Das Logo der Aussteigerorganisation Exit
Exit begleitet Rechtsextremismus-Aussteiger seit dem Jahr 2000 (Symbolbild). Bildrechte: MDR/Exit, Collage

Interview "Rechtsextremisten haben einen großen Hass auf Verräter"

Sachsen-Anhalter, die die rechtsextreme Szene verlassen wollen, können sich an Exit wenden – die bekannteste unabhängige Ausstiegsinitiative in Deutschland. Ein neues Leben aufzubauen dauert meist mehrere Jahre. Exit-Gründer und Rechtsextremismus-Experte Bernd Wagner erklärt im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT, wie Rechtsextreme diesen Schritt angehen können – und worauf es ankommt.

Das Logo der Aussteigerorganisation Exit
Exit begleitet Rechtsextremismus-Aussteiger seit dem Jahr 2000 (Symbolbild). Bildrechte: MDR/Exit, Collage

MDR SACHSEN-ANHALT: Exit gibt es seit fast 20 Jahren. Zu Ihnen kommen Menschen, die sich aus der rechtsextremen Szene lösen wollen. Setzen wir mal einen Schritt vorher an: Was gibt es für Anzeichen dafür, dass sich jemand radikalisiert?

Bernd Wagner, Diplom-Kriminalist und Ex-Kriminaloberrat: Ganz wichtig ist es, darauf zu achten, ob sich in den Gewohnheiten der Person etwas verändert. Also wenn sich die Sprache ändert, ist das zum Beispiel ein ganz wichtiges Anzeichen. Wenn neue Themen auftreten, die ursprünglich nicht in der Kommunikation vorkamen, die auch eine gewisse Angespanntheit und Aggressivität gesellschaftspolitischen Dingen gegenüber erkennen lässt, ist das ebenfalls sehr wichtig festzuhalten. Es wird zudem häufig Streit gesucht mit den Familienangehörigen. Und wir haben zum Beispiel auch Kinder und Jugendliche erlebt, die Puppen und Teddybären gegen Militärfiguren ausgewechselt haben.

Wie kann man auf so etwas als Familienangehöriger reagieren?

Das Wichtigste ist, nicht gleich Entsetzen zu zeigen oder Aggressivität auszustrahlen, sondern genauer hinzuhören und hineinzufragen. Es geht eher darum, eine zurückgehaltene Haltung an den Tag zu legen, aber zeitgleich auch den eigenen Standpunkt darzustellen, dass man das nicht versteht und damit auch nicht einverstanden ist.

Wenn jemand zu Exit kommt, der aus der rechtsextremen Szene aussteigen möchte – wie wird bei Ihnen konkret geholfen?

Bernd Wagner
Bernd Wagner beobachtet die rechtsextreme Szene seit Jahrzehnten (Archivbild). Bildrechte: Kai Wiedenhöfer

Die Personen stellen zunächst in einer Art Selbstreflexion dar, in welcher Gruppe oder welchem Netzwerk sie aktiv sind und warum. Dann erörtern wir gemeinsam, was sie aus diesem System wieder herausführen kann. Es muss festgemacht werden, wie sie sich ein Vorher und ein Nachher vorstellen: Was wollen sie in zwei oder fünf Jahren überhaupt für ein Mensch sein.

Und alles andere leitet sich dann davon ab – beispielsweise: Wie weit sind sie durch Rache und Häme durch die Szene gefährdet, welche Schrittfolgen muss man gehen, wie weit muss man sich aus dem Lebensraum entfernen, all solche Fragen.

Hilfe für ausstiegswillige Rechtsextremisten – unabhängige Träger

Exit ist das bekannteste unabhängige Hilfsangebot für Rechtsextremisten in Deutschland. Es ist Ansprechpartner für Aussteiger aus dem ganzen Bundesgebiet. Ziel ist es, gemeinsam Perspektiven außerhalb der rechtsextremen Szene zu entwickeln. Es geht dabei zum Beispiel um Sicherheits- und soziale Fragen. Eine finanzielle Absicherung bietet das Programm nicht, auch keinen Schutz vor strafrechtlicher Verfolgung. Die Verantwortlichen geben an, dass seit dem Jahr 2000 rund 740 Männer und Frauen mithilfe von Exit den Ausstieg geschafft haben.

