Krimiflut im Fernsehen Mord-Rate im TV verzerrt Wirklichkeit

Allein der sympathische Antiquar Georg Wilsberg hatte es im ZDF bislang mit 107 Mordopfern zu tun. Dabei waren auch sieben Hühner und ein Pferd. Wer sich durch die deutsche TV-Krimi-Landschaft guckt, wird anderswo mit noch mehr Mord und Totschlag konfrontiert. Ein Plädoyer für Abrüstung bei der Blutrünstigkeit.

Fernsehbildschirm mit nachgezeichneter Personensilhouette. Dazu der Schriftzug Mord im Wohnzimmer.
Bildrechte: MDR/MEDIEN360G

Oh, doch erst 25 Jahre "Wilsberg". Beinahe hätte man dem ZDF-Krimi, dessen Hauptdarsteller Leonard Lansink so sympathisch nicht-juvenil rüberkommt, ein paar Jährchen oder Jahrzehntchen mehr zugetraut. Jedenfalls betrieb das ZDF aus dem Anlass Datenjournalismus: "In den bisher ausgestrahlten Folgen gab es 107 Mordopfer – 60 Männer, 34 Frauen, sieben Hühner und einen Zuchthengst. Unter den Opfern waren unter anderem sechs Priester, sechs Prostituierte, drei Finanzberater, drei Krankenschwestern, drei Anwälte, drei Landwirte und zwei Ärzte", teilte der Sender mit. "Nicht so blutrünstig" zu sein, nennt der zuständige Redakteur Martin R. Neumann als ein Erfolgsrezept. Von den Hühnern abgesehen 94 Mordopfer in 67 Filmen, also 1,4 pro Folge sind demzufolge ein geringer Fernsehkrimi-Bodycount.

Blutrunst kennzeichnet das öffentlich-rechtliche Fernsehschaffen tatsächlich. Als die Reihe "Die Toten vom Bodensee" zehn Folgen alt wurde, ging es um ein Opfer "am Ufer des Bodensees tot auf einer Bank sitzend", "sein Mund ist zugenäht, eine Münze findet sich darin". In der Woche drauf folgten die Toten vom, pardon: von der Nordsee. In "Ostfriesengrab" wurden eine junge Frau "an Seilen aufgeknüpft" und eine weitere "bis zum Hals im Sand vergraben" tot aufgefunden, sowie ein ertrunkener junger Mann "im Watt an einen Holzpfahl gefesselt".

Das war erst der "vierte Film" der Ostfriesland-Krimireihe. Gab es nicht schon viel mehr Ostfriesenkrimis? Ja, in der Krimireihe "Friesland" ohne "Ost-" davor. Sie spielt im ostfriesischen Leer. "Nord Nord Mord" spielt auf Sylt, also einer nordfriesischen Insel,  "Nord bei Nordwest" (jetzt mal ARD) trotz des Titels an der Ostsee, aber, anders als "Mord auf Usedom" an der alt-westdeutschen Ostsee. Neunzigminütige Küstenkrimis gibt es in mindestens ausreichender Anzahl, selbst wenn man das fiktive Nordholm an der Ostsee weglässt ...

Immerhin ist in Krimis niemand "abgehängt"

Vernachlässigung deutscher Großstädte als Krimischauplatz muss dennoch nicht beklagt werden. In München wurde gerade "Laim und die Tote im Teppich" gedreht. Außerdem gibt's dort "München Mord" (auch ZDF) und von der ARD das lokale "Tatort"-Team und eine neue "Polizeiruf"-Kommissarin, wenn man sich auf die 90-Minüter beschränkt.

Konstruktiv betrachtet: Im Fernsehkrimi gelingt den Öffentlich-Rechtlichen, was im Nachrichtengeschäft nicht immer gut gelingt: sowohl die Metropolen im Blick zu haben, in denen Journalisten, Politiker und Filmschaffende meist wohnen, als auch die "Provinz". Das ist gut. An strukturschwachen Orten freut man sich oft schon während der Dreharbeiten, etwa wenn in der Nebensaison Filmteams anreisen. Und hinterher, weil Fernsehkrimis Tourismus ankurbeln (z.B. spreewald.de: "Entdecken Sie die Schauplätze der beliebten ZDF Fernsehserie"). Vielleicht hilft es ja auch beim Zusammenwachsen Deutschlands, wenn im oft als "abgehängt" apostrophierten Görlitz die ARD und im Erzgebirge das ZDF Allerweltskrimis drehen, ohne strukturschwache westliche Regionen wie Ostfriesland zu vernachlässigen.

Andererseits: Wenn sogar der harmlose Freak Wilsberg auf fast anderthalb Tote pro anderthalb Stunden kommt, liegt die Zahl der Fernsehkrimimorde (zu der die kürzeren, nicht weniger rüstigen Vorabendkrimis zwischen "SOKO Wismar" und "Rosenheim-Cops" ja auch beitragen) unsinnig hoch. Schon aus genrespezifischen Gründen: Der Reiz, den gute Krimis ausüben können, besteht in der Variation bekannter Schemata. Je öfter Menschen fantasievoll in Boden- oder Nordsee ersäuft werden, damit Kommissare Spuren zum Fälle-Lösen bekommen, desto schwieriger wird das.

Die Mediatheken zeigen den Überdruss

Zum Anderen und vor allem: An allen Ecken und Enden wird gestritten, ob die Gesellschaft verroht. Ob die Gewaltkriminalität in Deutschland steigt oder gerade nicht, sondern bloß dieser Eindruck, darüber wird oft erregt und selten grundlos diskutiert. Passt die fiktionale Blutrunst in diese Zeit? Im linearen Fernsehen mag die Strategie, Publikum durch einen spannenden Krimi so zu fesseln, dass es die folgende Nachrichtensendung auch noch mitnimmt, lange gewisse Gültigkeit besessen haben. Die nonlinearen Mediatheken machen den Krimi-Überfluss bis weit über den Überdruss hinaus anschaulich. In den 2030-er Jahren werden alle, die sich dann noch fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen vorangegangener Jahrzehnte interessieren, sich angesichts des irrsinnigen Ausmaßes unterhaltsam gemeinter Morde an den Kopf fassen.

Da könnte das Vorbild Wilsberg helfen: Morde verhindern – nicht nur, indem Krimihelden ihre Sidekicks aus der Schusslinie ziehen oder vergifteten Kaffee noch rechtzeitig wegschütten, sondern indem die Krimiunterhaltung gedeckelt wird. Jeder neunzigminütige Krimi, der nicht gedreht wird, spart weit mehr als eine Million Euro. Eine leichte Verknappung des Angebots könnte Qualität und Quote erhöhen. Zusätzlicher "Public Value" könnte darin bestehen, reihen- und serienweise Krimis jenseits des "Tatorts" vorzugsweise in Provinzorten zu drehen, wo sich die Einheimischen noch drüber freuen. Metropolenbewohner freuen sich ja oft auch, wenn vor ihrer Tür mal nichts gedreht wird.

Dieser Artikel ist eine gekürzte und aktualisierte Fassung einer Kolumne aus der medienkorrespondenz.de-Reihe "Bartels' Betrachtungen".