Archäologie Neues aus der Bronzezeit: Hochzeitstourismus und Haushalte wie in Rom

In unseren Geschichtsbüchern spielen Frauen eine eher untergeordnete Rolle. Abgesehen von Maria, Jeanne d’Arc, Hildegard von Bingen oder Katharina Luther hatten sie vor allem im Hintergrund ihren Dienst zu leisten: Kochen, Waschen, Kinder großziehen - oder in besseren Kreisen: gut aussehen, Musizieren, Sticken, Hofhalten. Neue Funde aus der Bronzezeit, die von Forschern aus Jena und München ausgewertet wurden, werfen jedoch ein völlig neues Licht auf die Rolle der Frau vor 4.000 Jahren.

Modelle eines Germanenpaares aus der Bronzezeit 3 min
Bildrechte: imago/United Archives

Untersuchte Funde bei Augsburg belegen die Existenz mobiler und kluger Frauen

MDR AKTUELL Mi 16.10.2019 01:24Uhr 02:52 min

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Im Lechtal nahe Augsburg haben Wissenschaftler die Knochen von Bewohnern einer Siedlung aus der Bronzezeit geborgen und mit modernsten Untersuchungsmethoden analysiert. Dabei machten sie eine erstaunliche Entdeckung: Etliche der dort bestatteten Frauen kommen gar nicht aus der Region. Einige kommen aus Mitteldeutschland, andere aus der Gegend um Prag. Das lässt den Schluss zu, dass Frauen in dieser Zeit offenbar sehr mobil waren. Der Archäologe Phillip Stockhammer von der Ludwig Maximilians-Universität München erklärt, dass in einem Zeitraum von 700 Jahren die weiblichen Bewohner offenbar zum Heiraten umzogen:

Wir können sehen, dass alle Mütter von außerhalb kommen und alle Mädchen ab dem Erwachsenenalter das Lechtal verlassen haben.

Prof. Philipp Stockhammer, LMU
Hochrangige und nicht-lokale Frauenbestattung aus Kleinaitingen "Gewerbegebiet Nord"
Diese Frau stammt nicht aus dem Lechtal. Kopfschmuck und Bestattungsritus sind regional, doch die Isotopenbestimmung zeigt: Sie ist zugereist. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Stockhammer spricht von einem weitreichenden Netzwerk, innerhalb dessen die Frauen in verschiedene, auch weiter entfernte Gehöfte einheirateten. Woher sie ursprünglich kamen, darüber gibt die Analyse der Backenzähne Auskunft. Anhand des Anteils an Strontiumisotopen, die dort eingelagert sind, können die Forscher Rückschlüsse ziehen, wie der Boden beschaffen war, auf dem ihre Träger lebten.

Wir sehen bei einem Drittel der Frauen, dass sie eine Bodensignatur in den Zähnen haben, die am ehesten zum heutigen Raum Halle/Leipzig oder in die Gegend um Prag passt.

Philipp Stockhammer, Ludwig-Maximilians-Universität München

Die Wissenschaftler können aus den Befunden auch folgern, dass die Frauen etwa mit dem 17. Lebensjahr ihre Heimatregion verlassen haben und damit auch ihr umfangreiches Wissen mitnahmen.

Sie müssen damals mit 17 Jahren schon wahnsinnig viel Wissen angesammelt haben. Wir sehen auch, dass in der Zeit gerade die Bronzemetallurgie in Mitteldeutschland einfach viel, viel weiter entwickelt war als in Süddeutschland.

Philipp Stockhammer

Die Fähigkeit, Bronze zu gießen, gab dem Zeitraum von 2.200 bis 800 vor Christus auch seinen Namen. Die neue Technologie führte zu einer frühen Globalisierung, denn die Rohstoffe dafür mussten durch Europa transportiert werden. Überregionale Netzwerke wurden gepflegt, auch durch die Heiraten in entferntere Gegenden.

Männer bleiben auf dem Hof, Frauen ziehen in die Welt

Verzierter Dolch einer männlichen Bestattung aus Kleinaitingen "Gewerbegebiet Nord"
Verzierter Dolch als Grabbeigabe für einen Mann. Sein Bruder wurde nebenan bestattet, ebenfalls mit solch einem Dolch. Bildrechte: K. Massy

Während die Männer den Hof bewirtschafteten, wurden in rund 500 Kilometern Entfernung quasi ihre künftigen Bräute ausgebildet und dann in einem offenbar sehr guten Netzwerk herumgereicht. Sie waren Boten der Moderne, sie bereicherten nicht nur den Genpool der sesshaften Männer, sondern brachten auch Wissen mit. Dass dies zu einer hohen gesellschaftlichen Anerkennung führte, zeigen reiche Grabbeigaben, erklärt Johannes Krause, Direktor und Wissenschaftliches Mitglied am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte Jena:

Wir können aus unseren Daten nicht unbedingt sagen, ob es ein Matriarchat oder Patriarchat gab. Wir können auf alle Fälle sagen, dass der Hof weitervererbt wurde in der männlichen Linie. Die Mütter der erbenden Söhne wurden reich bestattet. Wir fanden aber auf jedem Bauernhof auch arme Personen.

Prof. Johannes Krause, MPG
Original (links) und rekonstruierte (rechts) verzierte Kupferscheibe aus einem hochrangingen Frauengrab aus Kleinaitingen Gewerbegebiet Nord
Diese Kupferscheibe (links: original, rechts: rekonstruiert) wurde im Grab einer der reichsten Frauen ihrer Zeit gefunden. Auch sie stammt nicht aus dem Lechtal, sonder aus Mitteldeutschland oder der Region um Prag. Bildrechte: K. Massy

Es gab also bereits in der Bronzezeit Arm und Reich - sogar innerhalb eines Haushaltes. Die Menschen lebten in einer komplexen Sozialstruktur, wie sie aus dem klassischem Griechenland und Rom bekannt ist. So waren zu römischer Zeit auch die Sklaven Teil der Familie, hatten aber einen anderen sozialen Status. Die untersuchten Familien im Lechtal lebten jedoch mehr als 1.500 Jahre früher.

Diese neuen und tiefen Einblicke in das Leben und den Alltag in längst vergangenen Zeiten erlaubt den Forschern eine relativ junge Disziplin: die Archäogenetik - die genetische Untersuchung jahrtausendealter Relikte.

Wir hätten es bis vor kurzem nicht für möglich gehalten, dass wir einmal Heiratsregeln, soziale Struktur und Ungleichheit in der Vorgeschichte untersuchen können.

Johannes Krause, Direktor am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena

Auch wenn für die Siedlung im Lechtal nicht eindeutig zu belegen ist, ob die Männer oder die Frauen den Hut aufhatten, so ist doch zumindest die Rolle der weiblichen Familienmitglieder neu definiert worden. Mehr Forschung auf diesem Gebiet könnte also die Geschichte neu schreiben.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR Aktuell | 16. Oktober 2019 | 03:26 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Oktober 2019, 17:48 Uhr

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