Unverpacktladen in Magdeburg Mit Joghurtgläsern gegen Verpackungsmüll und Hygienesorgen

Fabian Frenzel
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Kein unnötiger Plastikmüll, wenig Verpackung und der Kunde füllt sich seine Lebensmittel selbst ab, fasst die Ware also auch selbst an. Das macht Unverpacktläden aus. Doch genau das kann in Corona-Zeiten Kunden auch abschrecken. In Magdeburg hat sich ein kleiner Laden deswegen ein Pfandsystem überlegt.

Im Laden von Sarah Werner klimpert es an jeder Ecke. Gläser schlagen aneinander, Papiertüten rascheln und eine Kundin füllt mehrere Schüsseln mit Nüssen, Reis und Obst. Und obwohl diese Kundin, die einzige im Laden ist, wirkt alles sehr wuselig. Gläserne Röhren gefüllt mit allerlei Lebensmitteln stehen im Raum oder hängen an der Wand, Tische und Regale sind voll mit Gläsern. Kurzum, es ist ein kleiner gemütlicher Tante-Emma-Laden. Oder besser: Tante-Erna-Laden. Denn Sarah Werner gehört zusammen mit ihrem Kollegen Frithjof Anten "Frau Ernas loser Lebensmittelpunkt", ein kleiner Unverpacktladen in Stadtfeld in Magdeburg.

Frage der Hygiene in Zeiten einer Pandemie

In einem Unverpacktladen ist es üblich – das sagt schon der Name – dass es keine Verpackungen gibt. Jeder kann sich hier alles selber in gewünschter Menge zusammenstellen und in eigens mitgebrachte Behälter abfüllen oder vor Ort Gläser dafür kaufen. Das liegt im Trend. Unverpäcktläden gibt es seit einigen Jahren in immer mehr Städten. Umweltbewusstsein und die Klimakrise geben den Läden Aufwind. Doch jetzt in Corona-Zeiten haben Läden wie der von Sarah Werner ein Problem: Die Skepsis mancher Kundinnen und Kunden wächst. Sollte man jetzt in einem Unverpacktladen einkaufen? In einer Zeit, in der wir alle möglichst wenig berühren und anfassen sollen? Es ist die Frage nach der Hygiene in Zeiten einer Pandemie.

Gläser können überall zurückgegeben werden

Drei Gläser gefüllt mit Lebensmitteln
In diesen Gläsern werden die Lebensmittel eingepackt und stehen griffbereit im Regal. Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Sarah Werner kennt diese Argumente. "Für viele Menschen erscheint es logisch, dass Unverpacktes unhygienisch sein muss. Wenn etwas in Plaste eingeschweißt ist, glauben viele es sei hygienischer". Stimmt nicht, sagt Sarah Werner. Und trotzdem hat sie in ihrem Laden in Magdeburg etwas eingeführt, um skeptische Kunden zu beruhigen: ein Pfandsystem. "Wir haben für viele Lebensmittel ein Standardgefäß genommen und packen dort Produkte ab, die der Kunde direkt so aus dem Regal nehmen kann." Bei dem Standardgefäß handelt es sich um klassische Joghurtbehälter aus Glas. Der Vorteil: Diese können an allen Pfandstellen zurückgegeben werden. Denn auch Supermärkte verkaufen Joghurt in diesen Behältern. "Das Glas muss also nicht bei uns zurückgebracht werden", sagt Werner. Und 15 Cent Pfand fallen dabei auch kaum ins Gewicht.

Ganz neu ist die Idee nicht. Im Gegenteil, in anderen Läden und bei Lieferanten gibt es schon länger das System mit den Gläsern. "Aber durch Corona ist das Thema bei uns immer mehr aufgekommen. Und dann haben wir gesagt: 'Jetzt ist es soweit'", sagt Sarah Werner.

Pfandgläser hin oder her. Generell haben laut Werner Unverpacktläden, die sich in einem Verband organisiert haben, so hohe Hygieneziele, dass viele Supermärkte da gar nicht mithalten können. "Wir hatten auch schon vor Corona bestimmte Standards". Man bezeichne sich deshalb auch als Hygieneprofis. Mehrmals täglich werde im Laden gewischt und Zangen gereinigt. Die Gläser werden im Industriereiniger bei 70 Grad gewaschen. Dazu kommen jetzt in Corona-Zeiten noch Abstandsgebot und Händedesinfektion. Und trotzdem wirkt alles so gemütlich, wie es in einem Tante-"Erna"-Laden eben sein sollte.

Boxen für zu Hause

Röhren mit Lebensmitteln hängern an einer Wand.
Bald soll es im Unverpacktladen in Magdeburg auch Rezeptboxen geben. Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Bald soll es noch mehr klimpern im Laden. Oder bei den Kunden zu Hause. Denn dann soll es neben den Pfandgläsern auch Pfandboxen geben. In den Boxen: Ein Rezept mit allen Zutaten zum Selbstkochen. Auch so eine Idee, die nicht neu ist, aber auch mit weniger Verpackungsmüll zu realisieren ist. Eventuell sogar mit Lieferservice.

Liefern lässt sich zumindest die eine Kundin im Laden an diesem Tag nichts. Ihre Tasche ist voll mit Schüsseln und Behältern. Wahrscheinlich ist auch eines der Pfandgläser darunter. Sie stellt alles auf den Tresen. Sarah Werner und ihre Kollegin werden es wiegen und abrechnen. Dabei wird es – na klar – klimpern.

Fabian Frenzel
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Fabian Frenzel arbeitet seit November 2014 bei MDR SACHSEN-ANHALT für die Online-Redaktion. Dabei liegt sein Schwerpunkt vor allem im Bereich Social-Media. Er würde gerne mehr Texte über sein Hobby "Männerballett" schreiben, hat aber noch nicht die richtige Rubrik dafür gefunden. Sein Journalismus-Studium hat der gebürtige Brandenburger in Berlin und Eichstätt/Ingolstadt absolviert. Die ersten journalistischen Schritte machte er bei der Märkischen Allgemeinen Zeitung und RADIO ENERGY Berlin. Sein Lieblingsort in Sachsen-Anhalt ist Calbe (Saale), wo ein Teil seiner Verwandtschaft lebt. Hätte er dort nicht für ein paar Monate Unterschlupf gefunden, wäre er heute vermutlich nicht beim MDR. Und: Er ist gern da, wo man geocachen kann. Also im Prinzip überall draußen.

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Quelle: MDR/ff

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 27. November 2020 | 12:30 Uhr

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