Ballettszene - sechs Paare tanzen auf der Bühne
"The Bach Project" nähert sich im Rahmen der Thüringer Bachwochen dem berühmten Komponisten an. Bildrechte: Carola Hölting

Große Fragen Theater in Thüringen: Neun sehenswerte Stücke im Mai 2024

Sie haben Lust, mal wieder ins Theater zu gehen? In Thüringen gibt es im Mai 2024 viele besondere Aufführungen. In Erfurt erzählen Jugendliche aus ihrem Leben – von Pickelproblemen bis hin zum Massaker. In Weimar ist eine berühmte Choreografin zu Gast und es wird durch die Geschichte getanzt. In Jena wird ein Theaterskandal untersucht und in Gera gibt es eine Abenteuerreise. Jeweils zu Beginn eines neuen Monats wird diese Übersicht aktualisiert.

Getanztes Schauspiel in Weimar: "Das Ballhaus" am Deutschen Nationaltheater

Die Idee ist schlicht und genial: die Geschichte mit Musik und Tanz zu erzählen. "Le Bal" von Théâtre du Campagnol hat schon verschiedene Versionen hervorgerufen. In Weimar wurde gleich ein ganzes Jahrhundert eingefangen, von 1923 bis 2023, inklusive NS- und DDR-Zeit. Auf der Bühne ist ein Café aufgebaut. Zu Beginn ist der Kellner noch allein. Erst nach und nach kommen die Gäste, reichlich verwirrt. Schließlich kommt auch die Band dazu, die wunderbare Versionen bekannter Songs spielt und übereinander blendet. Dann wird getanzt, immer fröhlich, immer in anderen Konstellationen, sodass nur allmählich Paare zueinanderfinden. Die schrecklichen der Momente werden dabei natürlich sichtbar, aber laufen eher im Hintergrund mit. Kritiker Michael Helbing ist in der "Thüringer Allgemeinen" begeistert von der Leistung des Weimarer Schauspiel-Ensembles, das sich statt viel Text vor allem Tanzschritte merken musste. 

 Mehrere Menschen in Kostümen tanzen auf einer Bühne, die wie ein Café unter einem Rundbogen aussieht.
Auf der Weimarer Bühne wird das Schauspiel-Ensemble zur Tanzgruppe. Bildrechte: Candy Welz

Weitere Informationen "Das Ballhaus (Le Bal)"
nach einer Idee des Théâtre du Campagnol

Adresse:
Deutsches Nationaltheater
Theaterplatz 2
99423 Weimar

Dauer: 120 Minuten, keine Pause

Termine:
9. Mai, 19:30 Uhr
19. Mai, 18 Uhr

Puppentheater in Gera: "Die Schatzinsel" nach Robert Louis Stevenson

Wie viele Menschen träumen davon: eine Schatzkarte finden und zu einem sagenhaften Abenteuer aufbrechen. In der Realität ist das vermutlich ein schreckliches und vielleicht sogar beängstigendes Erlebnis, doch die Abenteuergeschichten klingen zu verlockend. Der Klassiker ist da vermutlich "Die Schatzinsel" von Robert Louis Stevenson, in dem Jim Hawkins auf Schatzsuche geht und in die Intrigen des Kochs Long John Silver gerät. Liebevoll erzählt der Puppentheatermacher Frank Alexander Engel die Geschichte in Gera nach: Die Szenen spielen vor einer hölzernen Wand, die auch unter Deck stehen könnte. Das Ensemble erschafft mit Kreide immer neue Orte und spielt die Szenen mit Flachpuppen oder Masken nach, die direkt aus einer Buchillustration stammen könnten, berichtet die Kritikerin Ulrike Merkel in der "Thüringer Allgemeinen": "Frank Alexander Engel findet für Stevensons 'Schatzinsel' grandiose, einzigartige fantasiereiche Bilder, die nostalgische Gefühle wecken. Man glaubt sich zurückversetzt in die Kindheit, als man sich mit der Taschenlampe unter der Bettdecke heimlich in schaurig aufregende Buchabenteuer träumte. Ein großes optisches Ereignis", so die Kritikerin. 

