Corona und die Medien “Medien sind keine Relaisstation im Weltall“

Verschwörungsgläubige behaupten, die Medien würden in der Corona-Krise kritische Stimmen übergehen. Die breite Zustimmung zu den Maßnahmen der Politik sagt etwas anderes: Die Skeptiker sind überrepräsentiert. Oder? Ein Gespräch mit dem Leipziger Kommunikationswissenschaftler Uwe Krüger über mediale Repräsentation.

Stilisierte Person, die Bundeskanzlerin Angela Merkel darstellen soll, hält Zeigefinger vor den Mund. Im Hintergrund ist "Das Auge der Vorsehung" sowie das Logo der ARD Themenwoche zu sehen.
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Die Zahlen zeigen seit Beginn der Corona-Pandemie ein relativ klares Bild: Die Maßnahmen zu ihrer Eindämmung, die die Politik ergriffen hat, sind im Land anerkannt. Es geht mal etwas rauf und mal etwas runter mit der Zustimmung, aber es gibt keine Anzeichen für einen grundlegenden Umschwung. Diejenigen, denen die Kontaktbeschränkungen zu weit gehen, waren in den zurückliegenden Monaten in einer deutlichen Minderheit. Derzeit, da die Maßnahmen außergewöhnlich weit reichen, gehen sie laut Deutschlandtrend der ARD vom 5. November 24 Prozent der Deutschen zu weit. Aber auch jetzt ist das Land nicht polarisiert, sondern ziemlich klar in seiner Zustimmung zur Coronabekämpfung.

Es ist seltsam. Sogenannten Coronaleugnern und Verschwörungsgläubigen wurden immer wieder Titelseiten und viele Fernsehminuten gewidmet, sobald sie sich zu einer Demonstration zusammentaten. Zuletzt im November in Leipzig. Dabei sind sie nur eine Minderheit der Minderheit. Es sind eher die vielen, auf die kein Scheinwerfer gerichtet wird.

Gibt es eine Art schweigende Mehrheit, die in medialen Zusammenhängen unterrepräsentiert ist? Die Wochenzeitung Die Zeit hat das im September behauptet. Es gebe in Deutschland während der Pandemie eine “krakeelende Minderheit. Und deren Rechnung geht auf: Je wüster sie krakeelt, desto größer sind die Schlagzeilen, die sie erwirtschaftet.“ Die Medien, insgesamt betrachtet, würden demnach aus einer kleinen Mücke einen laut trompetenden Elefanten machen.

Oder sind Medien zu regierungsnah?

Zugleich gibt es auch die gegenläufige Kritik: Die Medienberichterstattung in der Pandemie sei zu regierungsnah. Aus einem Elefanten werde also eher ein Mammut gemacht. Das haben in unterschiedlichen Nuancen einige Kommunikations- und Medienwissenschaftler vertreten, die alle keine Umstürzler sind. Zuletzt etwa Stephan Russ-Mohl in der Süddeutschen Zeitung. Zuvor auch etwa Otfried Jarren, emeritierter Professor der Universität Zürich: Das Fernsehen präsentiere sich “als eilfertiges, omnipräsentes öffentliches 'Systemmedium’“, notierte er Ende März im Fachdienst epd medien.

Und der Kommunikationswissenschaftler Uwe Krüger von der Universität Leipzig schrieb in einem Beitrag für die Frankfurter Hefte: “Zu beobachten war das klassische 'Rally ’Round the Flag‘-Phänomen: Wenn es um Leben und Tod geht, schart man sich um die Regierung.“ Auch er bezog sich, wie seine Kollegen, auf die Berichterstattung im Frühjahr.

Anruf bei Uwe Krüger. Wie sieht er das heute? Kann er mit dem Eindruck etwas anfangen, es gebe eher eine unterrepräsentierte Mehrheit, als eine medial unterrepräsentierte Minderheit?

Uwe Krüger schickt vorweg, er habe die Corona-Berichterstattung der jüngsten Monate “nicht systematisch wahrgenommen“ und wolle sich auf einen Eindruck beschränken: “Es gibt einen Mainstream in der Coronafrage, der davon ausgeht, dass es sich um ein gefährliches Virus handelt, und der die Regierungsmaßnahmen im Großen und Ganzen befürwortet.“ Für ihn als Anhänger der Indexing-Hypothese sei das auch “nicht überraschend“, sagt er. Die Indexing-Hypothese nimmt an, dass die großen Medien in der Regel die Debatte innerhalb der politischen Elite reflektieren. Er betont aber, in diesem Fall schließe sich keine Kritik von seiner Seite an. In diesem Fall sei er “nicht mainstreamkritisch“, sondern froh, dass die Pandemiebekämpfung ernstgenommen werde.

