Wissen, was wir lesen Von Okapi, Scharnierschildkröte und Schnilch. Ein prekäres Bestiarium

Daniela Schmidt
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte war das erste Tier, das offiziell Opfer des menschengemachten Klimawandels wurde. Dass es vielen Tieren ähnlich ergehen könnte (auch solchen, die wir noch lieber mögen als Ratten), zeigt ein "prekäres Bestiarium" auf, das kürzlich erschienen ist. MDR WISSEN-Autorin Daniela Schmidt hat es gelesen und kann es nur empfehlen: Ein Buch ohne erhobenen Zeigefinger, aber mit viel Empathie für Tiere, die wir dringend kennenlernen müssten.

Weißes Buchcover mit Schrift in Türkis und Orange. Dazwischen fünf Tierzeichnungen in Orange/ Schwarz
Unsere Buchempfehlung zum Thema Artensterben Bildrechte: Verlag Galiani Berlin

Fun Facts über aussterbende Arten

Uff, Artensterben. Meine Güte, haben wir doch jetzt alle schon oft genug gehört, kennen wir doch inzwischen. Rund eine Million Tier- und Pflanzenarten sind in den kommenden Jahrzehnten von der Ausrottung bedroht, meldete der Weltbiodiversitätsrat der Vereinten Nationen 2019. Soweit die Nachricht, soweit die Statistik. Liest man so drüber, nimmt man zur Kenntnis, man runzelt vielleicht kurz die Stirn, ach Mensch, schon schlimm - und weiter geht’s.

Die Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte muss sich um dieses Schicksal keine Sorgen mehr machen. Sie lebte ausschließlich auf einer kleinen Mini-Insel in der Nähe des Great Barrier Reefs. Dann: steigender Meeresspiegel, immer häufigere Stürme, ein nach und nach zerstörter Lebensraum. Und so wurde die Mosaikschwanzratte von Bramble Cay im Jahr 2016 zum ersten Säugetier, das offiziell durch den menschengemachten Klimawandel von unserem Planeten verschwunden ist.

Das ist nur ein Schicksal, das in "Von Okapi, Scharnierschildkröte und Schnilch. Ein prekäres Bestiarium" eine Bühne bekommt. In kurzen Kapiteln lernen wir verschiedenste tierische Bewohner unseres Planeten kennen, darunter einige alte Bekannte wie den Feuersalamander oder das Okapi, aber auch eher unbekannte Gesellen wie den Baumhummer, die Mallorca-Geburtshelferkröte oder das Visayas-Pustelschwein. In kleinen Geschichten erfahren wir allerlei Kurioses über sie. Jedes vorgestellte Tier verfügt über mindestens eine "Fun Fact"-ähnliche Besonderheit, sei es beim Aussehen oder im Fortpflanzungsverhalten. So vielfältig die Auswahl der knapp 50 hier vorgestellten Tierarten anmutet, haben sie aller aber eines gemeinsam: Sie stehen kurz vor der Ausrottung oder sind bereits ausgestorben.

Zeichnung. Tier sieht aus wie ein buschiger schwarzer Haarschopf mit Augen.
Der Schnilch - ob es ihn (noch) gibt? Bildrechte: Lisa Neuhalfen / Verlag Galiani Berlin

Tiere, die wie Menschen handeln

Haben wir hier also einen weiteren Text, der mit erhobenem Zeigefinger Schreckensszenarien einer nur wenig lebenswerten Zukunft zeichnet? Auf der einen Seite: Ja. Es wird immer wieder deutlich gemacht, was der Mensch schon alles verspielt hat und was wegen seiner Ausbeutung des Planeten als nächstes alles auf dem Spiel steht - "und die Wahrscheinlichkeit ist ziemlich groß, dass wir dann auch bald dran sind", heißt es im Buch.

Nun scheinen die beiden Autoren aber begriffen zu haben, dass der erhobene Zeigefinger allein nicht immer das pädagogisch wertvollste Mittel ist. Und deshalb zäumen sie das Thema Artensterben von hinten auf: Nicht nur darüber sprechen, was alles mies gelaufen ist, mies läuft, mies laufen wird. Sondern die Haben-Seite beleuchten: Zeigen, was es alles gibt an faszinierenden, kuriosen, liebenswerten Tierarten, von denen wir bis hierhin vielleicht noch nie gehört haben, die wir aber ganz dringend schützen und bewahren sollten.