Hilfe für ausstiegswillige Rechtsextremisten – staatlich

In Sachsen-Anhalt gibt es seit 2014 die Extremismus-Ausstiegshilfe Extra (Extremismus-Ausstieg). Das Angebot soll es ausstiegswilligen Rechtsextremisten ermöglichen, die Szene sicher und nachhaltig zu verlassen. Die Ausstiegshilfe ist beim Verfassungsschutz angesiedelt, was von Beginn an für Unmut sorgt. Der Verein Miteinander, der sich gegen Rechtsextremismus einsetzt, kritisierte bereits 2014 die Umsetzung des Programms. Der Erstkontakt für Ausstiegswillige sollte dem Verein zufolge bei einer unabhängigen Stelle außerhalb von staatlichen Strukturen angesiedelt sein, damit die Hürden möglichst niedrig sind.

Das Innenministerium gibt an, dass die Mitarbeiter von Extra keine Informationen für den Nachrichtendienst erheben und auch keine Polizei-Aufgaben wahrnehmen. Man arbeite streng vertraulich.

Das bietet Extra laut Innenministerium:

  • Qualifizierte, vertrauliche Beratung am Telefon
  • Persönliche Beratung und Begleitung im Ausstiegsprozess
  • Vorurteilsfreie Gespräche über Probleme, Sorgen, Ängste und Wünsche
  • Erstellung individueller Ausstiegsplanung
  • Hilfe in Bedrohungssituationen
  • Unterstützung bei der Arbeits-​ oder Ausbildungssuche
  • Vermittlung von Hilfen/Therapien bei Alkohol-​, Drogen-​ und finanziellen Problemen
  • Hilfe bei Behörden
  • Unterstützung bei Covern oder Entfernen von Tätowierungen
  • Begleitung bei Gesprächen mit Eltern, Lehrern, Arbeitgebern usw.
  • Unterstützung bei der Wohnungssuche


Derzeit ist hauptsächlich ein Mitarbeiter des Innenministeriums in Vollzeit für Extra tätig. Er wird dem Ministerium zufolge von einem Jugendberater der Polizei unterstützt, der bedarfsabhängig arbeitet. Ansonsten übernimmt das Innenministerium noch "sonstige konzeptionelle, verwaltungsinterne und öffentlichkeitswirksame Aufgaben von Extra".

Auch in anderen Bundesländern soll der Verfassungsschutz ausstiegsbereiten Rechtsextremisten helfen, zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen und Thüringen. Außerdem kann man sich an das Bundesamt für Verfassungsschutz wenden.

Welche Motive gibt es für den Ausstieg?

Das eine ist, dass die Personen nicht mehr von der Ideologie überzeugt sind. Es gibt Leute, die sehr kopflastig in die Szene hineingekommen sind und sich sehr intensiv mit den ideologischen Konstruktionen der Szene beschäftigt haben. Die halten das dann aus dem intellektuellen Gestus heraus für unmenschlich und nicht mehr tragfähig.

Andere merken, dass sie in diesem Milieu als Menschen versinken. Dass sie unfrei werden und in einen negativen Sumpf hineingezogen werden von Gewalt, Hass, Aggression. Die beginnen dann irgendwann unter diesen Verhältnissen zu leiden. Die Nettigkeit der Kameradschaft ist dann auch Schall und Rauch. Da gibt es richtig bösartige Angelegenheiten, die sie erleben und davon wollen sie weg.

Und wiederum andere stellen fest, dass sie beruflich nicht vorankommen und bekommen dadurch mentale Probleme.

Sollte man dem rechten Umfeld, in dem man sich bewegt, sagen, dass man aussteigen will?

