Energiekrise Ice, Ice, Baby - Kommunen ringen um Betrieb von Sachsens Eishallen

Gasknappheit und hohe Preise zwingen einige Kommunen Sachsens schon jetzt zu rigiden Sparmaßnahmen. Betroffen sind vor allem Eishallen: Schönheide eröffnet später, Weißwasser erhöht die Eistemperatur, Johnsdorf erwägt Notbetrieb. Wird Eissport in Zeiten von Klimakrise und Energiekosten-Explosion Luxus in Sachsen?

Lausitzer Füchse - Dresdner Eislöwen
Weißwasser räumt seiner Eishalle obere Priorität ein. In Schönheide wurde die Eisproduktion jetzt gestoppt. Bildrechte: imago images / Hentschel

  • In Schönheide wurde die Eisproduktion für die neue Saison kurzerhand nach hinten verschoben und sorgt für Unverständnis sowie Zwist in der Gemeinde.
  • Eishalle Johnsdorf öffnet für die Kirmes hingegen sogar zwei Wochen früher und will die Saison gegebenenfalls mit Notbetrieb ermöglichen
  • In Niesky öffnet die Eishalle am 14. Oktober
  • In der Eisarena Weißwasser hat die Saison bereits begonnen. Um Energie zu sparen, wurde Lüftung reduziert und die Eistemperatur erhöht. Langfristig soll die Arena energieeffizienter umgebaut werden

Schönheide: Eisproduktion abgesagt

Markus Gläß ist fassungslos. "Für uns ist die Entscheidung eine Katastrophe, wir waren fertig mit der kompletten Saisonvorbereitung", erklärt der Sprecher der Eishockey-Mannschaft "Schönheider Wölfe" im Gespräch mit MDR SACHSEN. Nach der Nachricht über die geplante spätere Eröffnung der Eishalle seien alle 'aus den Wolken gefallen'. Man fürchte um die Saison. "Es geht um unsere Existenz, da brauchen wir nicht Drumherum reden." Der Verein rechne damit, dass auch der Folgetermin in der Woche um den 19. September nicht eingehalten werden könnte, da er an eine "Neubewertung der Lage" sowie an künftigen Rahmenbedingungen geknüpft sei.

Der neue Bürgermeister von Schönheide im Vogtland, Thomas Lang, hatte die Mitglieder des Vereins am Sonntag darüber informiert, das sogenannte "Aufeisen" würde vorerst gestoppt und auf Ende September verschoben. Die öffentliche Information erfolgte am Montag. Lang begründete seine Entscheidung mit der eventuell zu erwartenden bundesweiten Kappung der Energieverbräuche zugunsten kritischer Infrastruktur. Politische Verantwortungsträger seien gezwungen, über Maßnahmen nachzudenken, die eine begrenzte Energieversorgung bedeuten könnte.

Monatliche Kosten könnten von 4.000 auf 25.000 Euro steigen

Gegenüber MDR SACHSEN erklärte er: "Das ist keine Böswilligkeit gegenüber dem Verein, wir übernehmen Gesamtverantwortung." Die Produktion des Eises erfordere "unheimliche Stromspitzen". Dies gestalte sich besonders durch die hochsommerlichen Temperaturen problematisch. Gleichzeitig stellten sich die Kosten unübersichtlich dar – unter anderem weil aktuelle Verträge an den Energie-Tagespreis geknüpft seien. Laut Prognose der Gemeinde seien allein die Energiekosten für die Eishalle auf etwa 25.000 Euro gestiegen. Vergangenen Herbst hätten die monatlichen Energiekosten noch etwa 4.000 Euro pro Monat betragen. "Niemand kann die Entwicklung absehen. Wir verheizen das Geld, wenn wir anders handeln würden", sagte der Bürgermeister.

Verein: Warum gab es keinen Dialog?

Gläß von den "Schönheider Wölfen" kann bei dieser Argumentation nur mit dem Kopf schütteln. "Uns ist die aktuelle welt- und deutschlandweite Lage nicht fremd. Bei allem Verständnis für diese Überlegungen, können wir jedoch nicht nachvollziehen, warum es vor der Entscheidung keinen Dialog mit dem Verein gab. Es hätte sicher ein Kompromiss gefunden werden können", erklärte Gläß. "Aktuell sind wir in Sachsen das einzige Stadion ohne Eis. Wir finden, dass das ein Schnellschuss ist. Warum wurde nicht einmal gefragt, was das für uns bedeutet?" Gläß zufolge hinge nicht nur der Liga-Sportbetrieb am Eis, sondern auch der Eislaufsport für 60 Kinder in fünf Altersklassen, die "nach Corona plötzlich wieder vor dem Nichts stehen". Es sei schwierig für so viele Kinder ein Ersatztraining in einer entfernteren Halle zu organisieren.