Ja, wirklich: Alle im Buch vorgestellten Wesen schleichen sich beim Lesen ins Herz. Um zu erklären, warum, muss ich kurz ausholen: Vor allem im digitalen Raum, etwa Netzwerken wie Instagram und TikTok, findet sich in Kommentaren und Konversationen oft der Ausdruck "Can relate", im Sinne von: "Oh Mann, ich weiß genau, was du meinst" oder „Ich kenne die Situation oder das Gefühl, das du da beschreibst". Und das "Prekäre Bestiarium" verursacht beim Lesen gewissermaßen eine Aneinanderreihung von "Can relate"-Momenten mit Tieren.

Selbst exotischste Kreaturen, die auf den ersten Blick so gar nichts mit mir als Mensch, meiner Lebenswelt, meinen Problemchen zu tun haben, werden durch die Beschreibung ihrer Verhaltensweisen, ja: nahbar und nachvollziehbar.

Daniela Schmidt

Etwa Zhous Scharnierschildkröte (ja, die heißt wirklich so): Wenn der alles zu blöd wird, zieht sie sich nämlich in ihren Panzer zurück und macht zu. Also, im wahrsten Wortsinn: Anders als andere Schildkröten kann sie ihren Panzer gewissermaßen nach außen abdichten, wenn sie drin ist. Blöde Leute oder trübes Wetter draußen, himmlische Ruhe und kuschelige Wärme innen – wer kann da nicht "relaten", wer träumt nicht heimlich davon, im Alltag auf so einen tragbaren Panzer in Menschengröße zurückgreifen zu können?

Zeichnung einer Schildkröte, die rechts am Betrachter vorbei schaut.
Die Scharnierschildkröte Bildrechte: Lisa Neuhalfen / Verlag Galiani Berlin

Eine Bühne für die "hässlichen Entlein"

Die beiden Autoren Ulrike Sterblich und Heiko Werning verbindet bis auf das gemeinsame Geburtsjahr (1970) erstmal nicht allzu viel miteinander: Er Reptilienforscher und Gründer verschiedener zoologischer Fachzeitschriften rund um Echsen, Frösche und Co. Sie Politologin, Journalistin und Moderatorin. Zusammen finden die beiden im Projekt "Citizen Conservation". Das wurde 2018 von verschiedenen Tierschutz- und Arterhaltungsvereinen gestartet, vor allem, um Tierarten ins Rampenlicht zu rücken, die sonst auf der öffentlichen Bühne eher selten Platz bekommen (etwa, weil sie vermeintlich nicht "niedlich" genug sind). Citizen Conservation kümmert sich beispielsweise um den Aufbau von Erhaltungszuchten dieser Tiere und versucht, sie den Menschen näherzubringen – was unter anderem durch das "Prekäre Bestiarium" gelingt.

Weißes Buchcover mit Schrift in Türkis und Orange. Dazwischen fünf Tierzeichnungen in Orange/ Schwarz
Unsere Buchempfehlung zum Thema Artensterben. Gerade ausgezeichnet als "Wissensbuch des Jahres 2022" in der Kategorie Unterhaltung. Bildrechte: Verlag Galiani Berlin

Die Daten zum Buch Heiko Werning, Ulrike Sterblich: Von Okapi, Scharnierschildkröte und Schnilch. Ein prekäres Bestiarium. Verlag Galiani Berlin 2022, 240 Seiten, 22 Euro (eBook 18,99 Euro), ISBN 978-3-86971-255-0

Endlich wieder so richtig staunen!