Medien sind kein “Spiegel der Gesellschaft“

Stilisierte Grafik: Fußballspieler macht Fallrückzieher, Zuschauer sitzt gelangweilt auf Sitzgelegenheit. 2 min
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Das Bild, welches Medien von Ostdeutschland vermitteln, widerspricht oftmals der persönlichen Wahrnehmung der Menschen, die im Osten Deutschlands leben. Warum unterscheiden sich Medienbild und Lebenswirklichkeit?

Do 01.10.2020 15:21Uhr 02:00 min

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Die Frage ist, ob in der Medienlandschaft die gesellschaftliche Realität angemessen wiedergegeben wird. Zwischen einer “krakeelenden Minderheit“ und den Regierenden ist viel Platz. Uwe Krüger verweist auf die Forschung von Ray Funkhouser aus den siebziger Jahren, eine wichtige Arbeit in der Geschichte der Kommunikationswissenschaften. Funkhouser verglich die Berichterstattung über den Vietnamkrieg mit der Zahl der in Vietnam eingesetzten US-Soldaten. Es gab mehr Berichterstattung zu einem Zeitpunkt, als noch wenige Soldaten im Krieg waren, als später, als mehr Soldaten eingesetzt waren. Bedeutet das aber eine Verzerrung in der Berichterstattung? Das lässt sich daraus nicht ableiten.

Medien, sagt Uwe Krüger, seien “keine Relaisstation im Weltall“, in der die Realität nur gespiegelt werde. Sie seien nicht als Spiegel der Gesellschaft zu beschreiben, nicht im eigentlichen Sinn der Metapher. Vielmehr sind sie Teil der Gesellschaft. Sie konstruieren aus ihrer Verortung heraus Wirklichkeitsentwürfe. Ob diese Entwürfe angemessen sind, könne und solle dann im demokratischen Diskurs verhandelt werden.

Es habe durchaus Sinn, dass Politiker öfter in den Medien auftauchen würden als zum Beispiel Bauarbeiter – weil Politiker Entscheidungen treffen, die für alle relevant seien. “Da würde ich die Medienlogik verteidigen, dass nicht alle zu gleichen Teilen repräsentiert sein müssen“, sagt er.

Die Folge freilich ist: “Wir konstruieren ein Bild, eine Medienrealität.“ Inwieweit die Medienrealität mit der Realität übereinstimmt, sei schwer bis unmöglich zu bestimmen, weil es nirgendwo ein “unverzerrtes“ Bild der Realität zum Vergleichen gebe.

Auch Alternativmedien kritisch lesen

Die Frage, wie sich Medien und Realität zueinander verhalten, steht seit mehr als einem Jahrhundert im Zentrum der Massenkommunikationsforschung. Was lernen wir aus der Corona-Berichterstattung?

Haben die Medien an Vertrauen verloren, weil sie selbsternannten Fachleuten nicht dasselbe Forum bieten wie anerkannten Experten aus der Virologie und Epidemiologie? Ist es sinnvoll, Interviews nur um der Repräsentation von Positionen wegen zu führen – unabhängig von deren Substanz? Genau das ist es, was die schärfsten Kritiker – die “krakeelende Minderheit“, wie Die Zeit sie vielleicht nennen würde – verlangen: Sendeplätze, damit auch die Behauptung repräsentiert ist, eins plus eins sei fünf. Machen “die Medien“ – ohnehin ein ungenauer Oberbegriff, der von Bild bis ZDF alles einschließt, was keineswegs gleich berichtet – wirklich einen Fehler, wenn sie solche Positionen nicht gleichwertig und unkommentiert präsentieren?

Uwe Krüger sagt, er sei “gegen eine falsche Ausgewogenheit, wenn es um Fakten und nicht um Meinungen geht. Man hat kein Recht auf eigene Fakten.“ Er vertraue der Klimaforschung ebenso wie Epidemiologen und Virologinnen.

Gleichwohl: Sich in alternativen Medien zu informieren, hält Krüger auch in Corona-Zeiten für legitim. Leser sollten sich nur bewusst sein, dass alternative Medien “zuweilen aus rein ideologischen Gründen“ gegen den Mainstream seien: “Alternativmedien sollten genauso kritisch wie Mainstream-Medien konsumiert werden.“ Damit wäre in der Tat schon viel gewonnen.

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