Gedenken Roma in Tschechien: Genozid-Gedenkstätte statt Schweinemastanlage

25. April 2024, 10:10 Uhr

Am Dienstag wurde im südböhmischen Lety eine neue Gedenkstätte für die während des Zweiten Weltkriegs ermordeten Roma und Sinti eröffnet. Das markiert auch ein Umdenken in der Aufarbeitung der NS-Zeit: Denn noch bis 2022 stand auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers eine riesige Schweinemastanlage, die Opfer des von den Nazis verübten Völkermordes an den Roma und Sinti wurden weitestgehend ignoriert.

Die Direktorin des Museums für Roma-Kultur, Jana Horváthová, steht vor dem neu gebauten Besucherzentrum der Gedenkstätte für den Holocaust an den Roma und Sinti in Böhmen in der Nähe von Lety. Ein paar Meter weiter entfernt sieht man den Rest einer Halle, in der noch bis 2022 Schweine gemästet wurden. Die Halle zu erhalten war eine bewusste Entscheidung, erklärt Horváthová. "Sie ist Teil der Freiluftausstellung, des sogenannten Erinnerungspfads, der die Nachkriegsgeschichte dieses Ortes veranschaulicht, einschließlich der Tatsache, dass eine große Schweinemastanlage auf dem Gelände eines ehemaligen Konzentrationslagers, einem Ort des menschlichen Leidens, errichtet werden konnte. Der Rest der Schweinemast soll also als eine Art Memento dienen."

In der Nachkriegszeit strebte das kommunistische Regime die Assimilierung der Roma-Bevölkerung an. Das Gedenken an den von den Nazis orchestrierten Völkermord an den Roma war daher nicht erwünscht. Selbst nach 1989 hat sich die Situation der Roma in Tschechien nicht wesentlich verbessert, betont Horváthová. "Wir haben zwar die Freiheit erlangt, aber die Einstellung der Öffentlichkeit gegenüber den Roma war sehr negativ, was bis heute anhält, auch wenn es sich etwas verbessert. Und das ist kein guter Boden für die Erinnerung an den Holocaust. Deshalb wurde der Holocaust an den Roma in Tschechien lange verunglimpft. Viele Spitzenpolitiker haben sich sehr verzerrt zum Thema Genozid an den Roma während des Zweiten Weltkriegs geäußert."

Viele Spitzenpolitiker haben sich sehr verzerrt zum Thema Genozid an den Roma während des Zweiten Weltkriegs geäußert.

Jana Horváthová, Direktorin des Museums für Roma-Kultur im tschechischen Lety

Bagatellisierung durch Spitzenpolitiker

Solche Aussagen kommen nicht nur von rechts außen, sondern oft auch aus dem politischen Mainstream. So behauptete der ehemalige tschechische Präsident und Mitbegründer der bürgerdemokratischen Partei Václav Klaus im Jahre 2005, Lety sei "nicht wirklich ein Konzentrationslager" gewesen. 2016 sagte der ehemalige Vize-Premier und Vorsitzende der populistischen Partei ANO Andrej Babiš faktenwidrig über das Konzentrationslager in Lety: "Was diese Dummköpfe in den Zeitungen schreiben, dass das Lager in Lety ein Konzentrationslager war, ist eine Lüge. Es war ein Arbeitslager. Wenn man nicht arbeitete, landete man dort."

Eine Frau steht in einem Ausstellungsraum.
Die Direktorin des Museums für Roma-Kultur Jana Horváthová in der Ausstellung der Gedenkstätte in Lety. Bildrechte: Filip Rambousek

Ironischerweise war es letztendlich die Regierung Babiš, die ein Jahr später den Kauf und den Abriss der in den 1970er Jahren errichteten Schweinemastanlage sowie den Bau der Gedenkstätte genehmigte. In einer Reaktion auf diese Entscheidung sagte Miloslav Rozner, damals Abgeordneter für die Rechtsaußenpartei Freiheit und direkte Demokratie, er würde "sicherlich niemals eine halbe Milliarde Kronen (ca. 20 Mio. Euro) aus dem Fenster werfen, um ein funktionierendes Unternehmen wegen eines nicht-existierenden Pseudo-Konzentrationslagers zu liquidieren".

Was diese Dummköpfe in den Zeitungen schreiben, dass das Lager in Lety ein Konzentrationslager war, ist eine Lüge. Es war ein Arbeitslager. Wenn man nicht arbeitete, landete man dort.