Eine Sache, die am Erwachsenenleben ein wenig schade ist, ist ja: Die Momente, in denen man mit großen Augen vor der Welt steht und aus dem Staunen kaum noch herauskommt, werden nach und nach weniger, weil man halt schon viel gesehen hat. Allen, denen dieses kindliche Staunen abgeht, sei das "Prekäre Bestiarium" wärmstens empfohlen. Es liest sich wie eine Art "Sendung mit der Maus" oder "Löwenzahn" für Erwachsene und bietet auf jeder Seite Anlass zu freudigen "Das hab' ich noch nicht gewusst"- oder amüsierten "Wie skurril ist das denn?"-Momenten. Und nicht nur die vorgestellten Tiere ziehen beim Lesen in ihren Bann, sondern auch die weißen Flecken und Streitpunkte, die es im zoologischen Panorama noch gibt und die die Autoren transparent machen: Etwa, wenn gar nicht sicher ist, ob es den Schnilch überhaupt (noch) gibt oder der Fakt, dass "richtige" Auerochsen eigentlich schon lange nicht mehr existieren.

Auch für interessierte Kinder, etwa ab dem vierten Schuljahr, kann das Buch funktionieren. Sie werden vermutlich die vom Autorenteam immer wieder eingestreute feine Ironie nicht mitbekommen, dadurch verlieren die Geschichten aber nicht an Unterhaltsamkeit und Substanz. Und als erwachsene Leserin hat man umso mehr diebische Freude, wenn die Autoren sich kleine Seitenhiebe auf die Fachdisziplin der Zoologie leisten und sich selbst bei all dem nie zu ernst nehmen.

Zeichnung von einem schwarzen Käfer, der eine im Verhältnis zu ihm riesige Kotkugel mit den Hinterbeinen rückwärts krabbelnd vor sich her schiebt.
Der Pillendreher Bildrechte: Lisa Neuhalfen / Verlag Galiani Berlin

(Tierische) Freunde rottet man nicht aus!

So launig diese Reise durch die Fauna auch ist, so speziell und skurril die hier vorgestellten Echsen, Vögel und Beuteltiere auch anmuten, so detailverliebt das Buch ihre Eigenheiten auch schildert – der Blick wird immer wieder geweitet aufs große Ganze: Dieser Planet gehört uns nicht. Wir teilen ihn uns mit einer riesigen Erd-Familie an tierischen Lebewesen, die vielleicht manchmal ein bisschen ulkig aussehen oder merkwürdig anmutende Dinge tun, in ihrer Vielfalt und, ja: Abgefahrenheit aber ein absolut schützenswerter Schatz sind.

Wenn das Autorenduo zwischen all der guten Laune immer mal wieder auf den Punkt bringt, worum es hier eigentlich geht, drückt das umso mehr aufs Herz: All diese fantastischen Kreaturen, von der Deserta-Tarantel über das Löwenäffchen bis hin zum Pátzcuaro-Querzahnmolch, drohen gerade für immer von der Bildfläche zu verschwinden und auszusterben. Wobei – und das ist ein sehr bitteres Learning aus dem "Prekären Bestiarium": Aussterben ist eigentlich fast immer das falsche Wort. Diese fabelhaft anmutenden Tiere sterben nicht aus – sie werden ausgerottet. Durch uns Menschen, die wir ihre Körper verwerten, ihre Lebensräume zerstören, ihren Planeten aufheizen.

Daniela Schmidt
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Rezensentin Daniela Schmidt ist bei MDR WISSEN vor allem als Stimme des Selbstversuch-Podcasts "Meine Challenge" unterwegs, für den sie zum Beispiel schon ausprobiert hat, nur noch von Flüssignahrung zu leben oder ihr Schmerzempfinden auszuschalten. Wenn all diese Abenteuer geschafft sind und eine Pause von Arbeit und Freizeitspaß angesagt ist, verliert sie sich gern in guten (Sach-)Büchern – am liebsten über Politik und Gesellschaft, Psychologie, das Gehirn und den menschlichen Körper oder den Weltraum.

1 Kommentar

Sgt. Salty vor 2 Wochen

Man muss konstatieren, dass sehr viele Tierarten weit vor 2016 verschwunden sind. Der Klimawandel (ob durch den Menschen beschleunigt oder ganz natürlich) hat nur einen geringeren und viel langsameren Einfluss als andere Faktoren. Die meisten Tierarten sterben aus weil wir sie essen, ihre Haut tragen oder ihren Lebensraum für unsere eigene Ernährung bräuchten. Ein bisschen weniger Framing auf "den Klimawandel" und die Nennung anderer unbequemer Wahrheiten, würde so manchen Artikel bzw. Autoren meiner Meinung nach gut zu Gesicht stehen.