Interview mit Medienwissenschaftlerin Prof. Dr. Christine Horz "Nutzer von ARD und ZDF müssen in Entscheidungen eingebunden werden"

Die Medienwissenschaftlerin Prof. Dr. Christine Horz fordert mehr Dialog der Öffentlich-Rechtlichen mit ihren Nutzerinnen und Nutzern. Außerdem müsste das Publikum in den Sendergremien endlich eine Rolle spielen.

Teasergrafik: Porträt von Prof. Dr. Christine Horz 12 min
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Zur Person Prof. Dr. Christine Horz

Christine Horz ist Professorin für „Transkulturelle Medienkommunikation“ an der Technischen Hochschule Köln. Sie promovierte an der Universität Erfurt über den Vergleich von Mediensystemen und Kommunikationskulturen. Sie gründete 2013 die Public-Science-Initiative und den Vorstand des Vereins zur Etablierung von Publikumsräten für öffentlich-rechtliche Medien e.V..

Steffen Grimberg: Wir interviewen Christine Horz, sie ist Kommunikationswissenschaftlerin, und sie beschäftigt sich vor allem mit Fragen wie denn die Zuschauenden beim Rundfunk beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk mitwirken können, welche Möglichkeiten sie haben, ihre Interessen einzubringen und wer sie dort eigentlich vertritt. Und das ist gleich meine erste Frage. Frau Horz, warum fühlen sich manche Menschen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht richtig vertreten?

Prof. Dr. Christine Horz: Ich denke, das liegt auch daran, dass sie nicht das Gefühl haben, dass die Gremien für sie da sind. Das die Gremien so ein bisschen Distanz wahren oder sehr starke Distanz wahren. Das nicht ganz klar ist, was da entschieden wird, wie es entschieden wird, auf welcher Grundlage es entschieden wird und die Gremien eben nicht den Kontakt zum Nutzenden suchen.

Steffen Grimberg: Die Gremien, das sind ja die Aufsichtsinstanzen. Sie sind zusammengesetzt aus den sogenannten gesellschaftlichen Gruppen. Wer oder was ist das?

Prof. Dr. Christine Horz: Das sind gesellschaftlich relevante Gruppen. Das sind Gruppen in der Gesellschaft, verschiedene Sparten, Berufszweige und Personengruppierungen, die ein großes Gewicht in der Gesellschaft haben, wie beispielsweisen Kirchen, wie beispielsweise Gewerkschaften oder auch Bildungsinstitutionen, aber auch Politiker. Politiker sind auch in dem Gremium. Sie sind ja auch gewählt von den Bürgern. Insofern sind Sie auch noch drin.

Steffen Grimberg: Sie sagen "noch drin", da gibt es ja immer eine heiße Diskussion darüber, wieviel Politik vertragen die Gremien? Wieviel Politik verträgt der öffentlich-rechtliche Rundfunk? Es gab ein Verfassungsgerichtsurteil, das die Zahl der politisch aktiven zumindest im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, also die Staatsnahen begrenzt hat in seinen Gremien. Wohin müsste da ihrer Meinung nach die Reise noch gehen?

Prof. Dr. Christine Horz: Ich will jetzt nicht sagen, dass Politiker überhaupt nicht mehr drin sein dürften, weil sie sind ja gewählt. Sie sind gewählter Personen, Repräsentanten der Bevölkerung. Doch meines Erachtens sind die Nutzenden selber viel zu wenig vertreten. Natürlich sind die Mitglieder dieser Repräsentanten auch Zuschauer und Zuhörer, aber ich denke es wäre sehr hilfreich und würde dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk gut zu Gesicht stehen, wenn die Gremien etwas vielfältiger aufgestellt würden, wenn mehr Wechsel stattfinden würde und wenn Nutzende im Sinne der Einbeziehung der Bürger in medienpolitische Entscheidungen mit eingebunden würden.

Steffen Grimberg: Was oder wer fehlt denn beispielsweise ihrer Meinung nach in den Gremien?

Prof. Dr. Christine Horz: Ich denke, es fehlt der ganz normale Bürger. Es fehlen junge Menschen. Einfach Leute, die die Medien nutzen möchten und auch gerne hier mitarbeiten möchten, diese weiterzuentwickeln. Die Öffentlich Rechtlichen haben ja einen großen Stellenwert in der Gesellschaft und eine Bedeutung, auch eine wachsende Bedeutung. Wir wollen ja keine verzerrte Debatte haben, die nur auf Social Media Fake-News beruht, sondern wir brauchen verlässliche Informationen. Und ich denke junge Menschen sind überhaupt nicht dort vertreten, auch Migranten und Migrantinnen sind nicht so viel vertreten, hier müsste einfach ein größere Wechsel stattfinden. Die Gesellschaft hat so eine extreme Dynamik, die entwickelt sich so schnell. Wir haben jetzt die Corona-Situation, dadurch verändert sich wieder sehr vieles. Die Arbeitsbedingungen und Lebensbedingungen der Menschen verändern sich. All das spiegelt sich in den Gremien viel zu selten und viel zu wenig wieder.

