Mehrere Gitarrenhälse hängen nebeneinander. 4 min
Mehr zur Sorge der Musikschulen um ihre Zukunft im Video. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Honorar-Lehrkräfte Gerichtsurteil für Musikschulen in Sachsen-Anhalt: Steigen jetzt die Unterrichtspreise?

12. Juni 2024, 19:39 Uhr

Ein Instrument zu lernen – das bedeutet meist Jahrzehnte lang private Unterrichtsstunden, die freiberufliche Honorarkräfte geben. Nach einem Urteil des Bundessozialgerichts vom Juni 2022 müssen die Lehrkräfte nun aber fest angestellt werden. Das stellt die Kommunen als Träger der öffentlichen Musikschulen vor große finanzielle Herausforderungen. Private Musikschulen kann dieses Urteil sogar die Existenz kosten.

Aller Anfang ist schwer, auch die erste Saxophonstunde bei Oda Michael. An der privaten Musikschule "Robert Franz" in Halle unterrichtet die Musiklehrerin vier Mal in der Woche auf Honorar-Basis. Und das schon seit 20 Jahren. Mit dem Modell der Selbständigkeit ist sie gut gefahren, bis zu einem Urteil des Bundessozialgerichts im Jahr 2022, nach dem die Musikschule sie fest anstellen muss. Was positiv und nach sozialer Sicherheit klingt, ist für die Freiberuflerin jedoch gar nicht erstrebenswert.

"In dieser Form fest angestellt zu sein, bedeutet einen unheimlichen Verwaltungsaufwand. Ich muss ja dann auch mein Stunden erfassen und einreichen", sagt die Lehrerin. Als Honorarkraft sei man freier, könne unterschiedlich arbeiten. "Meine Meinung – ohne das werten zu wollen: Als Honorarkraft fahre ich besser. Ich mache das ja schon sehr lange und habe nicht das Gefühl, dass ich da nicht zurechtkomme."

Eine Frau mit Brille hält ein Saxofon.
Oda Michael Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Chef von Musikschule: "Dann sinkt die Zahl Schülerzahl"

Ihr Chef ist Andreas Ilgenstein. Seit 23 Jahren betreibt er die private Musikschule und macht sich nun große Sorge. Seine 15 Honorarkräfte auf einen Schlag fest anzustellen, kann er sich ohne massive Gebühren-Erhöhung für den Unterricht nicht leisten, sagt Ilgenstein.

Ein älterer Mann blickt sorgenvoll in die Zukunft
Andreas Ilgenstein Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Ich muss die Heizung bezahlen, den Strom, die Grundsteuer, die Straßenreinigung, und wenn ich jetzt noch die Lehrer fest anstellen soll und noch mal 70 bis 80 Prozent drauflege, müsste ich die Kosten für die Eltern fast verdoppeln. Das hätte zur Folge, dass die Schülerzahl enorm sinkt. Wenn jemand wenig Geld hat, kann er nicht das Doppelte bezahlen. In der Folge hat der Lehrer oder die Lehrerin dann keinen Nebenjob."

Hände eines Kindes an den Klaviertasten. 15 min
Bildrechte: picture alliance / dpa | Matthias Tödt
15 min

Karsten Werner betreibt eine Musikschule in Gebesee. Hier erklärt er, warum er trotz Umsatzsteuerbefreiung durch die Staatskanzlei nun Umsatzsteuern für die vergangenen zehn Jahre nachzahlen soll.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Di 30.04.2024 16:40Uhr 14:40 min

https://www.mdr.de/mdr-thueringen/audio-redakteur-betroffener-musikschule-umsatzsteuer-werner-gebesee-100.html

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Musikschule im Harz: "Sichere Zukunft ist wichtig"

Sorgen wie diese hat die kommunale Musikschule des Landkreises Harz mit ihren drei Standorten in Wernigerode, Quedlinburg und Halberstadt nicht. Sie wird zum Großteil über Steuermittel finanziert. Leiterin Ulrike Stumpf-Schilling war schon immer dafür, ihren Musik-Pädagogen eine abgesicherte berufliche Zukunft zu bieten und Tariflohn zu zahlen. Die letzten 14 Honorarkräfte jetzt auch fest anstellen zu können, sieht sie positiv – vor allem wegen der sozialen Absicherung und auch aus eigener Erfahrung.

Eine dunkelhaarige Frau steht vor einer Bühne mit Instrumenten.
Ulrike Stumpf-Schilling Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Ich habe in den ersten Jahren auch nur auf Honorar gearbeitet. Acht Jahre lang auf Honorar an zwei verschiedenen Schulen eben mit diesen ganzen Tätigkeiten doppelt. Da sammeln Sie schon mal keine Rentenpunkte. Wenn Sie dann Ihren Rentenbescheid sehen, nach acht Jahren auf Honorar, ist zwar das Konto immer noch recht gut gefüllt und man kommt klar." Aber eine Absicherung fürs Alter sei nicht gegeben, sagt sie und spricht von einem guten Ansatz, "dass es in die richtige Richtung geht."

Privaten Musikschulen droht das Aus

Diese Sicherheit würde Andreas Ilgenstein seinen Honorar-Kräften natürlich gerne gönnen. Da er aber für die Festanstellung seiner Musiklehrer keine staatliche Förderung bekommt und seine 350 Schüler nicht über Gebühr zur Kasse bitten kann, müsste er – über kurz oder lang – schließen.

"Das könnte passieren, obwohl das nicht meiner Mentalität entspricht. Die Schule wird dann wesentlich kleiner werden und wird eben bloß noch für elitäre Schüler da sein oder für Eltern, die unheimlich viel Geld haben. Aber nicht für normale Menschen mit normalen Einkommen. Da kann ich die Gebühren nicht verdoppeln; das geht nicht." Gibt es keinerlei staatliche Förderung für die Fest-Anstellung der Honorar-Lehrer an privaten Musikschulen, wird die eine oder andere wohl nicht überleben.

MDR (Frank Nowak, Oliver Leiste)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 12. Juni 2024 | 19:00 Uhr

2 Kommentare

Dachs vor 5 Wochen

Da wundert man sich bei der Ampel über die Wahlergebnisse aber das ist wieder so ein Beispiel wo Geld für den Krieg da ist aber nicht für die Förderung der Kultur im eigenem Land.

ElBuffo vor 5 Wochen

Die Regeln gelten nunmal für alle. Warum sollte hier also eine Ausnahme gelten?

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