Das kommt ein bisschen auf die Situation an und muss man besprechen. Da gibt es taktische Varianten, die man überlegen kann. Es kann nutzvoll sein, das demonstrativ zu tun. Wir haben ein Beispiel eines führenden Rechtsextremisten, der auch eine große Homepage betrieben und diese dann demonstrativ abgeschaltet hat. Es kann natürlich auch etwas gleitender sein, dass man sagt: Outen Sie sich nicht gleich, entfernen Sie sich langsam. Irgendwann gibt es den Cut aber doch, selbst wenn man das aus Schutzgründen taktisch verzögert. Das ist unabdingbar, irgendwann kommt der Tag der Wahrheit.

Woran merken Sie, dass jemand wirklich aussteigen möchte? Kommt es auch zu Beratungsabbrüchen?

Wenn tatsächlich erkennbar wird, – und da braucht man ein gewisses Erfahrungswissen – dass die Ideologie verworfen ist. Und dass man alle Beziehungen zu extremistischen Gruppen und Personen konsequent kappt, selbst wenn es Verwandte sind. Wenn das alles eher halbherzig aussieht, dann muss man kritisch gucken. Und in der Tat: Es gibt auch Abbrüche und neue Radikalisierung, das haben wir schon erlebt.

Bei Exit gab es bisher mehr als 740 erfolgreiche Ausstiegshilfen. Insgesamt 16 Personen haben den Sprung nicht geschafft oder sich erneut in rechtsextreme oder in andere Richtungen radikalisiert. Wir haben einen Fall erlebt, wo einer Islamist, Salafist und Dschihad-Kämpfer geworden ist. In einem anderen Fall ist jemand ein extremistischer Akteur geworden auf der Ebene Breivik. Oder wir haben auch Personen erlebt, die im Drogenhandel gelandet sind.

Unterscheidet sich die rechtsextreme Szene in Ostdeutschland von der westdeutschen?

Der aggressive Gestus ist ausgeprägter. Das merkt man auch an der Anzahl der Straftaten. Wenn man sich über Jahrzehnte die Straftaten ansieht, ist da im Osten eine gewisse Besonderheit festzustellen. Es gibt natürlich Bereiche in Westdeutschland, die ähnlich gelagert sind, aber wenn man mal von ganz oben guckt, so pilothaft, dann ist das auffällig.

Bei "Exit" sind zum Teil auch Aussteiger selbst in der Beratung tätig. Wie sind Ihre Erfahrungen damit?

Wir haben über die Jahre beste Erfahrungen damit gemacht. Weil diese Menschen wirklich einen inneren Reflexionsprozess durchgemacht haben und vehement gegen ihre alten Kameradschaftsleute agitieren. Außerdem haben sie durch ihre Erfahrungen Beratungsinhalte anzubieten, die man als Externer nicht immer so hat. Das sind sehr wertvolle Beiträge. So ein Lebensweg ist einfach authentisch für diejenigen, die nachfolgen wollen.

Geldsorgen: Steht Exit vor dem Aus?

Die Aussteigerhilfe Exit wird durch Spenden finanziert und hat in den vergangenen Jahren auch Gelder vom Bund bekommen – im Rahmen des Programms "Demokratie leben". Im Jahr 2018 gab es beispielsweise 225.000 Euro.

Ob die Initiative auch nach 2019 mit Geld rechnen kann, ist derzeit unklar. Denn das SPD-geführte Bundesfamilienministerium will seine Förderstruktur verändern. Die Ungewissheit hat schon jetzt Folgen: Wagner zufolge musste Exit bereits Betreuungsverhältnisse zu Ausstiegsbereiten reduzieren. Man suche nach Lösungen, um notfalls unabhängig von staatlichen Geldern weiterzumachen. Aber: "Nur mit Luft und Liebe geht das nicht."

Was sind die größten Schwierigkeiten, mit denen Aussteiger zu kämpfen haben?

