Enzym-Forschung Schweißgeruch: Der Schuldige ist gefasst

Die Hundstage sind da. Und pünktlich zur heißesten Zeit des Jahres berichtet die Universität York: Unangenehmer Achselgeruch könnte bald ein Ende haben – also ehrlich jetzt!

Ein  Mann mit Bart riecht an seinen Achseln. Arm ist hochgestreckt, Nase gerümpft. Trägt ein weißes Tank-Top und eine Halskette sowie längere Haare.
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Bei den meisten Dingen können Sie sich sicher sein: Alles hat seinen Zweck. Nur manchmal fällt es eben schwer, das zu glauben. Etwa an schwülheißen Sommernachmittagen, an denen weder die Klimaanalge in der Straßenbahn ihren Dienst verrichtet, noch die Fenster sich für ein erlösendes bisschen Frischluft kippen lassen. Dieser stechende Geruch transpirierender Mitmenschen! Vielleicht ist es auch der eigene. Ganz besonders im oberen Körperdrittel, so auf Achselhöhe (und wenn die rasiert sind nicht nur da). Wozu soll das bitte gut sein?

Zäumen wir das Pferd von hinten auf: Der letzte Schritt in der Evolution zum naserümpfenden Schweißverschmäher war nicht das Schwitzen selbst, sondern die damit verbundene Idee von Unreinheit. Und somit die gesellschaftliche Prägung, dass gerade das markante Achselschwitzen ein mehr oder weniger ekelhaftes Unding ist. Dem dürfte vorangegangen sein, wie unsere Vorfahren Schweißgeruch empfunden haben – und ob bestimmte Gerüche ein Warnsignal waren.

Deo? Auch gerne mehrmals täglich

Dem Marktforschungsunternehmen GfK zufolge ist Körpergeruch heute das Schamgefühl Nummer eins. Vor allem bei Frauen, nicht ganz so sehr bei Männern, aber auch dort an erster Stelle. Eine Studie aus Wien hat im vergangenen Jahr zudem ergeben, dass ein Viertel der Befragten durch unangenehme Gerüche in öffentlichen Verkehrsmitteln genervt ist (und dann lassen sich bei Fahrzeugen mit Klimaanlage die Fenster nicht mehr öffnen – ach herrje). Möglicherweise nimmt die Sorge zu stinken auch weiter zu: Der Trend geht vom täglichen zum mehrmaligen Deo-Griff am Tag.

Dabei war's doch alles gar nicht so gemeint, von Mutter Natur. Forschende der englischen Universität York gehen davon aus, dass Körpergeruch älter ist als der Homo sapiens und schon bei unseren Vorfahren, den Primaten, vorhanden war. Die Gerüche standen damals im Dienst gesellschaftlicher Kommunikation. Was genau kommuniziert wurde, verraten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht, es dürfte aber komplexer sein als "Komm mir nicht zu nahe, sonst zeig ich dir meine Achselhöhlen". Wahrscheinlicher ist, dass der Geruch des Angstschweißes als Warnsignal für eine Gruppe galt.

Körpergeruch: Älter als die Menschheit

Was das Forschungsteam aber entdeckt hat, ist der eigentliche Ursprung des stechenden Achselwindes. Oder BO-Geruch, wie er aus dem englischen Wort für Köpergeruch "body odour" abgeleitet heißt. Bereits bekannt war, dass nicht einfach unser Schweiß stinkt, sondern Bakterien für den Geruch verantwortlich sind. In unseren Achselhöhlen wohnt eine ganze Gesellschaft von denen, was völlig normal ist und Teil des Mikrobioms unserer Haut – also aller unserer Mikroorganismen, die da so über uns kreuchen und fleuchen.

Was ist eigentlich ein Enzym?

Enzyme sind körpereigene Stoffe, die zumeist aus Eiweiß bestehen. Sie können chemische Reaktionen beschleunigen und spielen eine zentrale Rolle beim Stoffwechsel. Sie sind aber auch an der Reizaufnahme und -weitergabe beteiligt und haben eine Reihe anderer Funktionen im Organismus. Enzyme werden auch bei traditioneller Käseherstellung und sogar in Geschirrspülmitteln verwendet.