Steffen Grimberg: Wer wäre denn dafür verantwortlich, hier Abhilfe zu schaffen? Das können ja nicht die Sender, die öffentlich-rechtlichen Anstalten selber.

Prof. Dr. Christine Horz: Nein, das müsste teilweise aus der Gesellschaft selbst kommen. Die Gremien selber müssten aber auch mal darüber nachdenken, welche Rolle sie denn eigentlich zukünftig haben wollen. Wollen sie weiter sozusagen in einem eher abgekapselten Raum vor sich hin wirken oder möchten sie in die Gesellschaft hineinwirken? Möchten sie einen Dialog starten? Möchten sie Menschen befragen, was denn deren Ideen und auch Kritik sind hinsichtlich des Programms. Auch die Frage der Beschwerdemöglichkeiten ist auch beschwerlich. Also man muss  wirklich einen sehr langen Atem haben, um überhaupt zum Rundfunkgremien vorzudringen. Und hier ist die Frage, wie kann das anders organisiert werden?

Steffen Grimberg: Sie hatten, gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen einen Vorschlag gemacht einen Publikumsrat zu gründen. Solche Institutionen gibt es beispielsweise beim Österreichischen Rundfunk. Wie könnte das konkret aussieht?

Prof. Dr. Christine Horz: Das könnte beispielsweise so aussehen, dass es Vereine gibt, die sich organisieren und die mit Rundfunkfragen konfrontiert werden. Es kann so aussehen, dass sich beispielsweise Runde Tische bilden. Wir haben beide Möglichkeiten gesehen, die erste Möglichkeit mit den Vereinen in der Schweiz. Dort gibt es Publikums Vereine und allein in der Deutschschweiz mit etwas mehr als 4 Millionen Menschen sind 15.000 Personen in solchen Vereinen organisiert. Hier werden Fragen diskutiert, auch gemeinsam mit den Sendern. Und aus diesen Vereinen können sich dann Menschen wählen lassen in den Fernsehrat oder Rundfunkrat,

Steffen Grimberg: Und der Runde Tisch, da sagten sie, das gibt es auch schon als Beispiel.

Prof. Dr. Christine Horz: Das hatte es in Großbritannien gegeben. Da gab es Audience Councils. Verschiedene regionale Stammtische, an denen Themen mit Bezug auf die BBC diskutiert wurden. Man hat dann die Inputs, die man dort bekommen hat, mit in die BBC genommen und versucht damit auch zu arbeiten.

Steffen Grimberg: Welche Reaktionen gab es denn bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten und ihren Gremien, auf ihren Vorschlag und Vorstoß mit dem Publikumsrat?

Prof. Dr. Christine Horz: Die Reaktionen darauf waren eher gemischt und auch teils ziemlich skeptisch. Uns ist von Seiten der Medienpolitiker ein großes Interesse entgegen geschlagen, weil die Medienpolitiker natürlich sehen, dass sie für ihre Wandlungsprozesse der öffentlich-rechtlichen Sender auch einen Ansprechpartner im Publikum benötigen. Hier kann es nicht sein, dass nur beispielsweise Medienpolitiker den Prozess steuern. Wir sehen ja auch in anderen Politik Bereichen, dass Governance, also die Einbindung des Bürgers in politische Entscheidungen ein zentraler Kernwert ist, um überhaupt zu tragfähigen Entscheidung zu kommen. Und meines Erachtens muss das auch im Mediensektor unbedingt umgesetzt werden, da finden auch Governance-Prozesse statt. Und hier ist auch der Bürger einzubinden, weil er sonst das Vertrauen in die Öffentlich-Rechtlichen verliert

Steffen Grimberg: Und die Gremien selbst. Wir haben die darauf reagiert, dass ihnen da Konkurrenz entsteht.