Die entscheidende Schwierigkeit ist, sich sicher von der alten Formation zu trennen. Rechtsextremisten werten den Abgang als Verrat und haben einen großen Hass auf Verräter. Jeder, der ihnen nicht mehr gehört, stört sie. Auch wenn Kinder aus dem System entfernt werden, gibt es großen Ärger. Die spüren den Leuten hinterher und versuchen, die der Häme zu unterwerfen und zu bestrafen. Je höher und je bekannter die Leute in der Szene waren, desto schlimmer ist das.

Die zweite Herausforderung ist es, in der demokratischen Welt aufgenommen zu werden – im Alltagsleben nicht abgestoßen zu werden. Aussagen wie "Du warst ja mal ein Nazi, wir wollen gar nichts mit dir zu tun haben" halte ich von einem demokratischen Ethos her für unmöglich. So eine "verweigerte Willkommenskultur" an den Tag zu legen, das ist das zweite große Problem und da versuchen wir zu vermitteln.

Die, die etwas gegen Rechtsextremismus haben, sollten sich auch trauen, mit solchen Leuten zu reden. Wo Offenheit im Gespräch war, berichten Aussteiger immer wieder, dass sie Mut bekommen haben, anders zu denken.

Herr Wagner, vielen Dank für das Interview.

Zur Person Kriminalist Bernd Wagner hat nach eigenen Angaben bereits im Zentralen Kriminalamt der DDR Rechtsextremisten verhört. Er kam zu der Erkenntnis, dass eine Gefängnisstrafe allein nichts an den Einstellungen einer Person verändert. Seine Idee: Über Probleme sprechen und nach Möglichkeiten suchen, aus der Szene herauszukommen. Damals ein noch ungewöhnlicher Ansatz.

1990 fing er an, die ersten Ausstiege auf den Weg zu bringen. Eine der ersten Personen, der Wagner half, war Ex-Naziführer Ingo Hasselbach. Mit ihm gründete Wagner im Jahr 2000 die Ausstiegshilfe Exit. Für seine Arbeit erhielt Wagner 2014 das Verdienstkreuz am Bande.

Kontakt zu Exit Deutschland Tel: 030/23489328
Mobil: 0176/41646019
Postfach: 76 01 12, 10382 Berlin
Mail: info[at]exit-deutschland.de

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 28. August 2019 | 10:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. August 2019, 12:00 Uhr

3 Kommentare

Ichich vor 3 Wochen

Wenn man sich wirklichen Experten aus Verfassungsschutz und Polizei unterhält, erklären diese, daß die "Aussteiger" von alleine aussteigen ... meist im ab einem Alter von 25 Jahren.
Apropos, "Sektierertum" ... das dürfte wohl in der linksextremen Szene eine größere Rolle spielen.

Simone vor 3 Wochen

Ja mit Verrätern haben es diese Rechtsextremisten nicht so. Diese Phrase hört man ja auch neuerdings im Bundestags öfters. Wie nennt da die AfD die übrigen Parlamentarier gerne? Volksverräter.

Allen die aus dieser braunen Szene aussteigen wollen kann man nur viel Glück und Mut wünschen.

Mediator vor 3 Wochen

Rechtsextremismus hat eben auch ein bischen was sektenhaftes. Rein kommt man in solche Strukturen sehr leicht und selbstverständlich bieten einem solche strukturen auch irgend etwas Positives um einen anzufüttern. Je mehr man aber im System und in Straftaten verstrickt ist, desto schwieriger wird es auszusteigen. Dass man sich aus einem System verabschieden will, dass in einem strikten Freund-Feind Denken verhaftet ist macht es nicht leichter, insbesondere wenn gegen Feinde alle Mittel erlaubt sind. (Stichwort: Scheiß auf Anstand)

Also am besten Abstand halten zu solchen Typen und denjenigen die zu solchen Organisationen ideologische Anknüpfungspunkte bieten. Die Übergänge zwischen Politik und Rechtsextremismus sind ja inzwischen fließend geworden.

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