Fachkräftemangel im Handwerk Wie Sachsen-Anhalts Handwerksbetriebe um ausländische Fachkräfte werben wollen

Burghard Grupe ist Geschäftsführer der Handwerkskammer Magdeburg. Im Interview mit MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er von den Erfahrungen mit einem deutsch-vietnamesischen Azubi-Projekt und erklärt, wie Handwerksbetriebe aus Sachsen-Anhalt im Ausland um Fachkräfte werben wollen.

Burghard Grupe
Burghard Grupe ist Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Magdeburg. Bildrechte: MDR/SACHSEN-ANHALT HEUTE

MDR SACHSEN-ANHALT: Herr Grupe, warum hat sich die Handwerkskammer Magdeburg am WiSo-Partner-Projekt Harz – Hoi An beteiligt, bei dem junge Menschen aus Vietnam nach Deutschland geholt wurden, um im Harz eine Ausbildung zu absolvieren?

Burghard Grupe: Wir haben ein Riesenproblem: Wir haben keine Fachkräfte mehr. Das betrifft das Handwerk, aber auch fast alle anderen Wirtschaftsbereiche. Allein im Handwerk haben wir 130 Ausbildungsberufe, und in allen werden Leute gesucht. Das wird in der Zukunft der Risikofaktor Nummer 1 für die Konjunktur. Also müssen wir was tun. Denn wir werden das Problem mit dem Fachkräftepotenzial vor Ort nicht mehr decken können, das steht fest. Das wird noch ganz dramatisch, und irgendwann werden wie bei den Lehrern alle ganz überrascht gucken, dass gar niemand mehr da ist. Also müssen wir über gezielte Zuwanderung nachdenken, und da hilft uns unter anderem das WiSo-Projekt.

Zur Person Burghard Grupe ist Diplom-Verwaltungswirt und arbeitet seit 1996 in der Handwerkskammer Magdeburg. Seit 2012 ist er ihr Hauptgeschäftsführer.

Von den 20 Vietnamesinnen und Vietnamesen, die aktuell im Rahmen des WiSo-Projektes bereits eine Ausbildung im Harz begonnen haben, lernt allerdings niemand einen handwerklichen Beruf. Hätten Sie sich mehr versprochen?

Klar würde ich mir wünschen, dass wir noch mehr Menschen ins Handwerk kriegen. Aber ich bin deswegen keinesfalls enttäuscht. Der Schwerpunkt des WiSo-Projektes liegt vor allem im Hotel- und Gastronomiebereich. Wir haben uns beteiligt, um daraus zu lernen. In Zukunft wollen wir auf diesem Projekt aufsatteln und versuchen, etwas Ähnliches im Handwerk noch zu verstärken, und zwar nicht nur für den Harz, sondern für unser komplettes Einzugsgebiet, also den Norden Sachsen-Anhalts.

In welchen Ländern sehen Sie das größte Fachkräftepotenzial für das Handwerk in Sachsen-Anhalt?

Vietnam ist auch für uns ein Land mit riesigem Potenzial. Dort ist die Bevölkerungsstruktur ganz anders als bei uns, es gibt sehr viele junge Menschen, die gerne hierherkommen wollen. Menschen aus anderen Ländern wollen oft lieber in die Ballungsräume ziehen, nach Berlin oder München etwa. Aber wenn Sie mit Vietnamesen reden, dann wollen die gerne in die Region der ehemaligen DDR, weil hier häufig schon mal jemand aus ihrer Familie war. Das ist für uns eine Chance, die wir nutzen sollten. Dazu kommt: Der Klebeeffekt ist bei Menschen aus asiatischen Ländern erfahrungsgemäß größer. Das heißt, die Fachkräfte bleiben nach der Ausbildung häufiger hier und gehen nicht zurück in ihre Heimatländer. Wir schauen aber nicht nur nach Asien. Auch der Osten Europas, zum Beispiel die Ukraine, ist für uns ein interessanter Markt. Und Kuba könnte für uns ebenfalls interessant sein, weil das ein Land ist, das traditionell mit unserer Region verbunden ist.

Sind die Handwerksbetriebe in Sachsen-Anhalt überhaupt bereit für Fachkräfte aus dem Ausland?

Wir haben ja in der Vergangenheit schon Erfahrungen gesammelt mit Auszubildenden aus dem Ausland. Teilweise hat das hervorragend geklappt, manche haben sogar ihren Meister bei uns gemacht. Es gab allerdings auch Fälle, in denen es nicht funktioniert hat. In den vergangenen Jahren ist die Bereitschaft unter Handwerksunternehmern, ausländische Fachkräfte einzustellen, jedenfalls deutlich größer geworden – einfach weil man Menschen braucht, die hier arbeiten. Aber natürlich müssen wir verstärkt an unsere Betriebe herantreten und ihnen sagen, was auf sie zukommt. Es ist nun mal mehr Aufwand, einen Azubi aus dem Ausland zu beschäftigen, als bei einem Lehrling, den ich aus Deutschland einstelle.

Was konnten Sie aus dem WiSo-Projekt lernen?

Wir haben vor allem gelernt, dass es geht. Wir hatten und haben zwar die Corona-Pandemie, aber wenn man ein solches internationales Projekt professionell aufzieht, kann es funktionieren. Wichtig ist, dass man vor Ort eine Vorauswahl trifft. Dann müssen die Sprachkenntnisse der potenziellen Azubis intensiviert werden, denn ohne Deutschkenntnisse braucht niemand hierher zu kommen. Auch das Kennenlernen mit den Unternehmern sollte im Vorfeld stattfinden, zum Beispiel per Videokonferenz, damit schon mal ein Vertrauensverhältnis da ist. Und wenn die jungen Menschen dann hier vor Ort sind, muss man sie natürlich sozialpädagogisch betreuen und ihnen zum Beispiel bei Behördengängen helfen.

Ausländer allein werden das Fachkräfteproblem nicht lösen können. Wie wollen Sie künftig wieder mehr junge Menschen aus Deutschland für eine Ausbildung im Handwerk gewinnen?

Wir wollen vor allem an die Gymnasien ran und den Schülerinnen und Schülern dort die Karriereperspektiven im Handwerk zeigen. Man muss den jungen Leuten klar machen, dass es im Handwerk viele Karrieremöglichkeiten gibt, in denen man super verdient und sich um seine Zukunft keine Gedanken machen muss. Und nicht jeder wird in einem Studium glücklich! Ich sage immer: Kinder sind von Natur aus alle Handwerker, bis sich die Erwachsenen einmischen.

Die Fragen stellte Lucas Riemer.

MDR/Lucas Riemer

Dieses Thema im Programm: MDR S-ANHALT | SACHSEN-ANHALT HEUTE | 21. November 2021 | 19:00 Uhr

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