Nur wenige der Achselbakterien sind für den BO-Geruch verantwortlich, das hatten die Forschenden bereits vorab gezeigt. Jetzt haben sie auch das dazugehörige Enzym gefunden, das die Bakterien produzieren und welches für den speziellen Geruch sorgt. Es heißt Cystein-Thiol-Lyase, oder kurz CT-Lyase. "Durch die Entschlüsselung der Struktur dieses BO-Enzyms konnten wir den molekularen Schritt innerhalb bestimmter Bakterien bestimmen, aus denen die Geruchsmoleküle entstehen", sagt Michelle Rudden von der Universität York. "Das ist ein wichtiger Fortschritt im Verständnis der Funktionsweise von Körpergeruch und ermöglicht die Entwicklung gezielter Hemmstoffe, die die BO-Produktion an der Quelle stoppen, ohne das Mikrobiom der Achselhöhle zu stören."

Kampf den Enzymen!

Und damit ist klar, wohin die Reise geht: Mit Produkten wie Deos soll es künftig möglich sein, den BO-Geruch auszuknipsen, ohne auf all die natürlichen Bakterien draufzuhauen. Noch klarer wird das, wenn man bedenkt, dass das Team für die Studie mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern von Unilever zusammengearbeitet hat. Also jenem Multikonzern, der nicht nur Eiskrem und Wattestäbchen, sondern auch allerhand Deodorant verkauft.

Achselhöhle einer Frau mit Top (Bildausschnitt ohne Gesicht) mit einem Wunderbaum, der nahe der Achsel hängt. Wunderbaum = flache Baumform, das für Raumduft häufig am Rückspiegel in Autos zu finden ist.
Mit Geruch gegen Geruch – so funktionieren Deos heute schon. Zumindest teilweise. Bildrechte: imago/Steinach

Bei Deos gibt es zurzeit verschiedene Wirkweisen, die meist Hand in Hand arbeiten: Geruchsüberdeckung, antibakterielle Wirkung oder als Antitranspirant. Letzteres beeinflusst die Aktivität der Schweißdrüsen. Irgendwie keine so gute Idee, wenn man sich überlegt, dass normales Schwitzen – z.B. bei Hitze und Anstrengung – eben völlig normal ist, den Körper schützt und für nonverbale Kommunikation zuständig ist – auch beim Sex oder bei der Angleichung des Zyklus von zusammenlebenen Frauen. Noch dazu werden die gesundheitlichen Bedenken bei der Verwendung von Aluminium in Antirtranspiranten diskutiert. Außerdem sorgen solche Deos gelegentlich für weiß-gelbe Flecken auf Kleidungsstücken. Dafür sind die Achselmikroben nämlich nicht verantwortlich.

Wer die Chemiekeule also meiden und – nach unserem gesamtgesellschaftlichen Verständnis – nicht stinken möchte, kann sich dem Hausmittelchen Natron bedienen. Natron neutralisiert Gerüche, entsprechende Deos können selbst hergestellt oder z.B. im Bioladen gekauft werden. Oder eben einfach gesellschaftliches Umdenken anstoßen: "Mhmm, hier riecht es aber fein nach Mensch. Wie schön, dass die Mikroben meiner Mitmenschen heute so gut bei Laune sind."

Link zur Studie

Die Studie The molecular basis of thioalcohol production in human body odour erschien am 27. Juli 2020 im Fachjournal Scientific Reports.
DOI: 10.1038/s41598-020-68860-z

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1 Kommentar

part vor 7 Tagen

Die Evolution hat die Achselbehaarung und die damit verbunden Verbreitung von Pheromonen eigentlich eingeführt um die genetische Vielfalt möglichst weit zu streuen. Ähnlich gestaltet sich dies mit der Schambehaarung, die von einer Minderheit permanent abgelehnt wird. Doch was für die Einen abstoßend wirkt, kann für die Anderen anziehend wirken. So kann zusammen finden, was genetisch unterschiedlich zusammen passt. Napoleon wusste was er an seiner Geliebten hatte. Die Pille als Medikament unterdrückt diesen Mechanismus aber nachhaltig, Rasuren und übertünchende Deos, die den eigenen Charakter nicht unterstreichen wirken sich daher negativ auf die Partnerwahl aus. Eine gründliche Körperpflege am Morgen und Abend oder entsprechende Ernährung kann daher hilfreicher sein als mancher Sprühstoß aus dem Chemilabor.