Zukunftstag an Schulen "Mit innerer Ruhe durchs Leben gehen": Junge Menschen lernen über Miete und Finanzen
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14. Oktober 2024, 17:07 Uhr
"Ich bin fast 18, habe keine Ahnung von Steuern und Versicherungen. Aber ich kann eine Gedichtanalyse schreiben. In vier Sprachen." – mit diesem Tweet ging es 2018 los. Der Zukunftstag wurde daraufhin von der "Initiative für wirtschaftliche Jugendbildung" ins Leben gerufen. Im Fokus stehen an diesem Tag Fragen und vor allem Antworten rund um Miete, Finanzen und Versicherungen.
Wie gut wird man in der Schule eigentlich auf den Ernst des Lebens vorbereitet? Jeder dürfte sich schon mal die Frage gestellt haben, ob Goethes Faust oder die Wahrscheinlichkeitsrechnung für das alltägliche Leben unabdingbar sind.
Aber wie bekomme ich eine Wohnung in der Stadt, in der ich studieren möchte? Welche Versicherungen sind wichtig? Was ist bei der Steuererklärung zu beachten? Damit solche Themen mehr Aufmerksamkeit bekommen, hat die "Initiative für wirtschaftliche Jugendbildung" den Zukunftstag für Schulen konzipiert. An einer Schule in Tangermünde in Sachsen-Anhalt wurde der Tag für 200 Schülerinnen und Schüler angeboten. Lorenzo Wienecke ist der Gründer der Initiative.
MDR AKTUELL: Der Zukunftstag findet ja nicht nur in Tangermünde statt, sondern jede Schule kann Sie dafür buchen. Wie kann man sich so einen Zukunftstag vorstellen?
Lorenzo Wienecke: Der Zukunftstag fand allein in diesem Jahr in über 600 Schulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz statt. Den Tag an die Schule zu holen, das ist ganz einfach. Da geht man als Lehrerin, Lehrer, Schülerin oder Schülerin auf unsere Webseite. Und wir probieren dann, den Schulen möglichst viel abzunehmen. Das heißt, unser Team organisiert alles: Wir gewinnen vier lokale Experten, zum Beispiel Steuerberater, Immobilienmakler oder jemanden von einer Bank. Und dann bereiten wir mit der Schule alles vor.
Dann läuft es so, dass wir einen Jahrgang oder manchmal auch zwei Jahrgänge haben, meistens zwischen 120 und 240 Schülerinnen und Schüler. In Tangermünde waren es sogar knapp über 200, eine ziemlich große Gruppe. Und wir bringen dann die Experten in die Schule und geben zum Start eine Einführung, warum der Zukunftstag inhaltlich so wichtig ist.
Die Schülerinnen und Schüler werden danach in kleinere Gruppen aufgeteilt und am Ende des Tages haben alle Schülerinnen und alle Schüler einmal jedes Thema miterlebt und sind hoffentlich ein ganzes Stück besser vorbereitet auf das, was nach der Schule auf sie wartet.
Warum sollten Themen wie Miete, Steuern und Co. in der Schule behandelt werden?
Es gab damals dieses Twitter-Zitat, in dem eine Kölner Schülerin geschrieben hat: "Ich bin fast 18, habe keine Ahnung von Steuern und Versicherungen. Aber ich kann eine Gedichtanalyse schreiben. In vier Sprachen." Und ich kann Ihnen sagen, dass mir das damals, und auch meinen Mitschülerinnen und Mitschülern, komplett aus der Seele gesprochen hat.
Wir hatten zwar Wirtschafts-Abi oder Wirtschafts-Leistungskurs und trotzdem hatten wir praktisch keine Ahnung von diesen Themen. Und das hat uns Angst gemacht. Ich wollte zum Beispiel später in eine größere Stadt zum Studieren ziehen. Aber ich habe dann meine erste Besichtigung gemacht, mit 50 anderen Leuten. Wie das eben häufig so ist, in größeren Städten. Ich war komplett überfordert. Ich habe mich gefragt: Was muss ich eigentlich machen, um diese Wohnung zu bekommen?
Da werden mir die Erwachsenen zustimmen, dass diese Themen zwar lästig sind, aber dass man gar nicht drum rum kommt.
Und dann wurde ich angequatscht von jemandem, der mir Versicherungen verkaufen wollte, auf dem Campus. Und teilweise passiert das immer noch. Und wieder: Ich war einfach komplett überfordert. Ich glaube, so ging es vielen von meinen Mitschülerinnen und Mitschülern. Da werden mir die Erwachsenen zustimmen, dass diese Themen zwar lästig sind, aber dass man gar nicht drum rum kommt.
Und wenn man sich nicht damit auseinandersetzt, kann das durchaus Konsequenzen haben. Junge Menschen sollten aber genau das tun: sich frühzeitig damit auseinandersetzen. Damit sie eben besser aufgestellt sind, damit sie auch einfach mit einer gewissen inneren Ruhe und einem Selbstbewusstsein durchs Leben gehen können. Genau deswegen glaube ich, ist es wichtig. Und das Schöne ist, dass diese Rückmeldung nicht nur von uns kommt, sondern dass die Schülerinnen und Schüler ganz aktiv diejenigen sind, die sich diesen Tag wünschen. Häufig sind sie es, die den Tag initiieren.
Was wir dann haben, ist das Vererben von sozialer Spaltung.
Warum ist die Schule der Ort, an dem das transportiert werden muss? Weil das sind ja Dinge, die, wenn es gut läuft, auch im Elternhaus vermittelt werden. Oder machen Sie die Erfahrung, dass das nicht ausreichend passiert?
Sie haben absolut recht. Es ist auch tatsächlich so, dass die Nummer eins, das zeigen auch viele Studien für Finanzbildung in Deutschland, das Elternhaus ist. Das Problem ist, dass das Elternhaus einen sehr unterschiedlichen Background haben kann. Viele Schülerinnen und Schüler kommen aus Familien, die dieses Wissen nicht leisten können; die vielleicht viele andere Dinge können, aber das eben nicht. Klassische Arbeiterfamilien zum Beispiel. Und was wir dann haben, ist das Vererben von sozialer Spaltung.
Diese Themen sind sehr wichtig, um später gut aufgestellt zu sein. Wenn wir es jetzt nur dem Elternhaus überlassen, diese Themen zu vermitteln, dann vererbt sich quasi dieses Unwissen und die daraus resultierenden Probleme von Generation zu Generation. Und das ist ehrlicherweise auch das, was uns am allermeisten antreibt: Es darf keine Frage des Sozialbackgrounds sein, weil es kann niemand was dafür, in was für ein Umfeld er oder sie geboren wird.
Wir als Gesellschaft sollten den Anspruch haben, dass jeder und jede gut aufgestellt ist und unter dem Gesichtspunkt der Chancengerechtigkeit dieses Wissen vermittelt bekommt. Und der Ort, wo wir alle erreichen, ist nun mal die Schule. Und deswegen sagen wir, das gehört in die Schule, dieses Wissen.
Das Gespräch führte Till Ganswindt.
Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Das Nachrichtenradio | 14. Oktober 2024 | 13:21 Uhr