Aktuell sind wir in Sachsen das einzige Stadion ohne Eis.

Markus Gläß Sprecher Schönheider Wölfe

Alleingang des Schönheider Bürgermeisters?

Die "Schönheider Wölfe" gehen sogar noch einen Schritt weiter. Sie zweifeln an der Rechtmäßigkeit des Beschlusses des neuen Bürgermeisters, der gerade eine Woche im Amt ist. "Die Entscheidung ist mit Sicherheit nicht rechtens", erklärte Gläß. Der Gemeinderat habe bereits im Mai einer Aufeisung zugestimmt. Nach der Entscheidung des Bürgermeisters hätten sich einige Gemeinderäte beim Verein gemeldet und darauf bestanden, mit der Entscheidung des Bürgermeisters nicht zu tun zu haben.

Es lohnt sich doch immer, das durchzuziehen und den Menschen in der Region etwas zu geben.

Markus Gläß Sprecher Schönheider Wölfe

"Natürlich müssen wir aktuell Energie sparen, doch wir sind sicher, es hätte einen Lösung gegeben", sagte Gläß. Vielleicht hätte man noch einen Sponsor finden oder in den Notbetrieb gehen können. "Es lohnt sich doch immer, das durchzuziehen und den Menschen in der Region etwas zu geben." Alle Eishallen in Sachsen und auch in Bayern seien geöffnet. Schönheide stehe jetzt völlig allein da.

Eishalle Johnsdorf öffnet am 1. Oktober

Die hohen Energiepreise beschäftigen auch die 1.500 Seelen-Gemeinde Johnsdorf im Zittauer Gebirge. "Wir sind positiv gestimmt, dass wir eine komplette Eiszeit bis in den März 2023 durchziehen können, auch wenn die Kosten gestiegen sind", erklärte Bürgermeisterin Kati Wenzel MDR SACHSEN. Es seien gerade 11.000 Euro in die Wartung der Kältetechnik investiert worden. Zudem liefen derzeit die Verhandlungen mit den Stadtwerken Zittau zur Verlängerung der aktuellen Verträge ab Januar 2022.

Die Bürgermeisterin würde dafür auch einen Notbetrieb in Kauf nehmen. "Wir werden alles tun, um das Eis zu halten", erklärte Wenzel. "Wir könnten den Bürotrakt in das ohnehin beheizte Gemeindeamt verlegen und die Temperaturen in der Verwaltung herunterregeln."

Etwa 25.000 Gesamtkosten in Johnsdorf im Monat

Die Kosten für die Eishalle in Johnsdorf betragen laut dem Technischen Leiter der Halle, Daniel Schwarzenbach, etwa 25.000 Euro monatlich inklusive Personalkosten. "Jetzt hoffen wir auf kühles Wetter, je kühler, desto weniger Energiebedarf – zumindest in der Eishalle", erklärt Schwarzenbach. Dieses Jahr würde die Halle wegen der Kirmes der Gemeinde schon zwei Wochen früher geöffnet. Von den Eishockeyspielern, über die Eisstockschützen, dem Nachwuchs und auch den Eis-Discotanten seien alle involviert. "In der Woche haben jedoch noch oft freie Kapazitäten", sagte Schwarzenbach. "Klassenfahrten sind bei uns also ideal."

Eishalle Niesky öffnet am 14. Oktober

Die Eishalle in Niesky öffnet nach Angaben der Bürgermeisterin Kathrin Uhlemann am 14. Oktober. Vorher würde noch eine Wartung durchgeführt. "Wir schalten nicht radikal ab", erklärte die Bürgermeisterin MDR SACHSEN. "Der Eissport gehört in Niesky dazu, von der Eishockey-Liga bis zum Breitensport. Hier geht es vom Krabbeln direkt in die Schlittschuhe."

