Familiengeschichte Wie Geflüchtete aus der Ukraine in Sachsen ankommen

Der Angriff Russlands auf die Ukraine vor einem halben Jahr hat viele Menschen zur Flucht gezwungen. Neben Polen und Tschechien ist auch Deutschland eines ihrer Ziele. Zu den mehr als 50.000 Geflüchteten in Sachsen gehört auch die ukrainische Familie von Tanja Hohn. Ihr Bruder, ihre Schwägerin, die gemeinsame Tochter, mehrere Cousinen und zwei weitere Kinder sind inzwischen in Leipzig angekommen. MDR SACHSEN hat mit Tanjas Familie über den schweren Start in der Fremde gesprochen.

Tanja Hohn und Familie auf dem Augustusplatz in Leipzig
Die Familie vereint auf dem Leipziger Augustusplatz. Auch in Tanjas Familie konnten fast ausschließlich Frauen und Kinder flüchten. Ihre Partner müssen in der Ukraine bleiben. Bildrechte: Mariya Lukjyanenko

Es ist genau ein halbes Jahr her, dass Tanja Hohn und ihr Mann Andreas Besuch aus der Ukraine bekommen haben. Ihr Bruder Sergej war mit seiner Frau Lubov und Enkeltochter Vera angereist, um seine schwer kranke Mutter zu sehen. Aus dem Kurzbesuch ist ein dauerhafter Aufenthalt geworden: 182 Tage sind es inzwischen. Denn an dem Morgen, als Sergej in Leipzig ankam, schlugen die ersten russischen Raketen in der Ukraine ein.

Hilfe für die Familie

"Wir sind zusammengerückt", erinnert sich Tanja, die schon vor 19 Jahren nach Deutschland gekommen ist. "Das war gar kein Problem für uns. Eigentlich haben wir davor auch immer Besuch gehabt und alle haben bei uns übernachtet." Doch schon kurze Zeit später lebten acht Menschen in der 3-Zimmer-Wohnung nahe des Leipziger Zoos. Dazu kam die Sorge um die anderen in der Familie, die es noch nicht aus der Ukraine ins sichere Deutschland geschafft hatten. Eine angespannte Situation für alle.

Ein halbes Jahr später gibt es diese Sorgen noch immer, aber vieles hat sich geändert: Wohnungen für die nachgekommenen Familienmitglieder sind gefunden - fast alle haben eine Bleibe in Leipzig. Die inzwischen fünf Jahre alte Vera ist wieder mit ihrer Mutter vereint und geht in einen deutschen Kindergarten. Die Erwachsenen, also Sergej und mehrere Cousinen, lernen in Integrationskursen Deutsch - in genau der Sprachschule, in der auch Tanja vor zwei Jahrzehnten ihren Sprachkurs machte und so den Grundstein für ihr Leben in Sachsen legte, wie sie sagt.

Schwieriger Neuanfang in Sachsen

Auch wenn hier Frieden herrscht, war die Situation für Tanjas Familie im vergangenen halben Jahr alles andere als einfach. Sergej erzählt: "Ich bin hergekommen und habe festgestellt, dass ich alles verloren habe. Hier ist alles anders." Sergej stammt aus Dnipro, der viertgrößten ukrainischen Stadt. Leicht fällt der Neuanfang in Leipzig nicht, erzählt er mit leiser Stimme: "Deutsch ist eine sehr schwere Sprache", übersetzt Tanja für ihn und ergänzt zur Erklärung: "Ich habe damals mit Anfang 30 Deutsch gelernt. Mein Bruder ist 54 Jahre alt. Da fällt es deutlich schwerer." Aber es muss sein, das wissen alle. Ohne Sprachkenntnisse keine Arbeit, ohne Arbeit keine Perspektive.

Auch für Cousine Mascha hat das Leben eine völlig neue Wendung genommen. In der Ukraine war Mascha Unternehmerin, hatte ihre eigene Kosmetiklinie: Cremes, Seifen, feste Shampoos und viel Arbeit bestimmten ihr Leben. Nun ist alles weg. Doch von Bitterkeit ist nichts zu spüren. Die 44-Jährige wirkt lebensfroh, selbstbewusst, unerschütterlich und dabei herzlich.

Eine Frau lächelt.
Mascha war in der Ukraine selbstständig, hatte ihre eigene Produktlinie und Arbeit bis zum Abwinken. Aktuell besucht sie einen Integrationskurs in Leipzig. Bildrechte: MDR/Benjamin Jakob

Land und Leute in Deutschland kennenlernen

"Ich hatte plötzlich sehr viel Freizeit, als wir in Deutschland angekommen sind", erinnert sich Mascha. Und die nutzte sie, um das Land kennenzulernen: Es folgten Trips in die Sächsische Schweiz, nach Berlin, in die Gegenden um Leipzig und Dresden. "Es hat uns alles gut gefallen! Wir kannten das bisher nur von Tanjas Bildern." Auch Tanja freut sich - trotz der Umstände - dass sie ihre Lieblingscousine, wie sie selbst sagt, jetzt so lange bei sich hat. "Wir haben schon immer gesagt: 'Kommt uns besuchen, Leipzig ist so schön!'. Dieses Jahr war sogar der Sommerurlaub hierher geplant gewesen. Wegen des russischen Kriegsangriffs ist es anders gekommen. "Aber dafür genießen wir die gemeinsame Zeit", freut sich Tanja.

Jobangebot gibt Hoffnung

"Inzwischen ist die Freizeit weniger geworden, ich konzentriere mich auf den Sprachkurs", sagt Mascha. Genau wie Sergej. Ansporn ist ihr dabei, dass er schon jetzt ein Jobangebot hat: "Ich habe ein Angebot bekommen bei einem Fuhrunternehmen. Dort kann ich hoffentlich nach dem Sprachkurs anfangen", berichtet er stolz. Dass er die Möglichkeit hat, bald wieder in seinem Beruf im Bereich Gefahrgut-Transport zu arbeiten, gibt ihm Hoffnung, in Deutschland Fuß fassen zu können.

Die Arbeit geht weiter

Darauf hofft auch der Rest der Familie. Der Anfang für alle ist gemacht - auch dank Tanjas Hilfe. "Da ist jemand, der sich um alles kümmert", sagt Mascha. "Es ist schon sehr komfortabel, dass wir so viel Hilfe haben". Für Tanja ist dies selbstverständlich: "Klar, war das nicht einfach für uns. Aber man macht das gern. Das ist meine Familie." Derzeit versucht die Kita-Erzieherin, auch den Rest der Familie, der erst seit knapp sechs Wochen in Deutschland ist, nach Leipzig zu holen. "Sie sind gerade in Altenburg, weil die Behörden sagen, dass Sachsen und Leipzig überfüllt sind. Aber wenn wir eine Wohnung finden, dann können wir sie her holen."

MDR (kp)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | SACHSENSPIEGEL | 31. August 2022 | 19:00 Uhr

Mehr aus Leipzig, dem Leipziger Land und Halle

Mehr aus Sachsen