Nach Stopp Wie geht es weiter mit der elektronischen Patientenakte?

Befunde, Arztbriefe, Laborberichte, Patientenverfügung: Für all das sollte die elektronische Patientenakte eigentlich schon seit 2021 der sichere und digitale Ort sein. Doch die Nachfrage ist gering.

Antrag auf Elektronische Gesundheitsakte
Die elektronische Patientenakte wird bislang kaum genutzt. Bildrechte: mago images / Jochen Tack

  • Die Nachfrage nach der elektronischen Patientenakte ist bundesweit gering.
  • Unter Hausärztinnen und Hausärzten wird die elektronische Patientenakte kritisch betrachtet. Ein Leipziger Hausarzt etwa kritisiert Struktur und Funktionsweise.
  • Das Video-Identifizierungs-Verfahren der App wurde im August gestoppt. Grund dafür ist eine Sicherheitslücke.

Doktor Thomas Lipp und das Team der Gemeinschaftspraxis im Leipziger Süden sind schon länger digital unterwegs. "Wir sind ab sofort e-rezept-fähig" steht auf der Startseite. Es gibt Online-Terminvergabe, Video-Sprechstunden und auch mit der elektronischen Patientenakte (EPA) könnte gearbeitet werden, sagt der Allgemeinmediziner. Wie viele seiner Patienten haben eine solche Akte? "Verschwindend wenige. Lassen Sie es im letzten halben Jahr vielleicht fünf, sechs Leute gewesen sein", sagt Lipp.

Die Nachfrage der Versicherten nach der EPA bei den gesetzlichen Krankenkassen – nur dort wird sie bislang angeboten – ist bundesweit und auch in Mitteldeutschland gering: In Sachsen-Anhalt zum Beispiel haben von über 800.000 AOK-Versicherten nur reichlich 700 eine persönliche elektronische Patientenakte beantragt. Am stärksten genutzt wird die EPA der Techniker-Krankenkasse.

Hausarzt: Keine Struktur

Die Politik habe die Digitalisierung verschlafen, ärgert sich der Leipziger Hausarzt Lipp. Bei der Patientenakte, der elektronischen Krankschreibung und dem e-Rezept: "Also das ist an Peinlichkeit nicht zu überbieten." Funktionsweise und Betrieb der EPA seien unausgegoren. "Das ist eine Art Müllhaufen von PDF-Dateien", sagt Lipp, es fehle jede Struktur.

Zurzeit fehlt es außerdem an Sicherheit für die sensiblen Gesundheitsdaten. Der "Chaos Computer Club" hat eine Schwachstelle beim Video-Identifizierungs-Verfahren aufgedeckt. Das wird auch beim Zugang zur EPA-App auf dem Smartphone genutzt.

Die für die Telematik-Infrastruktur im Gesundheitswesen zuständige gematik GmbH hat deshalb im August das Video-Ident-Verfahren gestoppt. Holm Diening, Leiter Datenschutz und Informationssicherheit in dem Unternehmen, erklärt, warum: "Im schlimmsten Fall kann ein Dritter sich für mich selbst ausgeben und für mich beispielsweise eine Patientenakte anlegen oder auch andere Dinge in meinem Namen tun. Und aus diesem Grunde haben wir die Krankenkassen angewiesen, dieses Verfahren einzustellen und stattdessen auf die noch verbleibenden sicheren Verfahren auszuweichen."

Suche nach sicherem Zugang für App

Sicher, aber nicht sonderlich attraktiv für Versicherte ist es, die EPA in einer Geschäftsstelle zu beantragen. Das kostet Zeit und zusätzliches Personal. Die Akte wäre zu Hause auch nicht einsehbar. Die Identifizierung über das ebenfalls mögliche Online-Personalausweis-Verfahren nutzen nur wenige.

Gematik-Manager Diening fordert die Anbieter auf, ein neues Verfahren für den App-Zugang zu kreieren. Das könnte aber dauern: "Ich weiß, dass es Ideen gibt. Aber wie schnell die umgesetzt werden, ist sicher eine Frage von Monaten und nicht von Wochen", so Diening.

Bundesärztekammer wünscht Verbesserungen

Verbesserungen an der elektronischen Patientenakte wünschen sich auch viele Ärztinnen und Ärzte. Sie müsse nutzerfreundlicher und leichter handhabbar werden, fordert Peter Bobbert. Er ist im Vorstand der Bundesärztekammer für die Digitalisierung zuständig und grundsätzlich aufgeschlossen: "Ich empfinde die elektronische Patientenakte schon als Schlüssel zur digitalen Medizin. Wir wollen mehr digitale Medizin in unserem Arbeitsalltag. Allerdings wollen wir auch eine digitale Medizin, die nicht nur verändert, sondern unsere Arbeit, unsere Medizin verbessert."

Die Akzeptanz digitaler Anwendungen sei in den Praxen und auch im stationären Bereich sehr, sehr hoch, versichert Bobbert, der auch Präsident der Berliner Ärztekammer ist: "Ja, wir wollen das Ding haben". Das sagt auch Dr. Lipp aus Leipzig. Aber nicht so, wie es derzeit laufe.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Das Nachrichtenradio | 07. September 2022 | 06:16 Uhr

4 Kommentare

O.B. vor 11 Wochen

Ich fragte kürzlich in meiner Hazsarztpraxis nach wann bzw ob das läuft. Grosses Gelächter. Vielleicht beim Nachfolger bekam ich als Antwort. Ob nun die damaligen 10€ Zuzahlung, diese "Reform " , das 9€ Ticket, Sanktionen, usw. Diese schlauen " Experten" denken es einfach nicht bis zu Ende. Wie man hier liest hat es das "verbessern" sogar noch schlimmer gemacht.

hilflos vor 11 Wochen

Bin bei debeka privat versichert, da gibt es nicht mal eine chipkarte. Das bedeutet, dass man bei jedem neuen Arzt erst mal das Umfeld mit persönlichen Daten unterhalten, oder den Anmeldebetrieb aufhalten muß. Die App ist furchtbar und wenig tauglich

dielasma vor 11 Wochen

Daß Digitalisierung eine Strecke ist, auf der sich behördliche Individuen mit jedwedem Formalismaus bis zum Erbrechen austoben können, ist bekanntermaßen nichts Neues.
Ich hab vilelleicht einen zusätzlichen Aspekt:
Meine Onkologin verlangt seit einiger Zeit für jeden Ausdruck Geld. Digital ist da garnicht in Aussicht. Email kann sie aus "Datenschutzgründen" nicht. Bisher habe ich alles gescannt, per Mail an der Hausarzt u.a. geschickt. Jetzt gibt es eben keine Daten mehr.
Diese Zäsur fand anläßlich einer Umstellung der Regelungen statt, die eigentlich die elektronische Kommunikation fördern sollte.
Warum läßt man nicht den Patienten die Entscheidung, wie sie es handhaben wollen?

Krebspatient in Nachsorge

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