Zwei hellbraune Puppen eines Kapitäns und eines Kindes stehen vor einer hölzernen Wand.
Wie aus einem illustrierten Buch auferstanden, wirken die Figuren auf der Geraer Bühne. Bildrechte: Ronny Ristok

Weitere Informationen "Die Schatzinsel" nach Robert Louis Stevenson

Adresse:
Bühne am Park
Theaterstraße 1
07548 Gera

Dauer: 75 Minuten, keine Pause

Termine:
1. Mai, 16 Uhr
10. Mai, 18 Uhr
11. Mai, 16 Uhr

Tanztheater in Meiningen: "The Bach Project" am Staatstheater

Er ist einer der wichtigsten Komponisten aller Zeiten, vielleicht sogar der wichtigste: Johann Sebastian Bach hat Werke geschaffen, die bis heute begeistern. Er hat musikalische Formen gemeistert und gleichzeitig die Regeln immer wieder gebrochen, sodass er die Moderne schon vorwegnahm. So hat er zahlreiche Musik- und Kunstschaffende inspiriert. Der Choreograf Andris Plucis hat sich im "Bach Project" im Rahmen der Thüringer Bachwochen auf ganz eigene Weise dem berühmten Komponisten genährt. Dafür hat er den Komponisten Gabriel Prokofiev eingeladen, der Klassik und Sampling nutzt. Zu diesen flächigen Klängen, die nur noch entfernt an Bach erinnern, entwickelt Plucis' Bilder und Bewegungen, die keine Geschichte erzählen wollen, sondern einfach der Logik der Musik folgen. "Diese Gruppe findet sich fließend zu großen chorisch-getanzten Tableaus zusammen, aus denen heraus stets neue Pas de deux, Pas de trois oder noch größere Besetzungen entwickelt werden: exakt gearbeitete, fantasievoll-tänzerische Momentaufnahmen, hinter denen selten eine Geschichte steckt", schreibt MDR KLASSIK-Kritikerin Bettina Volksdorf

Weitere Informationen "The Bach Project – The Obstruction of Lightness of Thoughts"
Ballett von Andris Plucis mit Musik von Gabriel Prokofiev

Adresse:
Staatstheater Meiningen
Bernhardstraße 5
98617 Meiningen

Termine:
5. Mai, 15 Uhr
19. Mai, 18 Uhr

Jugendtheater in Erfurt: "Definitiv vielleicht" an der Schotte

Wer sich nicht mehr so recht an seine Jugend erinnern kann, wie es war als Pubertierender; oder wer erkennt, dass Teenager heutzutage doch anderes durchmachen als man selbst, der sollte "Definitiv vielleicht" sehen. Die jungen Mitglieder des Erfurter Jugendtheaters Schotte erzählen hier in kurzen und schnellen Szenen von ihrem Alltag: vom Leben mit Social Media, wo auch ständig die Eltern aktiv sind, oder von Pickeln. Und vor allem erklären die Jugendlichen, was sie sich selbst wünschen: Aufmerksamkeit, Verständnis und manchmal etwas Freiheit. Was sie nicht brauchen, sind übrigens Markenklamotten und Ratschläge von zu alten Menschen (was alles über 25 sein dürfte). Die Szenencollage lebt von einer großen Energie und einem hohen Tempo, berichtet Esther Goldberg in der "Thüringer Allgemeinen" nach dem Besuch der Generalprobe. 

Weitere Informationen "Definitiv vielleicht!"
Szenencollage für Menschen ab 12 Jahren

