in Heidelberg und Berlin. An der 1970 neu gegründeten Schaubühne am Halleschen Ufer arbeitete er mit prominenten Regisseuren wie Peter Stein, Luc Bondy und Claus Peymann zusammen und feierte mit vielen Rollen große Erfolge. Der Schauspieler erhielt zahlreiche Preise und Würdigungen, darunter den Grimme-Preis und die "Berlinale Kamera". Zu seinen bekanntesten Filmrollen zählen der Engel aus "Der Himmel über Berlin" von Wim Wenders sowie die des U-Boot-Kommandanten Kapitänleutnant Philipp Thomsen in Wolfgang Petersens "Das Boot". Als Synchronsprecher lieh er unter anderem Dustin Hoffman und Ian McKellen seine Stimme.

Otto Sander, 2005
Otto Sanders berühmteste Rolle war vielleicht der Engel in "Der Himmel über Berlin" von Wim Wenders. Bildrechte: IMAGO / Susanne Hübner

Der Sprecher Christoph Waltz

Christoph Waltz (1956 in Wien geboren) stammt aus einer Theaterfamilie. Seine Ausbildung absolvierte er am "Max-Reinhardt-Seminar" sowie am legendären "Lee Strasberg Theatre Institute" in New York. Er spielte an den Bühnen in Wien, Zürich, Köln, Frankfurt am Main, Hamburg und Salzburg. Im deutschen Fernsehen war er zu sehen in Serien wie "Derrick", "Der Alte", "Schimanski", "Kommissar Rex", "Polizeiruf 110", "SOKO", "Rosa Roth" sowie in zahlreichen Filmen, z. B. in "Du bist nicht allein - Die Roy Black Story".

Seinen internationalen Durchbruch feierte er jedoch 2009 mit der Rolle des SS-Standartenführer Hans Landa in Quentin Tarantinos "Inglourious Basterds". Hierfür wurde er nicht nur als einer der wenigen Österreicher mit dem Oscar, sondern auch mit dem Löwen von Cannes und dem Golden Globe ausgezeichnet. Auch in dem nächsten Film von Tarantino, "Django Unchained", bekam Christoph Waltz eine Rolle und konnte damit den zweiten Oscar in Empfang nehmen. Beim Filmfestival 2013 in Cannes saß er mit in der Jury. In dem Bond-Film "Spectre" verkörperte er 2015 und 2021 in "Keine Zeit zu sterben" den Bösewicht Ernst Stavro Blofeld.

Christoph Waltz
Christoph Waltz wurde mit den Rollen in den Filmen von Quentin Tarantino berühmt. Bildrechte: IMAGO / Future Image

Angaben zur Sendung

MDR KULTUR Lesezeit
02.01. - 11.01. 2024
Otto Sander und Christoph Waltz lesen "Drei Frauen" von Robert Musil
(8 Folgen)
"Grigia"
(2 Folgen): Gelesen von Otto Sander
"Die Portugiesin"
(2 Folgen): Gelesen von Christoph Waltz
"Tonka"
(4 Folgen): Gelesen von Otto Sander

Produktion: Roof Music 2005

Sendung im Radio: 02.01. - 11.01. 2024 | Montag bis Freitag 9:05 Uhr
Wiederholung: 02.01. - 11.01. 2024 | Montag bis Freitag 19:05 Uhr

Die Lesung steht hier bis zum 31. März 2024 zum Hören bereit.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR Lesezeit | 02. Januar 2024 | 09:05 Uhr

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