Prof. Dr. Christine Horz: Ja genau. Die Gremien sehen eher die Konkurrenz und sie haben auch glaube ich, die Idee nicht ganz verstanden. Wenn wir ins Gespräch kamen, kam immer die Frage auf: "Wollte ihr uns jetzt abschaffen?" Darum ging es überhaupt nicht. Wir wollten einen Dialog starten und wir haben auch von Anfang an gesagt, das ist eine Initiative. Auch der Verein der gegründet wurde, ist ein Verein, um diese Debatte einfach mal anzustoßen. Wir wollen gemeinsam mit den öffentlich-rechtlichen Sendern, die wir für sehr wichtig und notwendig halten, gemeinsam eruieren, wie kann denn ein öffentlich-rechtliches Modell für die Zukunft in der digitalen Gesellschaft entwickelt werden, so dass es auch weiterhin an Akzeptanz gewinnen kann. Das auch Menschen in Entscheidungen eingebunden werden und der Bürger als Stakeholder viel mehr beachtet wird und nicht nur als Konsument, der irgendwelche  Dinge anschaut. Ich denke, dieses Modell, dieses Menschenbild ist auch in gewisser Weise überholt. Wir haben einen Kulturwandel, das sehen wir durch die Nutzung von Social Media. Die Menschen gewöhnen sich dran auch gefragt zu werden. Sie können Liken, sie können aktiv irgendetwas hochladen. Bei den Öffentlich-Rechtlichen funktioniert das nicht so wirklich. Ich glaube, der Anspruch der Menschen, die sich als Bürger wahrnehmen, mit eingebunden zu werden, ist doch größer als vielleicht noch vor 30 Jahren.

Steffen Grimberg: Wie ist denn aktuell der Stand der Dinge? Welche Reaktionen konstruktiver Art haben sie auf ihre Initiative bekommen?

Prof. Dr. Christine Horz: Was wir an konstruktiven Möglichkeiten sehen ist, dass einige Intendanten und Intendantinnen oder auch andere Institutionen auf uns zugekommen sind und da nachgefragt haben, wie soll das denn aussehen? Wie könnte das denn aussehen? Wir haben da auch keine Patentrezepte, das haben wir auch nie gesagt. Aber wir wollten einfach mal fragen: Was denkt ihr denn? Wie könnte das denn ablaufen? Wie könnte beispielsweise eine Wahl von Mitgliedern des Gremiums aus den Reihen des Publikums gestaltet werden? Und hier war eigentlich positiv, dass einige Intendanten und auch andere gesellschaftliche Institutionen tatsächlich auf uns zugekommen sind und wissen wollten, wie man das machen könnte, was nötig wäre. Und so weiter.

Steffen Grimberg: Wie bewerten Sie das Modell beim Westdeutschen Rundfunk? Da sind ja tatsächlich vor kurzem das erste Mal zwei Plätze im Rundfunkrat eben nicht für gesellschaftlich relevanten Gruppen zur Verfügung gestellt worden, sondern für Menschen, die sich drauf bewerben konnten. Und dann hat, ich glaube der Rundfunkrat und der Landtag gemeinsam ausgewählt, wer denn da eine gute Vertreterinnen ein guter Vertreter für die Allgemeinheit wäre.

Prof. Dr. Christine Horz: Der WDR hat insgesamt sieben Plätze ausgeschrieben, zwei davon an Einzelpersonen, die kamen direkt vom Rundfunkrat und fünf vom Landtag. Ich glaube für Gruppen haben sich, die Angler beworben und den Zuschlag bekommen, weil das auch eine große Gruppe ist, die sehr viele Mitglieder hat. Das wusste ich vorher auch nicht. Aber ist es interessant. Ich bewerte das auf jeden Fall als ein spannendes Model und spannendes Projekt. Ich hätte mir eigentlich gewünscht, dass das vielleicht auch wissenschaftlich begleitet wird, so dass man sehen kann, inwieweit es ein Rundfunk-Gremium arbeitsfähiger oder weniger arbeitsfähig macht, um dann sagen zu können, ob sich das Modell bewährt und es dann auch auf andere Sender zu übertragen.

Steffen Grimberg: Letzte Frage Frau Horz zu diesem spannenden Komplex? Die ARD hat den neuen Slogan "Wir sind deins." - überzeugt der sie?

Prof. Dr. Christine Horz: Dieser Slogan "Wir sind deins." überzeugt mich nicht wirklich. Ich denke, die ARD müsste dann noch ein bisschen liefern. Sie müsste noch mehr auf den Bürger zugehen. Der Intendant, der macht ja dann manchmal diese Sessions, wo er dann Menschen einlädt und mit den face-to-face diskutiert. Ich glaube, diese punktuellen Maßnahmen können wichtig sein, aber ich denke, das muss alles verstetigt werden. Und dann würde eine konsistente Strategie helfen, mit der man es schaffen möchte, dieses "Wir sind deins." tatsächlich zu leben und überzeugend rüber zu bringen.

Steffen Grimberg: Sagt Christine Horz, sie ist Kommunikationswissenschaftlerin und beschäftigt sich mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk und was der Bürger eigentlich damit zu tun hat. Vielen Dank für das Gespräch.

Prof. Dr. Christine Horz: Gern geschehen.

* Das Interview wurde am 7. Oktober 2020 in Frankfurt/Main aufgezeichnet.