Nachwuchssorgen im Handwerk Magdeburger Traditionsbäckerei schließt nach 112 Jahren – Kunden stehen Schlange

Johanna Daher
Bildrechte: MDR/Marieke Polnik

Für die Magdeburger Bäckerei Braune geht eine Tradition zu Ende: Nach 112 Jahren muss sie schließen. Der Grund, der viele Handwerksbetriebe im Land beschäftigt: Es gibt keinen Nachwuchs. Viele Menschen aus Stadtfeld waren heute noch einmal dort, bevor die Bäckerei schließt. Ein letzter Besuch.

Schließung der Bäckerei Braune: Von links: Petra Lobenstein, Katrin Gruß und Birgit Braune (Besitzerin der Bäckerei seit 15 Jahren).
Schließung der Bäckerei Braune: Von links: Petra Lobenstein, Katrin Gruß und Birgit Braune (Besitzerin der Bäckerei seit 15 Jahren) Bildrechte: MDR/Johanna Daher

Samstag, 29. Januar 2022, 7 bis 11 Uhr – das sind die letzten Stunden der Traditionsbäckerei Braune in Magdeburg-Stadtfeld. Danach geht eine 112-jährige Ära zu Ende. "Zeit für einen letzten Besuch", lautet deshalb der Plan, den nicht nur ich, sondern auch viele andere Menschen verfolgen, für die an diesem Tag ausschlafen keine Option ist.

Es ist 8 Uhr, als ich an der Immermannstraße ankomme. Was hier heute Thema ist, wird direkt klar: die Schließung der Bäckerei Braune. Die Schlange vor dem Laden fällt auf – etwa 30 Menschen stehen bereits vor mir an. "Am letzten Tag sind nochmal mehr Leute gekommen, als den Tag zuvor", denke ich und erinnere mich an den Tweet meines MDR-Kollegen Mario Köhne von Freitag:

Er lebt schon länger in Stadtfeld – direkt um die Ecke. "Ich verbinde mit der Bäckerei vor allem Individualität. Die Brötchen waren einzigartig. Außerdem hatte es etwas Heimeliges. Frau Braune und ihr Team waren immer freundlich", erzählt Köhne und ergänzt: "Wo kann man heute bei einem Bäcker noch bis in die Backstube gucken? Ich habe gern dort in der Schlange gestanden und muss mich nun nach Alternativen umsehen, weil so ein weiterer Anker im Kiez verschwindet."

Sehr emotionale Kundinnen und Kunden

Gerne in der Schlange stehen – das gilt auch für die vielen Kundinnen und Kunden, die heute die Bäckerei und ihr Team zum letzten Mal besuchen wollen. Niemand beschwert sich, dass er so lange warten muss. Eine Frau vor mir kommentiert: "Hier standen schon immer viele Menschen an, aber noch nie so viele." Ein Mann fotografiert seine Tochter vor dem Laden – Erinnerungen werden festgehalten und auch von ihnen erzählt: "Schon in der Schulzeit habe ich mir hier immer Einback geholt", meint eine weitere wartende Kundin.

Das Wetter passt perfekt zum heutigen Tag: Es regnet. Tatsächlich zeigt die Wetter-App meines Smartphones an, dass es erst nach 11 Uhr aufhören soll – also genau passend nach der Schließung. Wie lange wir hier gemeinsam stehen und warten wird deutlich, als eine Mutter hinter mir ihrem Kind anfängt aus einem Buch vorzulesen. Die nächste Kundin verlässt den Laden, in ihren Händen mehrere Tüten. Sie streicht sich eine Träne von der Wange.

Schließung der Bäckerei Braune: Viele Kunden warten im Regen vor dem Laden.
Trotz Regen: Viele Menschen aus Stadtfeld sind gekommen, um die Bäckerei Braune ein letztes Mal zu besuchen. Bildrechte: MDR/Johanna Daher

Wegen Schließung: Noch ein Weißbrot extra

In den Laden dürfen wegen der Corona-Pandemie immer nur zwei Menschen gleichzeitig. "Ich habe euch noch etwas da gelassen", meint die nächste Frau beim Verlassen des Geschäfts lächelnd. Tatsächlich ist eine emotional zwiegespaltene Stimmung zu spüren. Während die Kundinnen und Kunden draußen entweder schweigen oder von Erinnerungen mit der Bäckerei erzählen, sieht es im Laden anders aus. Die drei Frauen hinter der Theke, die ich mittlerweile durch die Scheibe sehen kann, albern herum. Eine von ihnen macht mit ihrer mehligen Hand Abdrücke auf dem schwarzen Shirt ihrer Kollegin.

Schließlich dürfen der Mann vor mir und ich den Laden betreten. Einige Bleche in der Auslage sind schon leer – dass heute aber alle Wartenden noch etwas bekommen, dafür ist vorgesorgt. "Darf ich fragen, wie es Ihnen geht?", sage ich, während meine Bestellung eingepackt wird.

Bei uns geht es, aber die Kunden sind so traurig. Das nimmt uns so mit.

Birgit Braune, Besitzerin der Bäckerei Braune in Stadtfeld

Durch unser Gespräch erfährt der Kunde neben mir erst von der Schließung der Bäckerei. "Was?", sagt er entsetzt. "Dann nehme ich noch ein Weißbrot mehr mit."