Adresse:
Schotte
Schottenstraße 7
99084 Erfurt

Dauer: 60 Minuten

Termine:
24. Mai, 20 Uhr (AUSVERKAUFT)
25. Mai, 20 Uhr
27. Mai, 19 Uhr

Schauspiel in Weimar: "Die Buddenbrooks" am Deutschen Nationaltheater

Das ist wirklich ein ganzer Brocken Literatur: Thomas Mann erzählte die Geschichte der gesamten Familie Buddenbrook, einer Familie mit einem erfolgreichen Geschäft, das jedoch über Generationen durch Rückschläge und Rebellion in der Familie zugrunde geht und die Familie mit sich zieht. Damit schuf Mann eines der wichtigsten Bücher des deutschen Literaturkanons. Ein Buch, das heutzutage wohl nicht mehr ganz so viel gelesen wird und umso schöner ist es, dass das DNT Weimar die Geschichte auf die Bühne bringt. MDR KULTUR-Theaterkritiker Wolfgang Schilling freut sich, dass alle (egal ob mit oder ohne Vorkenntnis) die Geschichte verfolgen können. Dennoch begnügt sich Regisseur Christian Weise nicht nur damit, den Roman zu bebildern: Das "ist Theater auf der Höhe der Zeit. Regie-Theater, das seinen Schauspielerinnen und Schauspielern den Teppich ausrollt, auf dem sie glänzen dürfen. Theater, das einer Vorlage den Respekt erweist, den sie verdient. Und es gleichzeitig so präsentiert, dass es jeden im Publikum in seinen Bann zieht." Da gibt es ein wildes Solo, ausgelassenes und buntes Spiel vor der Kamera und einen beeindruckenden Totentanz. "Unbedingt hingehen", urteilt Wolfgang Schilling. Im Mai wird die Inszenierung zum letzten Mal gespielt. 

Weitere Informationen "Buddenbrooks – Verfall einer Familie" nach Thomas Mann

Adresse:
Deutsches Nationaltheater
Theaterplatz 2
99423 Weimar

Dauer: 180 Minuten, eine Pause

Termine:
8. Mai, 19:30 Uhr

Performance in Jena: "Die Hundekot-Attacke" am Theaterhaus Jena

Der Skandal um den Choreografen Marco Goecke, der einer Kritikerin Hundekot ins Gesicht schmierte, weil sie ihn seiner Meinung nach immer nur mit schlechten Rezensionen überhäuft habe, ist noch nicht vorbei. Nachdem der Künstler das Haus in Hannover verlassen hatte, kehrt er nun für eine weitere Arbeit als Gast zurück. So ganz klar wurde also kein Schlussstrich gezogen. Umso schöner, dass das Theaterhaus Jena erneut ihre Stückentwicklung "Die Hundekot-Attacke" zeigt, ein wunderbares Spiel mit der Realität und eine Auseinandersetzung mit der eigenen Arbeit. Zu Beginn tritt eine Person auf, die glaubhaft versichert, selbst unter Goecke getanzt zu haben. Ihre Körpersprache spricht davon, wie hart es ist, sich in diesem Beruf durchzuschlagen. Dann jedoch tritt ein Schauspieler auf und erklärt, dass das Projekt gescheitert sei. Stattdessen wird aus dem Mail-Verkehr des Ensembles vorgelesen, das sich wie viele Theater mit dem Fall auseinandergesetzt hat. "So finden Ernsthaftigkeit und Witz zueinander. Man ist ergriffen und entsetzt und mittendrin in einem Theater, das die Welt nicht von der Bühne herab erklärt, sondern sich und dem Publikum einen Spiegel vorhält", meint MDR KULTUR-Theaterkritiker Wolfgang Schilling. Das Theaterhaus Jena zeige, dass es auf Augenhöhe mit großen Häusern spiele, meint der Tanz-Kenner weiter. Das beweist auch die Einladung zum renommierten Theatertreffen nach Berlin und zum Heidelberger Stückemarkt. Vorher ist das Stück jedoch noch zwei Mal in Jena zu erleben. 

Weitere Informationen "Die Hundekot-Attacke"

Adresse:
Theaterhaus Jena
Schillergässchen 1
07745 Jena

Termine:
15. Mai, 20 Uhr
16. Mai, 20 Uhr

Oper in Weimar: "Aschenputtel" am Deutschen Nationaltheater

Es ist eine Narbe im kulturellen Gedächtnis der Klassikstadt Weimar, die auch eine Erfolgsgeschichte birgt: Vor 20 Jahren, im September 2004, brannte die Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar, die vor Jahrhunderten als Zeichen des Humanismus gegründet wurde. Inzwischen wurde sie wieder aufgebaut. Diese Ereignisse nimmt Regisseur Roland Schwab als Folie für seine stimmige Inszenierung von Rossinis "Aschenputtel"-Oper: Die Stiefschwestern brennen die Bibliothek ab, während sie für Social Media filmen. Aus der Asche steht der frühere Bibliotheksdirektor Goethe auf und verkuppelt den späteren Großherzog Carl August. Am Ende deutet sich dann sogar als dystopische Zukunft die Abgründe unserer Gegenwart an. MDR KULTUR-Theaterredakteur Stefan Petraschwesky spricht schon von einer Kult-Inszenierung, die von einem spielerisch wie gesanglich hervorragendem Ensemble getragen wird. 

