Vogelperspektive auf eine große Menschenmenge und Schutzräume am Chan Junis College im südlichen Gazastreifen.
Satellitenbild zeigt einen Überblick über eine große Menschenmenge und Schutzräume am Chan Junis College im südlichen Gazastreifen. Bildrechte: picture alliance/dpa/Maxar Technologies/AP | Uncredited

Krieg in Nahost Israel hat Chan Junis umstellt

08. Dezember 2023, 01:05 Uhr

Die israelische Armee hat nach eigenen Angaben die größte Stadt im Süden des Gazastreifens, Chan Junis, eingekesselt. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagte, man habe auch das Haus des Gaza-Chefs der islamistischen Hamas umstellt. Er habe aber fliehen können. Unterdessen forderte UN-Generalsekretär António Guterres den Weltsicherheitsrat auf, sich für die Abwendung einer humanitären Katastrophe in Gaza einzusetzen.

Nach der Ausweitung der Angriffe auf den südlichen Gazastreifen hat sich die israelische Armee in der Nacht zum Donnerstag in der Stadt Chan Junis nach eigenen Angaben schwere Gefechte mit Kämpfern der radikalislamischen Hamas geliefert. Augenzeugen berichteten von Soldaten, Panzern, Bulldozern und gepanzerten Mannschaftswagen im Zentrum der zweitgrößten Stadt des Küstenstreifens. Regierungsangaben zufolge wurde das Haus von Hamas-Anführer Jahja Sinwar umstellt.

Die israelische Armee erklärte, sie habe "die Verteidigungslinien" der Hamas zerstört und mehrere "Terroristen eliminiert". Zudem seien in der Umgebung von Chan Junis "30 Tunneleingänge" zerstört worden.

Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu sagte in einer Videobotschaft, die Armee habe das Haus von Hamas-Anführer Jahja Sinwar in Chan Junis umzingelt. Dieser versteckt sich laut Armee-Sprecher Daniel Hagari in einem der Tunnel "unter der Erde". Der 61-jährige Sinwar gilt als einer der Drahtzieher des Überfalls der Hamas auf Israel am 7. Oktober. 23 Jahre seines Lebens verbrachte er in israelischen Gefängnissen.

Waffenlager in Gaza entdeckt

Derweil entdeckte die israelische Armee im Norden des Gazastreifens nach eigenen Angaben ein riesiges Waffenlager "in der Nähe eines Krankenhauses und einer Schule". Es handele sich um eines der größten Waffenlager, das jemals im Gazastreifen entdeckt worden sei, teilte das Militär mit.

Menschen versammeln sich zum Gedenken an die Opfer und die Folgen der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 auf dem Jüdischen Friedhof in Bautzen mit Video
Wo fängt Antisemitismus an und wo hört berechtigte Kritik an der israelischen Politik auf? Entscheidend ist dabei das "Wie" der Kritik. Bildrechte: IMAGO / Steffen Unger

Bewohner im Gazastreifen in Bedrängnis

Zerstörte Gebäude nach einem israelischen Luftangriff auf das Viertel Al-Amal in Chan Junis.
Zerstörte Gebäude nach einem israelischen Luftangriff auf das Viertel Al-Amal in Chan Junis. Bildrechte: picture alliance/dpa | Ahmed Zakot

Angesichts der Ausweitung der Kämpfe kommen die in den Süden geflüchteten Bewohner des Gazastreifens immer mehr in Bedrängnis. "Wir sind am Boden zerstört und überfordert", sagte ein Bewohner von Chan Junis der Nachrichtenagentur AFP. Jemand müsse eine Lösung finden, damit die Bewohner aus dieser Situation herauskommen könnten, sagte er.

US-Außenminister Blinken ruft Israel erneut zu mehr Schutz von Zivilisten in Gaza auf

US-Außenminister Antony Blinken hat Israel erneut aufgerufen, mehr für den Schutz von Zivilisten im Gazastreifen zu tun. Die israelische Führung habe zwar wichtige zusätzliche Schritte in diese Richtung unternommen, sagte Blinken am Donnerstag (Ortszeit) nach einem Treffen mit seinem britischen Kollegen David Cameron in Washington.

Es gebe aber nach wie vor eine Lücke zwischen dem, was er bei seinem jüngsten Besuch in Tel Aviv angeregt habe und was an tatsächlichen Ergebnissen zu beobachten sei. Blinken sagte, es gehe zum Beispiel nicht nur darum, Sicherheitszonen einzurichten, sondern auch so darüber kommunizieren, dass die Menschen tatsächlich wüssten, wohin sie flüchten könnten, wann genau und auf welchem Weg. Außerdem müsse es in solchen Sicherheitszonen Essen, Wasser und Medikamente für die geflüchteten Menschen geben.

Guterres appelliert an Sicherheitsrat – Israel übt Kritik daran

UN-Generalsekretär António Guterres warnte in einem Brief an den UN-Sicherheitsrat vor einem Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung im Gazastreifen. Dadurch könne "selbst eine begrenzte humanitäre Hilfe" unmöglich werden, fügte er hinzu.

Guterres berief sich bei seinem Schreiben auf Artikel 99 der UN-Charta, der es dem UN-Generalsekretär möglich macht, sich an den Sicherheitsrat zu wenden. Guterres griff zum ersten Mal in seiner Amtszeit auf diese Möglichkeit zurück.

Als Reaktion auf Guterres' Brief erklärte Israels Außenminister Eli Cohen im Onlinedienst X, vormals Twitter, der UN-Chef sei eine "Gefahr für den Weltfrieden". "Sein Antrag auf Aktivierung von Artikel 99 und der Aufruf zu einem Waffenstillstand in Gaza stellen eine Unterstützung der Terrororganisation Hamas dar", schrieb Cohen.

Emirate legen UN-Resolution mit Ruf nach Waffenstillstand in Gaza vor

Die Vereinigten Arabischen Emirate haben im UN-Sicherheitsrat einen neuen Resolutionsentwurf mit der Forderung nach einem Waffenstillstand vorgelegt. Die Ständige Vertretung des Golfstaats teilte per Kurznachrichtendienst X mit, man rufe zur dringenden Annahme einer Resolution für einen humanitären Waffenstillstand auf und habe einen Entwurf beim UN-Sicherheitsrat eingereicht. Die Situation im Gazastreifen seien katastrophal und beinahe unumkehrbar. Man könne nicht warten, der Rat müsse entschlossen handeln.

Ähnliche Vorstöße waren bislang am Widerstand der USA gescheitert.

Israel erlaubt Einfuhr von mehr Treibstoff

Unterdessen teilte Israels Kriegskabinett mit, die Einfuhr von Treibstoff in den Süden des Gazastreifens zu erhöhen. Um einen "humanitären Kollaps" und den "Ausbruch von Epidemien" zu verhindern, sei eine "minimale" Erhöhung der Treibstoffmenge genehmigt worden, erklärte das Büro von Regierungschef Netanjahu im Onlinedienst X.

Hinweis zur Berichterstattung

Die Berichterstattung aus dem Gazastreifen ist schwierig, da wegen der Kämpfe nur wenige Journalistinnen und Journalisten vor Ort sind. Informationen zu den Kampfhandlungen kommen vor allem von der israelischen Regierung und von der im Gazastreifen herrschenden Terrororganisation Hamas, die nur schwer überprüft werden können.

dpa, AFP, Reuters (das)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 07. Dezember 2023 | 09:09 Uhr

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