Wieso muss eine erfolgreiche Bäckerei schließen?

Er fügt eine Frage an: "Gibt es keinen Nachfolger?" Besitzerin Birgit Braune schüttelt den Kopf. 15 Jahre lang hatte sie jetzt den Laden, den es bereits seit 112 Jahren gibt. Wie sie vor kurzem erst der Volksstimme erzählte, läuft das Geschäft gut. Es gebe aber keinen Nachwuchs, der das Geschäft übernehmen könne. Auf dem Schild am Schaufenster steht erklärt: "Ab dem 01.02.2022 aus betrieblichen Gründen geschlossen."

Erst 2020 musste ein kleiner Tante-Emma-Laden im Stadtfeld nach 45 Jahren die Türen für immer schließen. Auch damals war der Grund die fehlende Nachfolge.

Schließung der Bäckerei Braune
Der Zettel an der Bäckerei erklärt, dass es ab Februar aus betrieblichen Gründen nicht weitergeht. Bildrechte: MDR/Johanna Daher

Dieser Problematik ist sich auch Burghard Grupe, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Magdeburg, bewusst. Er kommentiert die Situation: "Es kommt leider immer häufiger vor. Es fehlen Nachfolger, wir haben immer weniger Meister und damit auch potenzielle Übernehmer oder Übernehmerinnen. Und viele arbeiten inzwischen auch lieber als abhängig Beschäftigte." Zur Schließung der Bäckerei Braune fügt er hinzu:

Was ist denn bitte nachhaltiger als ein solcher Betrieb, der von Generation zu Generation übergeben worden ist und der individuelle Erzeugnisse bietet? Ohne solche Unternehmen veröden unsere Städte und Dörfer und verlieren an Attraktivität für unsere Bürger.

Burghard Grupe, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Magdeburg

Er fordert deshalb, dass bereits im Kindergarten und in der Schule die Handwerksberufe attraktiv vorgestellt werden. Die Politik müsse dafür auch attraktive Rahmenbedingungen für die Selbstständigkeit schaffen:

"Macht's gut und vielen Dank"

Für mich ist schließlich der Moment des Abschieds in der Bäckerei gekommen. "Macht's gut und vielen Dank", sage ich. Birgit Braune, Katrin Gruß und Petra Lobenstein hinter der Theke nicken und winken. So, wie sie es heute vermutlich noch häufiger machen müssen. Die Schlange draußen ist nämlich immer noch lang.

Es ist 8:46 Uhr, als ich den Laden verlasse. Ich habe jetzt das typische Frühstück für mich und meinen Partner: zwei Croissants und zwei Kürbiskern-Brötchen. Aber Magdeburg hat in nicht mal mehr drei Stunden eine Tradition weniger: die Bäckerei Braune in Stadtfeld.

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https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/halle/saalekreis/audio-1857820.html

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MDR (Johanna Daher, Kevin Poweska)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 29. Januar 2022 | 07:30 Uhr

36 Kommentare

Mini Matz vor 15 Wochen

Norbert, ist die Mehrheit in der Kaserne gemeint oder wo?

Sich beschweren über die Leute, die keinen Hammer in die Hand nehmen und NGO's zu erwähnen (die sich z.B. gegen Lobbyarbeit und Korruption wenden), aber die Vorstände der großen Konzerne zu übersehen, zeigt mir deutlich, wofür und wogegen SIE stehen.

Jesse Jones vor 15 Wochen

Ja. Aber fragen Sie auch mal die Bäckerin und den Bäckereiverkäufer, was am Monatsende auf Ihrem Konto landet; Handwerk, ja. Ausbildung, ja. Vielleicht ein paar Jahre im Beruf arbeiten, ja. Wer das aber auf Dauer macht, der muss dann auch Abstriche - deutliche - beim Einkommen machen. Große Teile des Handwerks sind da, wo früher McDonalds war: Das kann man übergangsweise machen. Als Langzeitplan ist es 2022 keine gute Idee.

O.B. vor 15 Wochen

Geiz ist geil Gesellschaft!?

Einige können offenbar nicht glauben das man sich das nicht ausgesucht hat mit dem billig kaufen!? Mein Kumpel ist bspw bei der Polizei. Er arbeitet nicht halb so viel wie ich es tat aber er hatte vom ersten Monat an mehr Geld in der Tasche. Eine Freundin ist im Büro auch sie kann zum Bäcker oder Fleischer. Im Kik einkaufen 🤔 kommt nicht in Frage. Ok sie haben mehr in der Rübe oder sie können es in derartigen berufen aushalten aber ich meine gerade Corona hat uns aufgezeigt wer und was systemrelevant ist. Seltsam das die Leute am wenigsten bekommen die den Laden am laufen halten. Wer aber nun noch rumposaunt man kauft billig und das weil man geizig ist der lebt offenbar fern jeder Realität. Man soll also nicht jammern über Schmerzen oder wenig Gehalt. Das man jeden Tag verschmutzt nach Hause kommt und durchgefroren ist. Den halben Tag im Regen gearbeitet hat!? Ich frag mich was man arbeitet wenn man sowas postet!?

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