MEDIEN360G im Gespräch mit... Guido Baumhauer

"Menschen in aller Welt mit freien Informationen zu versorgen, das ist unser Kerngeschäft." sagt der Technikdirektor der Deutschen Welle Guido Baumhauer.

Guido Baumhauer: Ich heiße Guido Baumhauer, bin Direktor Distribution und Technik bei der Deutschen Welle. Meine Kollegen und ich haben uns überlegt, wie wir das Darknet nutzen können – auch wenn wir den Begriff nicht mögen – um Menschen in aller Welt mit freien Informationen zu versorgen. Und dafür haben wir eine richtig gute Antwort gefunden.

Dagmar Weitbrecht: Warum hat sich die Deutsche Welle entschieden, ins Tor-Netzwerk zu gehen?

Porträt von Guido Baumhauer, Direktor Distribution und Technik der Deutschen Welle. Daneben der Schriftzug: Im Gespräch mit... 5 min
Bildrechte: MDR MEDIEN360G / Deutsche Welle

MEDIEN360G im Gespräch mit...

"Menschen die gut informiert sind, können sich daran beteiligen eine bessere Gesellschaft zu bauen. Deswegen sind wir im TOR-Netzwerk.", sagt Guido Baumhauer, Direktor Distribution und Technik bei der Deutschen Welle.

Do 13.02.2020 16:21Uhr 05:14 min

https://www.mdr.de/medien360g/medienwissen/interview-guido-baumhauer-106.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Guido Baumhauer: Menschen in aller Welt mit freien Informationen zu versorgen, das genau ist die DNA der Deutschen Welle. Das ist unser Kerngeschäft. Das ist das, was wir machen. Wir wollen, dass Menschen besser informiert sind und wenn es Regime gibt, wenn es Regierungen gibt, die genau das verhindern wollen, dann ist es unsere Aufgabe, alles dafür zu tun, dass die Menschen trotzdem an diese Informationen kommen. Deswegen haben wir uns entschieden, als erster Informationsanbieter in Deutschland einen Onion-Service zu nutzen, also einen Dienst der Informationen zwischen dem Webserver und dem Browser verschlüsselt, über den man diese Inhalte abrufen kann. Damit jeder Mensch in der Welt diese Informationen bekommt und dabei gleichzeitig anonym bleiben kann und auch verschlüsselt diese Informationen abrufen kann. Da sind wir in verdammt guter Gesellschaft. Die BBC hat das zeitgleich mit uns gemacht, weil sie die gleiche Idee hat, nämlich dass Menschen, die gut informiert sind, am Ende eben auch in einer besseren Gesellschaft leben können und sich daran beteiligen können, diese Gesellschaft aufzubauen. Da wollten wir unbedingt mit dabei sein und deswegen das Tor-Netzwerk.

Dagmar Weitbrecht: Welche Inhalte werden auf der Website der Deutschen Welle publiziert?

Guido Baumhauer: Die Deutsche Welle hat eine Website, die heißt DW.COM, die in insgesamt 30 Sprachen Menschen erreicht, erreichen will und Angebote in 30 Sprachen anbietet. Das sind Inhalte in Paschtu, Dari, Amharisch, wo manche sich wahrscheinlich fragen: wo spricht man das? Aber eben auch in anderen Sprachen. Deutsch, Englisch, Chinesisch oder auch Farsi, da bieten wir Inhalte an und alle diese Inhalte, auch die Sprachkurse der Deutschen Welle, all das haben wir uns entschieden über das Tor-Netzwerk anzubieten, weil wir wollen, dass über dieses Netzwerk alle Menschen überall auf der Welt alle Inhalte von uns in allen 30 Sprachen erreichen können. Deswegen gibt es da auch überhaupt keine Beschränkung.

Dagmar Weitbrecht: Gibt es Länder, die Sie sozusagen besonders ins Auge gefasst haben?

