Demonstranten schwenken eine georgische Nationalflagge.
Seit Juni protestieren Menschen in der georgischen Hauptstadt Tbilissi gegen ihre Regierung und gegen Putins Russland. Bildrechte: dpa

Georgien - Russland Alte Wunden, neue Wut

Neue Spannungen zwischen Georgien und Russland

Das Verhältnis zwischen Georgien und Putins Russland ist angespannt wie seit dem Fünf-Tage-Krieg vom Sommer 2008 nicht mehr. Alte Wunden um terrioriale Konflikte reißen wieder auf. Auch Georgier im russischen Exil sorgen sich.

von Maxim Kireev

Demonstranten schwenken eine georgische Nationalflagge.
Seit Juni protestieren Menschen in der georgischen Hauptstadt Tbilissi gegen ihre Regierung und gegen Putins Russland. Bildrechte: dpa

Georgischem Wein droht Embargo

In einer kleinen Seitenstraße im Zentrum von Sankt Petersburg scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. An der Decke des georgischen Restaurants "Tschatscha und Puri" hängen kleine rote Fähnchen, die alten Flaggen der einst 15 Sowjetrepubliken. Mitten drin – die von Georgien. An der Wand hängen Bilder von georgischen Fußballspielern der Fußball-Auswahl der UdSSR, aber auch Schauspieler und Sänger, die vielen Russen der älteren Generation ein Begriff sind. Für "Mischa", wie sich der Wirt mit seinem russischen Namen vorstellt, war die Sowjetzeit eine goldene Ära für seine Heimat Georgien. Damals sei die Kaukasusrepublik der wohlhabendste Flecken im ganzen Sowjetreich gewesen, schwärmt der Mittfünfziger.

An diesem Tag bäckt er georgisches Brot, formt Chinkali, die saftigen georgischen Maultaschen, und schmort Fleisch nach Rezepten aus der Heimat. In sein Petersburger Lokal kommen überwiegend Russen. Sie lieben die herzhafte kaukasische Küche und den legendären georgischen Wein. Doch damit könnte von heute auf morgen Schluss sein. Russland könnte die Einfuhr verbieten. Vor wenigen Wochen stellte die russische Lebensmittelbehörde bereits bedenkliche Verunreinigungen in importiertem georgischen Wein fest. "Das ist alles Politik, damit will ich nichts zu tun haben. Und ich will es auch nicht kommentieren", sagt "Mischa". Er ist einer von etwa 200.000 Georgiern in Russland. Seinen echten Namen will er angesichts der jüngsten Spannungen lieber nicht verraten.

Russischer Besuch und georgischer Protest

Zerstörter Panzer der Georgischen Armee, 2008
Ein getroffener Panzer der georgischen Armee in der abtrünnigen Republik Südossetien. Im Sommer 2008 hatte die georgische Regierung in Tbilissi unter Präsident Saakaschwili mit Militärgewalt versucht, die Region wieder unter ihre Kontrolle zu bringen. Russland, selbst erklärte Schutzmacht Südossetiens, schickte Truppen und bezwang Georgien in fünf Tagen. Bildrechte: imago images / ITAR-TASS

Ein paar Tausend Kilometer weiter südlich dagegen kochen die Emotionen seit Wochen hoch. Zuerst hatte der Besuch einer russischen Abgeordnetendelegation im georgischen Parlament für wütende Proteste gesorgt. Die Opposition hatte schon lange kritisiert, dass die Regierung in Tbilissi zu freundlich gegenüber Moskau sei. Der Konflikt zwischen Georgien und Russland reicht mindestens ins Jahr 2008 zurück. Damals hatte Moskau die abtrünnige georgische Region Südossetien unterstützt und war im Sommer in einem Fünf-Tage-Krieg mit eigenen Truppen zeitweise bis ins georgische Kernland vorgestoßen. Bis heute stehen russische Truppen in Südossetien. Dennoch hatten sich die Beziehungen in den vergangenen Jahren leicht entspannt. Georgien lässt inzwischen wieder russische Urlauber ins Land - Tourismus ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Kaukasusrepublik. Und es kommen wieder mehr Russen, zuletzt etwa 1,5 Millionen im Jahr. Russland seinerseits hatte das Embargo gegen georgischen Wein aufgehoben, eine weitere wichtige Einnahmequlle für Georgien. Der Handel mit Georgien stieg 2018 insgesamt um 25 Prozent auf 1,2 Milliarden Euro. Doch wie wenig die Wunden des Krieges vor elf Jahren verheilt sind, zeigt der jüngste Konflikt.

