Polizei im Gespräch Erste Polizeisprechstunde in Magdeburg: Wut und Sorgen

Leonard Schubert
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Die Polizei in Magdeburg hat zum ersten Mal zu einer Bürgersprechstunde eingeladen. Nur wenige Magdeburger nutzen das Angebot, sie kamen mit Wut und Sorgen.

An einem Tisch mit Blumen, Keksen und Getränken schildern zwei Magdeburgerinnen dem Polzeidirektor Herrn Weigelt und einem Protokollanten ihre Sorgen.
Bürgerinnen im Gespräch mit dem Magdeburger Polizeidirektor Marco Weigelt. Bildrechte: MDR/Leonard Schubert

Der Ärger einer Magdeburgerin bricht schon auf dem Flur der Polizeiwache aus ihr heraus. Sie ist die erste Teilnehmerin der ersten Bürgersprechstunde bei Polizeidirektor Marco Weigelt. Und es gibt Redebedarf, eindeutig.

Also Herr Weigelt, ich wäre froh, wenn wir mehr Polizei hätten, und wenn die mehr Kompetenz kriegen, und nicht immer nur "Du-Du-Du" machen dürften. Das fehlt, Herr Weigelt, das fehlt!

Magdeburgerin in der Polizeisprechstunde

Die Frau engagiert sich im Bürgerverein Salbke, mit dem sie die Bürgerbibliothek "Salbker Lesezeichen" aufgebaut hat. Die einst preisgekrönte Bibliothek sei von Vandalismus zerstört worden, alles werde vermüllt und die Polizei könne nicht richtig durchgreifen, berichtet die Magdeburgerin. Die Polizeisprechstunde nimmt sie als Gelegenheit wahr, ihre Anliegen endlich persönlich vortragen zu können und gehört zu werden.

Ein Seismograph der Magdeburger Seele

Eine an einem Tisch sitzende Magdeburgerin erklärt, die Arme etwas entrüstet ausgebreitet, ihre Sorgen.
Eine Magdeburgerin trägt dem Magdeburger Polizeidirektor energisch ihr Anliegen vor. Bildrechte: MDR/Leonard Schubert

Marco Weigelt, der Magdeburger Polizeidirektor, begrüßt die Frau freundlich. Danach stellt er klar: "Das ist Ihre Sicht auf die Dinge. Wir haben natürlich die Möglichkeit, noch einzuschreiten, aber ich kann das völlig nachvollziehen, dass Sie das aus Ihrem Blickwinkel so wahrnehmen. Aber um genau darüber zu sprechen sind wir ja hier, und ich freue mich sehr, dass Sie der Einladung gefolgt sind."

In einem Konferenzraum folgt ein langes und intensives Gespräch, bei dem Polizeidirektor Weigelt zunächst vor allem eins macht: Zuhören.
Sein Ziel ist, dass beide Parteien gewinnen. Die Bürgerinnen und Bürger sollen mit ihren Anliegen in Ruhe und im Original gehört werden und ihnen soll nach Möglichkeit geholfen werden. Aber auch für die Polizei seien die Informationen und der Austausch sehr wichtig. "Wie ein Seismograph, der ein bisschen anzeigt: Wie tickt denn gerade die Magdeburger Seele, wo brennt es denn besonders?", sagt Weigelt.

Das Thema Rassismus weit oben auf der Agenda

Angesprochen darauf, dass die Menschen, die eher Probleme mit der Polizei hätten und sich durch die Polizei drangsaliert fühlen, die Sprechstunde nicht wahrnehmen, nickt Weigelt. "Ja, und das finde ich sehr schade!" sagt er. "Ich kann nur jeden ermutigen und herzlich einladen, zu kommen. Wenn jemand zum Beispiel das Gefühl hat, ich werde wegen meiner Hautfarbe immer wieder kontrolliert, dann ist das für uns sehr wichtiges Feedback und wichtig auch, ins Gespräch zu kommen". Das Thema Rassismus, auch Rassismus innerhalb der Polizei, stehe überall sehr weit oben auf der Agenda, so Weigelt.

Der Magdeburger Polizeidirektor Marco Weigelt in Uniform spricht konzentriert in ein MDR Mikrofon.
Der Polizeidirektor Marco Weigelt empfand die erste Polizeisprechstunde als wichtigen Seismographen. Bildrechte: MDR/Leonard Schubert

Da gilt es keinerlei Lücke zu lassen. Das fängt bei dem flapsigen Kommentar auf dem Flur an und hört bei tatsächlich strafbarem Verhalten auf. Und da dazwischen zu gehen, das ist unsere Aufgabe.

Weigelt hält die Arbeit und die Selbstkontrolle der Polizei in Magdeburg für sehr gereift und gut funktionierend. Eine unabhängige Kontrollinstanz, die zusätzlich zur zentralen Beschwerdestelle agiert oder an anderer Stelle angegliedert ist, ist seiner Ansicht nach derzeit nicht nötig. Es fehle eher an Personal, um genug Kräfte auch für die kleineren Anliegen zu haben. "Müll ist aus der Sicherheitsperspektive im Vergleich zu z.B. zu Totschlag kein wichtiges Thema für die Polizei." Um diese Aufgaben noch intensiver wahrzunehmen, wäre mehr Personal sehr hilfreich. "Ich denke, ich verrate kein Geheimnis, wenn ich sage: Die Polizei ist unterbesetzt., auch wenn wir die Talsohle durchschritten haben" sagt Weigelt.

