Schneezaun
Alles weiß und mitten drin ein Schneezaun. Aber mal ernsthaft, was genau sollen Schneezäune eigentlich bewirken? Bildrechte: IMAGO/Zoonar

Der Redakteur | 28.11.2023 Welchen Sinn haben Schneezäune?

28. November 2023, 19:01 Uhr

Schneezäune, früher Schneegatter genannt, stehen an Straßen und scheinen so hoch über dem Boden zu schweben, dass der Schnee komplett darunter durchfliegen kann. Was bringen die Zäune also?

Ein Schneezaun ist kein Fangzaun. Das bedeutet: Er soll nicht etwa den Schnee auffangen und "aufstapeln". Vielmehr hat man sich die Funktionsweise bei der Natur abgeschaut. Wir sind bei Triebschnee, der in den Bergen für Wintersportler zur Gefahr werden kann. Unter anderem weil er locker aufgetürmt die Basis für spätere Lawinen sein kann oder weil er an Abrisskanten einen Überhang bildet, also eine Art Balkon, den man besser nicht betreten sollte.

Triebschnee lagert sich an windgeschützten Stellen ab. Leeseitig, also an der vom Wind abgewandten Seite. Wir können das Phänomen auch an Mauern beobachten oder an Hecken und nicht nur bei Schnee, sondern auch bei feinem Sand oder Laub. Im Windschatten legen sich die Mitbringsel des Windes ab.

Deshalb wird der Schneezaun so aufgestellt, dass er zwischen Hauptwindrichtung und Straße steht. Nun sammelt der Wind über das Feld den Triebschnee auf und zwar so lange, bis er gebrochen wird. Und genau das passiert an den Schneezäunen, die nur 50 Prozent des Windes durchlassen und so die Geschwindigkeit absenken. Im Ergebnis verliert auch der Triebschnee an Tempo und fällt zu Boden. Läuft alles perfekt, liegt er am Ende hinter dem Schneezaun, aber vor der Straße.

Aus Studien und der Erfahrung heraus muss der Schneezaun circa 30 Zentimeter über dem Boden stehen. Damit wird laut Regelwerk der Schnee optimal zur Ablage gezwungen.

Tobias Finger, Regionalleiter Mittelthüringen der Thüringer Straßenwartungs- und Instandhaltungsgesellschaft

Neben dem Regelwerk ist auch viel Ortskenntnis gefragt. Denn wenn sich der Wind dreht, steht der Zaun auf der falschen Seite von Straße und Physik. Deshalb ist das Aufstellen eine kleine Wissenschaft.

Die Höhe des Zaunes spielt dabei genauso eine Rolle, wie der Abstand zur Straße. Dort können auch andere Hindernisse ähnliche Effekte haben. Zum Beispiel bauliche Anlagen wie Dämme oder Bewuchs. Wenn Abstand und Höhe des Hindernisses ungünstig sind, legt sich der Triebschnee auch mal direkt auf der Straße ab.

Die Empfehlung aus den Regelwerken ist, man soll etwa das zehn- bis 15-fache der Höhe als Abstand zwischen Straße und Standort wählen.

Tobias Finger, Thüringer Straßenwartungs- und Instandhaltungsgesellschaft

Wie begeistert sind die Landwirte von den Schneezäunen?

Felder sind zwar allgemein prägend für die Landschaft, aber sie sind eben kein Allgemeingut. Nicht nur deshalb geschieht das Aufstellen der Schneezäune immer in Absprache mit den Landwirten. Wir haben beim Thüringer Bauernverband nachgefragt und als Gesprächspartner Martin Credo vermittelt bekommen, der als Chef der Wippertaler Agrar GmbH Wolkramshausen mehrere Kilometer Schneezäune auf seinen Feldern stehen hat. Sowohl an Ortsverbindungsstraßen aber auch an der B4 nördlich von Sondershausen. Das jährliche Aufstellen erfolgt in enger Kooperation mit den beauftragten Firmen wie der TSI, der Thüringer Straßenwartungs- und Instandhaltungsgesellschaft.

Die Mitarbeiter fragen, wie breit unser Pflegespursystem ist, und dann nutzen sie unsere Spuren und bauen genau daneben auf.

Martin Credo, Geschäftsführer der Wippertaler Agrar GmbH

Dass die Schneezäune alle Jahre wieder aufgestellt und abgebaut werden, ist auch keine Überraschung. Es können sich also beide Seiten darauf einstellen. Die Erfahrung von Martin Credo: Meistens läuft das unproblematisch ab und die Kollegen bemühen sich, dass so wenig Schaden wie möglich entsteht.

Und auch die Landwirte bringen ihre Erfahrungen ein, denn ihre Äcker kennen sie wohl am besten. Und auch wenn zuletzt die Anzahl der Tage, an denen die Zäune wirklich einmal "arbeiten" mussten, begrenzt war: Martin Credo hat im Winter 2020/2021 gesehen, wo und wie sich der Schnee vorschriftsmäßig platziert hat.

In dem Bereich, wo Wind dazu kam, hat das funktioniert. Die Schneewehe hat sich praktisch hinter den Zaun gelegt und es nicht bis zur Straße geschafft.

Martin Credo, Geschäftsführer der Wippertaler Agrar GmbH

Wie wichtig dieser Aufwand ist, hat im Januar 2017 ein tödlicher Unfall auf der B7 bei Mönchenholzhausen gezeigt. Damals war eine 29-jährige Mutter zweier Kinder ums Leben gekommen, weil sie wegen einer Schneewehe die Kontrolle über ihr Auto verloren hatte und in den Gegenverkehr geraten war.

Wären Hecken nicht die besseren Schneezäune?

Wir sind auch beim Wind direkt in der Diskussion um mehr Kleinteiligkeit der Felder, Hecken, Blühstreifen, Pflanzenvielfalt und andere naturnahe Maßnahmen. Martin Credo hat Windschutzstreifen auf seinen Feldern.

Diese sind bereits zu DDR-Zeiten angelegt worden und sollen verhindern, dass sich der Wind über die großen Freiflächen aufbauen kann. Stattdessen wird er samt Staub vor den Dörfern ausgebremst. Diese Windschutzstreifen werden von den Landwirten als Landschaftselement gepflegt. Ähnliches könnte man natürlich auch an den Stellen machen, wo man aktuell jährlich die Schneezäune auf- und wieder abbaut. Tobias Finger bestätigt, dass diese Möglichkeiten auch genutzt werden.

Man kann auch bewusst an Straßen Hecken, Bäume und Sträucher pflanzen, um diesen Effekt im Winter mitzunehmen, damit sich der Schnee im Winter ablagert und gar nicht erst die Straße erreicht.

Tobias Finger, Thüringer Straßenwartungs- und Instandhaltungsgesellschaft

Das Problem nur ist, die Bedingungen müssen passen und eine solche "Anlage" muss auch gepflegt werden, sonst landet der Schnee am Ende erst recht auf der Straße, weil der sich nämlich weiterhin an die Regeln der Physik gebunden fühlt. Würde die Hecke quasi unbegrenzt wachsen, verschiebt sich auch der Bereich, wo sich laut Richtlinie der Schnee ablagert, immer weiter.

Schneezaun
Ein Schneezaun am Straßenrand Bildrechte: IMAGO/Funke Foto Services

Wenn man die Richtlinie als Maßstab nimmt, wären es pro Meter Höhenzuwachs zehn bis 15 Meter Richtung Straße. Und Landwirt Martin Credo hat noch einen Einwand. Man ist mit allem Tun immer noch auf fremden Grund und Boden unterwegs. Der Zaun ist wieder verschwunden, wenn das Feld wieder als solches genutzt wird.

Die Hecke steht jedoch immer da und vielleicht in einem Abstand zur Straße, der eine wirtschaftliche Nutzung des Zwischenbereichs erschwert bis unmöglich macht. Bedeutet: Was als Hecke statt Zaun beginnt, kann ganz schön in die Breite gehen und wäre mit einer größeren Umwidmung der Flächen verbunden, die allesamt auch Eigentümer haben. Und das sind in der Regel nicht die öffentlichen Träger, denen die Straße gehört.

MDR (thk/ask)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 28. November 2023 | 16:40 Uhr

2 Kommentare

martin vor 12 Wochen

Nicht alles was hinkt, ist ein Vergleich. Die Äcker sind in der Regel in Privatbesitz - die Straßen sind der Allgemeinheit gewidmet. Die Landwirte zahlen über ihre Steuern auch einen "Nutzungsbeitrag" - die Allgemeinheit für die Nutzung der privaten Äcker nicht.

Denkbar wäre allenfalls, dass Landwirte im Rahmen der Gefahrenabwehr zur Duldung verpflichtet werden und evt. entstehende Schäden durch den Staat erstattet werden.

Pattel vor 12 Wochen

Die Fachleute und Landwirte wissen eigentlich alles. Der Bürger nun auch und trotzdem gibt es zum Teil Unverständnis von Landwirten.
Es wäre einfach wenn man handelt. Auch Landwirte fahren auf Straßen die ihnen nicht gehören .

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