Lebenswerk gekrönt Literaturnobelpreis für Annie Ernaux

Der Literaturnobelpreis geht dieses Jahr an die französische Roman-Autorin Annie Ernaux. Sie war schon länger für den Preis gehandelt worden und schafft es mit ihren stark autobiografisch gefärbten Büchern auch in Deutschland recht regelmäßig in die Bestseller-Listen – obwohl ihre Bücher alles andere als leichte Kost sind.

Annie Ernaux
Annie Ernaux im Jahr 2019. Bildrechte: imago/Pacific Press Agency

Die französische Schriftstellerin Annie Ernaux erhält den diesjährigen Literaturnobelpreis. Wie die Königliche Schwedische Akademie dazu am Donnerstag in Stockholm mitteilte, werden ihr "Mut und der klinische Scharfblick" gewürdigt, mit dem sie "die Wurzeln, Entfremdungen und kollektiven Beschränkungen der persönlichen Erinnerung aufdeckt".

Die 82 Jahre alte Ernaux gilt als eine der bedeutendsten französischen Schriftstellerinnen der Gegenwart. Zu ihren auch in Deutschland bekannten, übersetzten Werken gehören "Der Platz", "Erinnerung eines Mädchens" und "Die Jahre". Ihre Bücher schaffen es regelmäßig auch in deutsche Bestseller-Listen.

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Harte "Ethnologin ihrer selbst"

Sie selbst bezeichnete sich einmal als "Ethnologin ihrer selbst". Tatsächlich schreibt sie seit mehr als 40 Jahren über sich und ihre Herkunft und blickt dabei nicht nur auf ihr eigenes Leben radikal.  

In Deutschland wird sie als "Meisterin des Autofiktionalen" gefeiert. Eines ihrer jüngeren auch in Deutschland erschienenen Werke "Das Ereignis" handelt von den fast grausamen Versuchen der Autorin abzutreiben, in einer Zeit, als Abtreibungen noch als kriminell behandelt wurden.

Die mehr als 20 Bücher der Schriftstellerin lesen sich daher wie ein Selbsterkundungsprojekt. Wie sie selbst sagt, versucht sie ihre persönlichen Erinnerungen im kollektiven Gedächtnis zu finden, denn für sie ist ein "Ich" nicht ohne die anderen und ohne Geschichte denkbar.

Frühe Jahre in einfachen Verhältnissen

Zu ihren erfolgreichsten Büchern gehört "Les Années" (Die Jahre), das 2008 erschien und unter anderem dem Deutschen Nationaltheater in Weimar als Vorlage für ein Bühnenstück diente – eine Rückschau auf ihr Leben.

Ernaux wurde 1940 in Lillebonne in der Normandie geboren und wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Ihr Vater war einfacher Arbeiter und ihre Kindheit geprägt vom frühen Tod ihrer älteren Schwester. Nach dem Studium der Neueren Literatur wurde sie zunächst Lehrerin an einem Gymnasium. 

Im Jahr 1974 erschien ihr erster Roman "Les armoires vides" (Die leeren Schränke). Als sie sich 1980 scheiden ließ, war sie Mutter von zwei Kindern. Vier Jahre später erschien "La Place" (Der Platz), für den sie den Renaudot-Preis erhielt. Der Roman handelt von ihrem Vater und ihrem eigenen sozialen Aufstieg. In "Eine Frau" dagegen ruft sie Erinnerungen an ihre Mutter ab, in "Passion simple" geht es um eine Liebesbeziehung zu einem verheirateten Mann.

Ernaux schon lange für Nobelpreis im Gespräch

Ernaux war schon seit vielen Jahren als Anwärterin auf den Nobelpreis gehandelt worden. Der deutsche Literaturkritiker Denis Scheck bezeichnete die Vergabe nun als gute Entscheidung. Er sprach von einem "Festtag für die Literatur", sowohl in ästhetischer als auch in politischer Hinsicht.

Dotiert ist der Preis mit zehn Millionen schwedischen Kronen (rund 920.000 Euro). Verliehen wird er in einer Zeremonie am 10. Dezember in Stockholm.

dpa/AFP/epd/KNA(ksc)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 06. Oktober 2022 | 14:30 Uhr

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