Keine falschen Erwartungen

Bei dem Gespräch mit der Frau aus Salbke sichert Marco Weigelt zu, dass künftig die Polizeipräsenz in Salbke nach Möglichkeit verstärkt wird, und es Gespräche mit dem Ordnungsamt und der Stadt geben soll, um sich den Problemen zu widmen. Er bittet aber auch um Verständnis, dass das Problem nicht in kürzester Zeit gelöst werden könne.

Der Magdeburger Polizeidriektor Marco weigelt sitzt mit gefalteten Händen an einem Tisch und spricht. Im Hintergrund ein Schild der Polizei Sachsen-Anhalt.
Polizeidirektor Marco Weigelt erklärt, wie er die Situation sieht. Bildrechte: MDR/Leonard Schubert

Wir als Polizei sind in erster Linie für die Sicherheit verantwortlich und sind nur eine Stellschraube von vielen. Schnelle Lösungen, die morgen schon funktionieren, kann ich Ihnen hier nicht versprechen. Wenn Sie das erwarten, dann muss ich Sie enttäuschen.

Marco Weigelt, Polizeidirektor von Magdeburg

Deshalb appliert Weigelt an alle, die die Sprechstunde nutzen, sich selbst in friedlichen Formen für ein besseres Zusammenleben zu engagieren und den Dialog zu suchen.

Ärger im Wohnviertel, besorgt über Vorgänge, eine Masterarbeit

Die Anliegen der Magdeburger, die ihren Weg zur Polizeisprechstunde gefunden haben, sind vielfältig. Ein Ehepaar aus der Neuen Neustadt berichtet von Ruhestörung, Vandalismus und steigender Kleinkriminalität in ihrer Wohngegend. Mieter würden wegziehen, Existenzen durch die Situation bedroht, die Nerven am Ende. Zivile Ansätze, Integrationsprojekte oder freundliche Ermahnungen hätten bisher nichts erreicht, und auch die Polizei habe die Probleme bisher nur unzureichend eindämmen können, erzählt das Ehepaar.

Auch Ihnen verspricht Weigelt verstärkte Polizeipräsenz. Er will zudem das Gespräch mit dem Ordnungsamt suchen, mit dem laut Angaben des Ehepaars die Kommunikation bisweilen nicht funktionierte. "Wir erkennen Ihre Sorgen, wir erkennen die Probleme, und auch unsere Zahlen belegen, dass es zu mehr Straftaten kommt. Die Lage entwickelt sich teilweise kritisch, das haben wir auf dem Schirm", sagt Weigelt.

Eine Studentin möchte Ihre Masterarbeit über den Zusammenhang von Kriminalität und Stadtplanung schreiben und freut sich über den Austausch.
Ein älterer Herr äußert seine Sorge über zunehmende Rauschgiftdelikte und Unsicherheit in der Stadt, möchte sich aber auch für die Arbeit der Polizei bedanken.

Eine junge Frau steht Poliezdirektor Marco Weigelt vor einem Fenster mit etwas Abstand gegenüber. Sie hält einen Blumenstrauß in den Händen.
Die Masterstudentin Tina Kohlrusch möchte in ihrer Masterarbeit den Zusammenhang von Stadtplanung und Sicherheit am Hasselbachplatz erforschen. Bildrechte: MDR/Leonard Schubert

Weigelt hört allen konzentriert zu, fragt nach, nimmt ernst, sucht nach Lösungen. Wo es sein muss, wird er aber auch deutlich. "Rassismus oder andere erkennbar demokratiefeindliche Äußerungen dulde ich hier nicht. Da werde ich gegen meine Natur sehr kühl und abweisend, die Leute verlassen mit hängenden Ohren diesen Raum!" sagt er. Am Ende gibt es noch eine Blume "Weil wir uns freuen, dass sie das Gespräch suchen!", sagt Weigelt.

Fazit der Befragten: Ein guter erster Schritt

Das Fazit der ersten Polizeisprechstunde fällt bei den meisten Beteiligten positiv aus. Auch, wenn sich keine Sofortlösungen finden ließen und Marco Weigelt durchaus auch widerspricht oder Hoffnungen enttäuschen muss: Kommunikation und Austausch seien ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, sagt eine Magdeburgerin. Das sieht der Polizeidirektor ähnlich, der die Polizeisprechstunde als festes Instrument in Magdeburg etablieren möchte. Inspirieren lassen hat er sich übrigens von der Bürgersprechstunde des Bürgermeisters. Die nächste Polizeisprechstunde soll im September stattfinden.

Leonard Schubert
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Leonard Schubert arbeitet seit Februar 2020 in der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT. Seine Interessensschwerpunkte sind Politik, Umwelt und Gesellschaft. Erste journalistische Erfahrungen sammelte er beim Charles Coleman Verlag, für das Outdoormagazin Walden und beim ZDF.

Nebenher arbeitet er an seinem Masterabschluss in Friedens- und Konfliktforschung. Über den Umweg Leipzig kam der gebürtige Kölner 2016 nach Magdeburg, wo er besonders gern im Stadtpark unterwegs ist. In seiner Freizeit steht er mit großer Leidenschaft auf den Poetryslambühnen Sachsen-Anhalts oder sitzt mit einem Eisbärbier am Lagerfeuer, irgendwo in Skandinavien.

Quelle: MDR/ls

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | MDR SACHSEN-ANHALT | 02. Juli 2020 | 09:30 Uhr

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