Dennoch sei es wichtig, miteinander ins Gespräch zu kommen und über den grundsätzlichen Umgang mit den knappen Energieressourcen zu sprechen. Viel Energie könnte schon durch eine Sensibilisierung der Nutzer sowie kleine technische Kniffe gespart werden. Dazu gehörten unter anderen über Nacht aufgedrehte Heizungen in Büros, laufende Rechner oder Bildschirme. Mit technischen Tricks könnte der Warmwasser-Boiler in der Feuerwehr nur eingeschaltet werden, wenn auch Einsätze liefen. "Vorstellbar sind auch intelligente Sporthallenbelegungssysteme", sagte Uhlemann. Basketballer bräuchten geringere Temperaturen als beispielsweise Turner. Die Stadt Niesky arbeite schon lange an nachhaltigen Konzepten. Bereits jetzt würden 80 Prozent der Fernwärme über Bioenergie gewonnen.

Weißwasser erhöht die Eistemperatur

Weißwasser räumt seiner Eishalle obere Priorität ein. "Bevor wir die Eisarena runterfahren, werden andere Liegenschaften durch Sparmaßnahmen oder Abschaltung berücksichtigt", erklärte Wulf Stibenz, Referent des Bürgermeisters. Fest stehe aber, dass Kommunen die Pflicht haben, die durchregulierten Sparanweisungen umzusetzen. "Ergo, wenn der Bund das Aus für alle freiwilligen Aufgaben der Kommunen zum Schutz der Energieversorgung im privaten Bereich und Aufrechterhaltung von Sicherheit, Ordnung und Versorgung beschließt, müsste auch die Arena abtauen." Man hoffe jedoch nicht, dass das nötig wird. "Schließlich feiern wir in den nächsten Wochen und Monaten 90 Jahre Eissport in Weißwasser und starten eine große Kinder-Eishockey-Aktion", sagte Stibenz.

Die Eisarena in Weißwasser hat seit dem 13. August bespielbares Eis. Das sei für das Training der Lausitzer Füchse ebenso notwendig, wie für die anderen Buchungen wie Trainingslager, Camps, Nachwuchssport et cetera, erklärte Stibenz. Vor Saisonstart sei die Leistung der Lüftung reduziert und die Eistemperatur um 0,5 Prozent erhöht worden. "Das klingt unspektakulär, aber bei rund 4.000 Kilowattstunden am Tag, ist das durchaus eine Größe. Noch höhere Temperaturen beim Eis und damit Spareffekte sind aus unserer Sicht technisch nicht realisierbar, da sonst das Eis nicht den Belastungen standhält."

Wie andere Kommunen auch, tüftelt Weißwasser insgesamt an Sparmaßnahmen. "Natürlich beschäftigt sich die Stadtverwaltung Weißwasser intensiv mit der Energiekrise", erklärte Bürgermeisterreferent Wulf Stibenz. Für ein worst-case-Szenario würden nach den Empfehlungen des Bundes und des Freistaats die verschiedenen Energieabnehmer analysiert. Neben Komplettabschaltung der Einrichtungen für freiwillige Aufgaben würden auch schrittweise Teilabschaltungen sowie Sparmaßnahmen wie Temperatursenkungen erörtert. Längerfristig wolle man die Energieeffizienz der Eishalle deutlich erhöhen. "Das reicht von neuen Eismaschinen über LED-Beleuchtung bis hin zu Photovoltaik auf dem riesigen Dach", erklärte Stibenz.

Energiesparen im Wintersport

In vielen Wintersportgebieten wird darüber nachgedacht, wie und wo in der kommenden Saison Energie gespart werden kann. So soll es in Oberwiesenthal, dem größten Skigebiet Mitteldeutschlands, weniger Nachtskiläufe unter Flutlicht geben. Der Geschäftsführer der Fichtelberg Schwebebahn, Lötzsch, sagte MDR AKTUELL, man wolle das Angebot um bis zu 15 Prozent reduzieren. Bei der Kunsteisbahn erwäge man eine verkürzte Saison. Dagegen sollen die Pisten laut Lötzsch wie üblich mit Kunstschnee beschneit werden. Österreich will im kommenden Winter rund 10 Prozent weniger Kunstschnee in den Skigebieten verteilen und ebenfalls die Nachtskiläufe einschränken. Auch in der Schweiz soll gespart werden, etwa beim Warmwasser und der Heizung in den Seilbahnstationen. In allen Regionen müssen sich Wintersportler auf höhere Ticketpreise einstellen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Sachsenspiegel | 17. August 2022 | 20:00 Uhr

Mehr aus Sachsen

Jockeys auf ihren Pferden von hinten. 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein junger Mann und eine ältere Frau malen. 3 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK