Überleben im Weltall Bevölkern bald Bärtierchen den Mond?

Von Anfang an in der Raumfahrt hinterlassen Menschen Spuren im All: Müllbeutel mit menschlichen Fäkalien auf dem Mond, Pflanzen und nun wahrscheinlich auch kleine Bärtierchen. Werden die Kleinstlebewesen nun zu den ersten Bewohnern des Mondes? Und was schafft es noch, unter diesen lebensfeindlichen Bedingungen zu überleben?

Ein Exemplar der nur wenige Millimeter großen Bärtierchen unter dem Mikroskop.
Bärtierchen in Nahaufnahme Bildrechte: IMAGO

Bärtierchen - auch Tardigraden genannt -  sind weniger als einen Millimeter groß, haben acht Beine und sind wichtige Mitarbeiter der Raumfahrt. Sie qualifizieren sich durch die ihre Fähigkeit, unter extremsten Umständen überleben zu können. Die Superkräfte des kleinen Bärtierchens sind beachtlich. Es kann kochendes Wasser, niedrigste Temperaturen und sogar radioaktive Strahlung überleben.

Kryptobiose nennt man den Zustand, unter dem die Tierchen solche Umstände aushalten können. Die Stoffwechselvorgänge werden extrem reduziert und der Sauerstoffverbrauch sinkt auf einen kaum messbaren Wert. In diesem Zustand können sie länger als ein Jahrzehnt ausharren.

Bärtierchen als Raumfahrer

Im Jahr 2017 hatte Philip Lubin, Kopf des Starlight-Programmes an der Universität Kalifornien in Santa Barbara (UCSB), die Bärtierchen als erste Fluggäste auf einer Expedition in den interstellaren Raum vorgestellt. Er schickte sie auf eine Reise jenseits unseres Sonnensystems. Zu welchem Zwecke? Das erklärt Lubin so: "Wir entwickeln die Fähigkeit zu testen, ob terrestrisches Leben, wie wir es kennen, im interstellaren Raum existieren kann.“ Die Bärtierchen, die ohne Schutz im All waren, konnten später wiederbelebt werden.

Bärtierchen
So sehen die Bärtierchen unter dem Mikroskop aus Bildrechte: IMAGO

Jetzt sind wieder Bärtierchen im All unterwegs. In der Nacht vom 11. April 2019 sollte die israelische Raumsonde auf dem Mond landen. Mit an Bord: Bärtierchen. Diese befanden sich im dehydrierten Zustand in der sogenannten Mondbibliothek der "Arch Mission Foundation", die Wissen und die Spezies der Erde für zukünftige Generationen sichern will. Mitgründer Nova Spiwack erklärt auf der Website Space.com, warum: "Wir wollen mit dem Archiv für unseren Planeten sicherstellen, dass wir unser Erbe schützen - sowohl unser Wissen, als auch unsere Biologie."

Absturz auf den Mond

Die Mondbibliothek ist etwa so groß wie eine DVD-Hülle und enthält neben menschlichen Blutproben und den Bärtierchen tausende Informationen wie das gesamte englische Wikipedia und Geheimnisse der Zaubertricks von David Copperfield. Die Informationen wurden auf hauchdünne Nickelscheiben geprägt. Sekunden vor der geplanten Landung verlor die "Israel Aerospace Industrie" allerdings den Kontakt zur Raumsonde und stürzte auf den Mond - und mit ihr die Bärtierchen.  

Leben sie nun auf dem Mond?

Im besten Fall hat die Mondbibliothek den Aufprall in einem Stück überlebt und liegt nun auf der Mondoberfläche. Im schlechtesten Fall wurde sie zerstört und ihr Inhalt auf der Oberfläche zerstreut. Den Bärtierchen wurde Wasser entzogen und so befanden sie sich im Überlebensmodus und könnten überlebt haben und auch wieder aufgeweckt werden.

Bärtierchen
Aufnahme eines Bärtierchens Bildrechte: imago images / Panthermedia

Spivack geht allerdings nicht davon aus, dass die Bärtierchen nun den Mond besiedeln. Die dehydrierten Bärtierchen müssten zur Erde oder an irgendeinen Ort mit Atmosphäre gebracht werden, um sich wieder rehydrieren sprich wiederbeleben zu können.

Weitere Spuren von Leben im All

Durch den möglichen Bärtierchen-Unfall wurde allerdings nicht zum ersten Mal terrestrisches Genmaterial auf dem Mond hinterlassen. Schon bei der ersten Mondlandung hinterließen die Raumfahrer ihre DNA - im Müllbeutel mit menschlichen Fäkalien.

Aus der Traum von den Mond-Maiskolben

Zuletzt hatte die chinesische Mondsonde "Chang'e 4" am 3. Januar 2019 einen Behälter mit Pflanzensamen, Erde, Wasser und Luft, sowie Fruchtfliegen-Eier und Hefe auf dem Mond hinterlassen: Daraus sollte ein kleiner Kreislauf entstehen. Doch schon am 16. Januar kam die Nachricht: Die Pflanzen sind tot. Sie hatten eine bitterkalte lunare Nacht nicht überstanden. Innerhalb eines Monats sind die Pflanzen aller Wahrscheinlichkeit nach verrottet, doch die chinesische Weltraumbehörde versicherte, dass das zerfalle Material nicht auf die Mondoberfläche austrete.

Blinde Passagiere auf der ISS

Alles, was von unserer Erde kommt, bringt immer auch ein bisschen Leben mit sich. Der Europäischen Raumfahrtbehörde zufolge befanden sich Kleinstlebewesen wie Viren, Bakterien und Pilze auf der ISS, bevor sie von einem Mensch im All überhaupt betreten wurde. Die Mikroben sind wahre Überlebenskünstler.

Ein internationales Forscherteam um die Biologin Aleksandra Checinska Sielaff untersuchte kürzlich, welche lebensfähigen Bakterien- und Pilzgemeinschaften auf den Oberflächen in der ISS zu finden sind. Das Ergebnis: Staphylokokken kamen mit 26 Prozent unter allen gefunden Mikroorganismen am häufigsten vor. Das ist ein Bakterium, das Infektionen verursachen kann. Ob diese "blinden Passagiere" eine Gefahr für die menschlichen Bewohner der ISS sind, muss noch erforscht werden.

Die Internationale Raumstation (ISS) mit dem angedockten europäischen Wissenschaftslabor Columbus (Mitte, unten links) in der Erdumlaufbahn
ISS hat mehr terrestrisches Leben an Bord als man gemeinhin denkt Bildrechte: dpa

Dieses Thema im Programm: MDR Kultur | Radio | 07. März 2017 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. August 2019, 10:31 Uhr