Schimpftirade gegen Putin

Scheinbar über Nacht sind diese Narben aufgerissen, auch weil Russland seit Jahren nichts unternimmt, um den territorialen Konflikt um Südossetien zu lösen. "Fuck Russia" stand auf dem Plakat einer Demonstrantin vor dem Parlament in Tbilissi. Es wird seit Tagen tausendfach in russischen sozialen Netzwerken geteilt. Georgische Musikstars sagen ihre Russland-Tourneen ab. Vor wenigen Tagen dann der Wutausbruch eines georgischen TV-Moderators des als oppositionell eingestuften georgischen Senders "Rustawi 2". Auf Russisch wünschte der Fernsehmann Russlands Präsident Putin den Tod, machte sich über seine verstorbenen Eltern lustig und nannte ihn einen "stinkenden Okkupanten". Seitdem brodelt auch in Russland die Wut. Schon beeilte sich die Staatsduma, Russlands Parlament, mit Vorschlägen, wie Georgien zu bestrafen sei. Schnell tauchte wieder das einst abgeschaffte Importverbot auf georgischen Wein auf. Auch Geldüberweisungen aus Russland nach Georgien könnten verboten oder gesperrt werden. Vor wenigen Tagen hatte Putin bereits per Dekret Direktflüge aus Russland nach Georgien untersagt - offiziell, weil Russlands Staatsbürger in Georgien nicht mehr sicher seien.

Wein von Putins Gnaden?

Georgischer Wein in einem Ladenregal
Seit Sowjettagen hat georgischer Wein in Russland viele Liebhaber - und für Georgien ist er ein wichtiges Exportgut. 2006 bis 2013 hatte Russland schon einmal ein Embargo verhängt. Und die georgische Wirtschaft damit empfindlich getroffen. Russland war der Westkurs Georgiens, das einst zur Sowjetunion gehörte, Richtung NATO ein Dorn im Auge. Bildrechte: imago images / ITAR-TASS

Zumindest die letztere Beschränkung ist für den 25-Jährigen Artschil Odzeli kein Problem. Der Programmierer aus Petersburg mit georgischen Wurzeln hat Flugangst. Wenn er in seine Heimat will, fährt er fast jedes Jahr 3000 Kilometer von Sankt Petersburg nach Tbilissi. "Ansonten bin ich natürlich sehr traurig, was die Situation derzeit zwischen unseren Ländern angeht", sagt Odzeli. In Russlands zweitgrößter Stadt engagiert er sich in einem Verein junger Georgier. "Wir organisieren verschiedene Feste, Kinoabende und wollen Russen und Georgier kulturell zusammenbringen. Solche Konflikte machen all das zunichte", erzählt der Petersburger mit kaukasischen Wurzeln. Der Streit sei zwar in seinem Bekanntenkreis eines der wichtigsten Gesprächsthemen im Moment. Im Alltag mache er sich zum Glück noch nicht all zu sehr bemerkbar. "Im Gegenteil, wir bekommen sogar über soziale Netzwerke viele Nachrichten von Russen, die sagen, dass sie jetzt erst recht nach Georgien fahren wollen", sagt Odzeli. Er hofft jedenfalls, dass sich der Konflikt nicht weiter zuspitzt.

Umso mehr dürfte es den 25-jährigen freuen, dass Russlands Präsident Putin die Wogen inzwischen ein wenig glättete und sich als gnädigen Staatsmann inszenierte. "Aus Respekt vor dem georgischen Volk" wolle er keine weiteren Sanktionen einführen, sagte der Präsident. Zuvor hatte ihn bereits seine georgische Amtskollegin Salome Surabischwilli dazu aufgerufen, "nicht auf Provokationen zu reagieren". Gemeint war die besagte Schimpftirade des georgischen TV-Reporters. Putins Sprecher Dmitrij Peskow bezeichnete den Vorfall als Schande für das georgische Volk und als Folge des "Unwillens der Regierung, die extremistischen Halbstarken zur Ordnung zu rufen". Der besagte Fernseh-Journalist wurde nach dem Vorfall für zwei Monate von seinem Posten als Moderator suspendiert. Härtere Sanktionen Russlands gegen Georgien scheinen vorerst abgewendet. Eine Lösung in dem Konflikt ist aber nicht in Sicht. Das russische Flugverbot nach Georgien bleibt bestehen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 30. Juni 2019 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Juli 2019, 15:51 Uhr