Andrej Babiš, ehemalige Vize-Premier und Vorsitzende der populistischen Partei ANO

Wenig Bewusstsein für die historischen Fakten

Derartige Äußerungen zeugen sowohl von der verächtlichen Einstellung vieler Politiker gegenüber den Roma als auch von dem allgemein geringen Bewusstsein der tschechischen Gesellschaft über den Völkermord an den Roma und Sinti, erläutert Renata Berkyová, Roma-Historikerin vom Institut für Zeitgeschichte der tschechischen Akademie der Wissenschaften. "Das geringe Bewusstsein ist direkt auf die Tatsache zurückzuführen, dass der Holocaust an den Roma und Sinti in den Geschichtsbüchern gar nicht erwähnt wird. Es gibt höchstens einen Satz oder eine Fußnote darüber. Eine wirkliche Darstellung dessen, was mit den Roma auf dem Gebiet des Protektorats Böhmen und Mähren geschah, ist in den Schulbüchern nicht zu finden – obwohl die Roma schon immer Teil der tschechischen Gesellschaft waren und sind."

Anischt eines ehemaligen Lagerareals
Der Erinnerungspfad auf dem Gelände des ehemaligen KZs in Lety soll den Besuchern das Schicksal der Sinti und Roma während der Nazi-Herrschaft in Tschechien vor Augen führen. Bildrechte: Filip Rambousek

Viele Menschen in Tschechien haben daher keine Ahnung, dass es hierzulande in den Jahren 1942-43 sogar zwei Konzentrationslager für die Roma und Sinti gab. Hodonín bei Kunštát in Mähren und in Böhmen Lety bei Písek. Die Leitung beider Lager hatte die tschechische Gendarmerie inne, die Bedingungen waren schrecklich. "In den beiden Lagern wurden ganze Roma-Familien interniert. Die Kapazität der Lager lag bei mehreren hundert Personen, aber in Wirklichkeit wurden an beiden Orten jeweils mehr als 1.300 Roma interniert, darunter kleine Kinder und Neugeborene sowie ältere Menschen," schildert Berkyová und fügt einige Zahlen über das Konzentrationslager in Lety hinzu. "Aus diesem Lager wurden etwa 500 Menschen nach Auschwitz transportiert, weitere 330 starben direkt in Lety bei Písek. Die meisten Opfer waren kleine Kinder." Die Gesamtbilanz des Genozids der Nazis an den Sinti und Roma: Von den 6.500 tschechischen Roma und Sinti, die auf dem Gebiet des Protektorats Böhmen und Mähren lebten, kamen nach dem Krieg nur etwa 600 aus den Konzentrationslagern zurück. Das heißt, dass 90 Prozent der Roma und Sinti mit tschechischen Wurzeln den Krieg nicht überlebten.

Aus diesem Lager wurden etwa 500 Menschen nach Auschwitz transportiert, weitere 330 starben direkt in Lety bei Písek. Die meisten Opfer waren kleine Kinder.

Renata Berkyová, Roma-Historikerin vom Institut für Zeitgeschichte der tschechischen Akademie der Wissenschaften

"Den Roma eine Stimme verleihen"

Die neue Gedenkstätte in Lety soll auch als Bildungszentrum dienen, das einen Raum für Diskussionen über die Roma-Geschichte und das gegenwärtige Zusammenleben der Roma mit dem Rest der Gesellschaft bietet. Sie könnte dazu beitragen, dass "die Geschichte der Roma und Sinti in die tschechischen Schulbücher aufgenommen wird und dass die stereotypische Wahrnehmung der Roma allmählich überwunden wird", hofft Jana Horváthová.

Eine Informationstafel in einem ehemaligen Lager
Auf dem Erinnerungspfad ist auch ein Teil der Schweinemastanlage (im Hintergrund) erhalten geblieben, die hier in den 1970er Jahren errichtet wurde. Bildrechte: Filip Rambousek

Im Besucherzentrum ist eine Dauerausstellung zu sehen, die die Geschichte des Lagers aus Sicht der Häftlinge erzählt. Das ist nicht ganz selbstverständlich, denn die meisten schriftlichen Zeugnisse über das Lager bestehen aus Dokumenten, die von Aufsehern, Beamten und weiteren Vertretern des Repressionsapparats erstellt wurden. Doch in diesem Fall war es sehr wichtig, betont Historikerin Berkyová, "den Roma selbst eine Stimme zu verleihen".

Die Eröffnung der Gedenkstätte Lety fand am Dienstag, den 23. April unter Beteiligung von Spitzenpolitikern statt. Für die Öffentlichkeit ist sie allerdings erst ab dem 12. Mai zugänglich.

Unser Autor

Filip Rambousek
Der tschechische Journalist Filip Rambousek Bildrechte: Václav Bacovský/MDR

Filip Rambousek lebt und arbeitet in Prag. Seine journalistische Laufbahn begann er 2017 als Wissenschaftsredakteur beim Tschechischen Rundfunk, wo er drei intensive Jahre verbrachte. Nach seinem Weggang vom Radio richtete er seine Aufmerksamkeit auf Podcasts. Filip Rambousek ist u.a. Mitautor des Deutsch-tschechischen Klima-Podcasts Karbon, der mit dem Deutsch-tschechischen Journalistenpreis 2022 ausgezeichnet wurde, sowie des Podcasts Sechsmal Tschechien, der dem deutschsprachigen Publikum Einblicke in sechs aktuelle Debatten in der Tschechischen Republik bietet.

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