Pressearbeit Wenn die Polizei zum Medium wird

Im Normalbetrieb funktioniert die Zusammenarbeit zwischen der Polizei und den Medien gut. Doch bei Demonstrationen – so wie zum Jahreswechsel 2019/20 in Leipzig-Connewitz – kann es kritisch werden. Wenn neben den traditionellen Medien die Polizei mit ihren Social-Media-Posts selbst zum Medium wird, wem kann man dann glauben?

Foto eines Polizisten in der Diskussion mit einem Journalisten. Dazu der Schriftzug "In der Kritik". 10 min
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Die sogenannte Blaulicht-Abteilung auf der Website presseportal.de ist ein Erfolg. Hier stellen Polizeidienststellen aus ganz Deutschland ihre Pressemeldungen ein. Sie sind für die regionalen Zeitungen, Radio- und TV- Sender eine wichtige Quelle für ihre Berichterstattung. Und sie werden auch direkt von ganz normalen Leuten gelesen. Die Meldungen sind sachlich, manchmal ist auch ein bisschen Humor im Spiel. All diese Nachrichten über Unfälle, Einbrüche oder auch die Suche nach Vermissten kommen von den Pressestellen der Polizei. Sie sind auch für Presseanfragen der Medien zuständig.

Kritische Momente bei Demonstrationen

Im normalen Polizeialltag ist das Verhältnis zwischen Ordnungshütern und Medien also ganz entspannt. Problematisch kann es bei Demonstrationen werden. Die Polizei muss das Versammlungsrecht der Teilnehmenden schützen. Und die Medienschaffenden wollen zur Berichterstattung ganz nah ran. Hier kam es zuletzt zu Missverständnissen. Der später als „Hutbürger“ bekannt gewordene Demo-Teilnehmer aus Dresden forderte ein ZDF-Team auf, nicht mehr zu filmen und wandte sich an die Polizei. Die Beamten setzten nicht etwa das Berichterstattungsrecht der Medien durch, sondern behinderten das Team bei der Arbeit, indem sie unter anderem übertrieben lang deren Presseausweise prüften. Der Fall machte deutschlandweit Negativschlagzeilen für die Polizei.

Stilisierter Polizist mit Telefonhörer am Schreibtisch. Dazu der Schriftzug: Hier spricht die Polizei 2 min
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Über die eigene Arbeit zu informieren, ist eine der Aufgaben der Polizei. Dazu gehören Pressemitteilungen, Pressestatements und manchmal Pressekonferenzen. Die sozialen Medien haben die klassische Pressearbeit verändert.

Do 09.04.2020 11:13Uhr 01:30 min

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Stilisierter Polizisten und Journalisten. Dazu der Schriftzug: Rechte und Pflichten. 1 min
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Einseitige Berichte über Polizei

Doch auch die Medien selbst verstoßen gegen Spielregeln. Oft fühlt sich die Polizei in Medienberichten zu schlecht oder zu einseitig dargestellt. Auf die Spitze getrieben hat das jetzt der private Fernsehsender Sat.1. Er schickte im Februar als Polizistinnen kostümierte Reporterinnen durch Leipzig - und hat jetzt selber Ärger mit der Polizei.

Was sich durch die sozialen Medien verändert

Die sozialen Medien verändern das Verhältnis zwischen der Polizei und den Medien. Die Polizei wird durch ihre Posts selbst endgültig zum Medium. Beim G20 Gipfel 2017 in Hamburg waren 35 Beamte im Social-Media-Team im Einsatz, um die Social-Media-Kanäle zu füllen. Innerhalb von zwei Tagen erreichten sie via Twitter 91 Millionen Impressions.

Eine weitere Veränderung ist die Geschwindigkeit, mit der Informationen fließen. Die Polizei erreicht so schneller die Bevölkerung - und sie erreicht Menschen, die die traditionellen Informationskanäle nicht oder nicht mehr nutzen. Die Schnelligkeit kann aber auch die Fehlerquote nach oben treiben. Das gilt für die Polizei ebenso wie für Medienschaffende.

Für die Medien sind solche Kanäle wichtige Informationsquellen. Doch darf man alles, was die Polizei meldet, ungeprüft übernehmen? In der Silvesternacht 2019/20 kam es in Leipzig-Connewitz zu Ausschreitungen. Zunächst verbreitete die Polizei am Abend eine Meldung, nach der ein Beamter so schwer verletzt worden sei, dass er notoperiert werden musste. Viele Medien übernahmen das ungeprüft. Später stellte sich das Ganze als weit weniger dramatisch dar. Und noch später musste auch die Polizei ihre Meldung relativieren.

Medien können also nicht immer davon ausgehen, dass die Darstellung der Polizei hundertprozentig korrekt ist. Vor allem dann nicht, wenn es um sie selber geht, sagt Aiko Kempen vom Stadtmagazin Kreuzer Leipzig:

Wenn die Polizei über ihr eigenes Handeln berichtet, ist sie Akteur und damit zumindest teilweise subjektiv.

Was ist zu tun?

Fälle wie der „Hutbürger“ und Connewitz haben gezeigt: Die Polizei muss ihre Einsatzkräfte zum Thema Rechte und Pflichten der Medien besser schulen. Das gilt besonders für Belastungssituationen wie Demonstrationen oder Großeinsätze beispielsweise bei Fußballspielen. Bislang wird das bei der Ausbildung unterschiedlich gehandhabt. Weit vorn ist hier Sachsen, wo die Polizei mit dem Deutschen Journalisten-Verband zusammen arbeitet. Gemäß dem Motto „Lasst uns reden“ halten Medienschaffende für Polizeibeamte Aus- und Fortbildungsseminare. Dabei geht es auch um Verständnis für die Arbeit der Journalistinnen und Journalisten. Damit ist natürlich nicht die „Arbeit“ der Fake-Polizistinnen von Sat.1 gemeint.

Die Medien selbst müssen aber auch etwas tun. Sie müssen ihrer Sorgfaltspflicht nachkommen und eingehende Meldungen der Polizei überprüfen, egal ob als klassische Pressemitteilung oder als Tweet. Erst dann wird für die Nutzerinnen und Nutzer klar, wem man im konkreten Fall glauben kann.