Guido Baumhauer: Also wichtig ist bei uns, einem Angebot von 30 Sprachen, fallen insofern natürlich zwei Sprachen so ein bisschen raus. Auch wenn sich unser Angebot über das Tor-Netzwerk in allen Sprachen an alle Menschen richtet, ist es insbesondere China, also chinesisch, oder Farsi für den Iran. Das sind so die zwei Märkte, in denen wir seit vielen Jahren, sogar in einem Fall seit Jahrzehnten, zensiert werden. Wo wir natürlich das große Interesse haben, dass Menschen diese Inhalte trotzdem finden können, trotzdem erreichen können, wenn sie das wollen. Nehmen wir jetzt mal so ein Beispiel wie den Iran. Das ist eine sehr junge Gesellschaft. Menschen sehen im Grunde genommen Zensur-Umgehung als Volkssport. Da bieten wir ihnen mit dem Tor-Netzwerk jetzt einen neuen Weg, um an die Inhalte von uns zu kommen. Deswegen freuen wir uns jedes Mal ein Loch in den Bauch, wenn Nutzer aus dem Iran zurückkommen, mit uns über Inhalte ins Gespräch kommen wollen, uns dafür danken, dass sie diese Inhalte, die sie sonst nicht bekommen hätten, über uns bekommen.

Dagmar Weitbrecht: Sie hatten eingangs gesagt, dass ihnen der Begriff Darknet gar nicht so gut gefällt. Wir suchen eine Antwort auf die Frage „Wie dunkel ist das Darknet?“. Wie schätzen Sie den Begriff "Darknet" aus der Sicht des Medienmachers ein?

Guido Baumhauer: Also, es gibt ja keine klare Definition für das Darknet. Es ist ein Teil des freien Internets, ein Teil, der über ein eigenes Kommunikationsprotokoll zugänglich gemacht wird. Und warum wir mit diesem Begriff Darknet so ein bisschen Ringen ist einfach, weil man das Gefühl hat, dass es einfach dunkel und irgendwie schmuddelig ist. Und das ist es ja auch. Ich finde, man darf auch nicht verstellen, dass das offene, das freie Internet gar nicht so offen und frei ist, dass es dort ja gar nicht so viel Schutz für die Privatsphäre gibt. Es ja auch kein Zufall, wenn Tim Berners Lee, der Begründer des World Wide Web, der jetzt vor kurzem eine Initiative gestartet hat, um wieder zurückzugehen zu den Roots, zu den Wurzeln des freien Internets und einfach sagt, wir brauchen das irgendwie wieder, diese freie Art der Kommunikation. Das Tor-Netzwerk bietet für uns als Deutsche Welle eine wunderbare Gelegenheit, so einen freien Zugang jetzt wieder möglich zu machen. Das hat überhaupt nichts Schmuddeliges, in dem Fall das genaue Gegenteil. Es ist ein bisschen wie mit einem Messer. Ich kann mit diesem Messer einen Apfel schälen und kann den einem Kleinkind geben. Dann bin ich ein wundervoller Mensch, der dafür sorgt, dass es dem Kind gut geht. Ich kann dieses Messer aber auch nutzen und es jemandem in den Bauch rammen. Dann bin ich einfach mehr als nur ein ekelhafter Mensch. So ähnlich ist es auch mit dem Tor-Netzwerk. Es hängt am Ende von den Menschen ab, die es nutzen. Wir als Deutsche Welle nutzen es, um damit Menschen in aller Welt zu erreichen. Das ist eben für uns Kern unseres Seins. Das kennen wir seit der Welt der analogen Kurzwelle, wo wir auch schon gejammt wurden, weil jemand versucht hat, unsere Sender zu stören. Da haben wir auch immer einen Weg darum herum gefunden. Das machen wir jetzt im digitalen Zeitalter eben genauso. Das ist ein Marathon, bei dem wir ganz oft sprinten müssen, gucken müssen, dass wir genauso schnell sind, wie die Regime, die das verhindern wollen und an manchen Tagen sind die Regime besser, die gibt es auch. An den meisten Tagen sind es wir, und da bin ich froh, dass wir mit dem Tor-Netzwerk einfach jetzt eine ganz neue Gelegenheit, eine neue Möglichkeit haben, viele Menschen zu erreichen.

* Das Gespräch wurde am 18. Dezember 2019 bei der deutschen Welle in Köln aufgezeichnet.