Resignation Syndrome Wenn geflüchtete Kinder komplett aufgeben

Das Flüchtlingslager Moria war für 3.000 Menschen gedacht, um die 20.000 leben dort. Unter den Geflüchteten sind auch mehrere Tausend Kinder. Besonders für sie sind die Lebensumstände in solchen Lagern schwierig. Immer wieder tauchen nun Medienberichte über eine seltene Erkrankung auf, durch die die Kinder aufhören zu essen, zu trinken oder sich zu bewegen: Das Resignation-Syndrome. MDR Wissen erklärt, um was für eine Krankheit es sich dabei handelt.

Zwei Kindergesichter
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Die Kinder spielen nicht mehr, sie hören auf zu sprechen. Sie verweigern Essen und Trinken. Sie liegen nur noch. Sie kümmern sich um nichts mehr, auch nicht um sich selbst. Sie koten und urinieren ein. Andere erhalten sich auch eine gewisse Aktivität. Doch vor allem um Nahrung und Flüssigkeit abzuwehren. Das ist das Resignation-Syndrom oder auch Rückzugs-Syndrom. Ein Krankheitsbild mit bedrohlichem Verlauf erklärt der Leitende Psychologe am Universitätsklinikum Würzburg, Thomas Jans:

Typischerweise ist die Erkrankung so schwer, dass sie stationär behandelt werden muss. Viele Betroffene würden praktisch verhungern.

Thomas Jans, Psychologe

Krankheit besonders häufig bei Kindern

Doch körperlich sind die Kinder eigentlich gesund. Was die Betroffenen gemeinsam haben: Sie sind psychisch oft schon belastet und angegriffen. Etwa durch schwierige familiäre Situationen. Oder auch durch Integrationsprobleme. Besonders häufig ist die Erkrankung bislang bei Kindern von Geflüchteten beobachtet worden, erklärt Jans:

Es sind meistens ganz erhebliche - oft traumatisierende - Belastungen durch Gewalt, Vertreibung, Flucht vorhanden, und entsprechende Traumafolgestörung. Dazu kommt die Belastung durch Entwurzelung, Unsicherheit für die Familie in Hinblick auf die Integration, aufs Bleiberecht.

Thomas Jans

Bereits jugoslawische Flüchtlingskinder litten darunter

Meistens trifft es ältere Kinder und Jugendliche. Jene, die Verantwortung für die Geschwister tragen müssen, die die Not und Ängste der Eltern verstehen, und deren Hilflosigkeit sehen. Dann braucht es nur noch einen Auslöser. In den 1990er-Jahren war das für hunderte jugoslawische Flüchtlingskinder die drohende Abschiebung aus Schweden. Hier wurde das Resignation-Syndrom erstmals beschrieben. Eine Krankheit. Nicht wie viele kritische Stimmen damals meinten, Kinder, die simulieren, um der Abschiebung zu entgehen. Den psychologischen Effekt hinter dem Resignation Syndrom erklärt der Psychologe Jans so:

Wenn sich das Krankheitsbild ausgebildet hat, dann wird es aufrechterhalten, zum einen durch die Entlastung, die der Betroffene spürt - mag man sich gar nicht vorstellen können, bei so einer schweren Erkrankung, dass das eine Entlastung sein kann. Aber durch die Erkrankung wird auch das Ausblenden von Stressoren möglich. Ein Rückzug in die Erkrankung ist gleichsam ein Bewältigungsmechanismus.

Thomas Jans

Normalerweise stationäre Behandlung notwendig

Die Krankheit kann aber auch die Zuwendung der Eltern zurückbringen. Sie kann sogar sinnstiftend sein für die Eltern. Bis zu dem Punkt, an dem Überfürsorge die Krankheit verstärkt. So sehr sich die Kinder auch aus der Welt in sich selbst zurückziehen - kann die Krankheit doch gut behandelt werden, sagt Thomas Jans:

Der Schweregrad des Störungsbilds verlangt typischerweise eine stationäre Behandlung. Und dadurch ist eben eine Entlastung von der aktuellen Stresssituation möglich und die lebenssichernden Maßnahmen, dass der Betroffene ernährt werden kann.

Thomas Jans

Doch das ist nur der erste Schritt. Zur Genesung braucht es ein gut koordiniertes Zusammenspiel verschiedener Therapien, der Eltern und psychosozialer Unterstützung. So die Erfahrungen am Uniklinikum Würzburg, das in der Vergangenheit Patienten behandelt hatte, die überfordernde Konfliktsituationen in Deutschland erlebt hatten. Das Resignation-Syndrom ist also keine Krankheit, die nur bei geflüchteten Kindern auftritt. Vielmehr können die dramatischen Umstände einer Flucht diese Krankheit auslösen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Radio | 06. März 2020 | 11:50 Uhr

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