Weitere Informationen "La Cenerentola"
Oper von Giacchino Rossini

Adresse:
Deutsches Nationaltheater
Theaterplatz 2
99423 Weimar

Dauer: 180 Minuten, eine Pause

Termine:
11. Mai, 19:30 Uhr
20. Mai, 18 Uhr

Festival in Weimar: "Passion:Spiel" am Deutschen Nationaltheater

Zum dritten Mal findet das Festival "Passion:Spiel" des Deutschen Nationaltheaters Weimar statt. 2024 stehen die Wochenenden für neues Musiktheater unter dem Motto "Oper für Alle" und setzt prominent auf das Mitmachen: Alle, die wollen, können beim Chorstück "The Great Learning" mitsingen. Auch zu den anderen beiden Projekten sind Workshops geplant. Mit jungen Menschen aus Weimar hat die Opernchefin Andrea Moses eine neue Version von Karl-Heinz Stockhausens "Originale" entwickelt, das einzigartige Menschen aus der Klassikstadt feiern will. Und die beliebte und bekannte Choreografin Sasha Waltz entwickelt ein Tanzstück zu der Musik "In C" von Terry Riley – ein Klassiker der Minimal Music, der sowohl Konzerthäuser als auch Clubs beeinflusst hat. 

Weitere Informationen Das Festival "Passion:Spiel" findet vom 29. Mai bis zum 8. Juni statt.

Adresse:
Redoute
Ettersburger Straße 61
99427 Weimar

Termine und Stücke:
31. Mai, 19:30 Uhr: Chorstück "The Great Learning"
1. Juni, 19:30 Uhr: Tanzstück "In C"
2. Juni, 18 Uhr: Tanzstück "In C"
7. Juni, 19:30 Uhr: "Originale" nach Karlheinz Stockhausen
8. Juni, 16 Uhr: "Originale" nach Karlheinz Stockhausen

Musiktheater in Erfurt: "Denis und Katya" von Philip Venables

Das eigentlich Unglaublichste an dieser Szene ist, dass es sich so ähnlich wirklich zugetragen hat. Nach einem Amoklauf haben sich zwei Jugendliche in einer Datsche, einem kleinen Gartenhaus, verschanzt. Umzingelt von der Polizei streamen sie ihr Ende. Der britische Komponist Philip Venables und der US-amerikanische Dichter Ted Huffman haben diese Ereignisse als Kammermusiktheater mit vielen Perspektiven aufgearbeitet. Katja Bildt und Máté Sólyom-Nagy singen verschiedene Beobachtungen und Kommentare der Autoren selbst, während sie die beiden eingekesselten Jugendlichen spielen. Das Regie-Team in Erfurt zeigt dieses Stück als Kammerspiel in Labor-Anordnung: Das Publikum sitzt um ein weißes Quadrat, an jeder Ecke spielt ein Cello, in der Mitte agieren die beiden Figuren und an den Wänden werden Kommentare zum Stream eingeblendet. "Wer Oper für eine antiquierte Kunstform hielt, fühlt sich kathartisch eines Besseren belehrt", schreibt der Kritiker Wolfgang Hirsch mitgenommen in der "Thüringer Allgemeinen". 

Hintereinander steht eine Frau in weiß-grauer Kleidung, eine Mann mit schwarzem Pullover und ein Person mit Cello.
"Denis und Katya" erzählt von zwei Jugendlichen, die eingekesselt sind. Bildrechte: Lutz Edelhoff

Weitere Informationen "Denis & Katya"
Amplifizierte Oper von Philip Venables und Ted Huffman

Adresse:
Theater Erfurt
Theaterplatz 1
99084 Erfurt

Dauer: 65 Minuten, keine Pause

Termine:
16. Mai, 19:30 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. Februar 2024 | 12:10 Uhr

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