Wissen, was wir lesen Schaf & Mensch. Wie sehen Schafhalter, Landschaftspfleger & Designer die Zukunft des Hausschafs?

Porträt von Ines Drahonovsky: Frau mit längeren, offenen, gelockten, dunklen Haaren, dunklem Augen-Make-Up und freundlichem Blick, Kleid mit Blumenmuster, in der Hand einige Blätter, Blick leicht nach rechts in Kamera, Hintergrund: grüne Natur, unscharf
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es ist laut MDR-Wissen-Redakteurin Ines Drahonovsky ein Buch von zwei "schafsverrückten Frauen": Nina Sieverding und Anne Huntemann haben in "Schaf & Mensch" fast alles zusammengetragen, was man über die wollegebenden Tiere wissen muss - von der kleinsten deutschen Rasse, die einen Namen hat, der aus dem Litauischen kommt bis hin zu einem 3.600 Jahre alten Handschuh aus Schafswolle, der auf der Insel Rügen gefunden wurde.

Cover Schaf und Mensch
Bildrechte: Landwirtschaftsverlag

Worum geht es?

Um Schafe. Um Menschen, die sich für Schafe interessieren und/oder um Schafe kümmern. Um das Verhältnis zwischen Menschen und Schafen. Um die Nutzung des Schafs durch uns Menschen.

Lämmer
Ein neugieriges Lamm aus ungewohnter Perspektive. Bildrechte: Esma Kizilbagli / lv

Schafwissen, wollflauschig-fröhlich formuliert

Zugegeben, ich hatte eigentlich nie mit Schafen zu tun. Mit Katzen ja, mit einem Hund, mit einem Reh. In meiner Kindheit, die einige Jahrzehnte zurückliegt, gab es in den Dörfern meiner Heimat Rinderherden und Schweine im Stall, aber Schafe? An Schafherden kann ich mich einfach nicht erinnern. So richtig bewusst habe ich auch noch nie über die Schaf-Mensch-Beziehung nachgedacht - bis zu diesem Buch. Leichtfüßig kommt es daher, wollflauschig-fröhlich formuliert, dennoch ist es wissensvermittelnde Lektüre. Auch die Mischung stimmt: Porträts, Interviews, Schafkunde, Fotos, Illustrationen.

Mann mit Schaf
Schafe sind schon seit langer Zeit enge Begleiter der Menschen. Bildrechte: Nina Sieverding / lv

In ein längeres Video übertragen, wäre es ein Film über interessante Menschen und ihre Schafe, über spannende Projekte rund um Schaf und Wolle, aber auch über Probleme, die bei der Schafzucht auftreten. Da bleibt man gern dran!

Zwei Autorinnen, die sich auskennen

Geschrieben wurde das Buch von zwei offenbar "schafsverrückten" Frauen: Nina Sieverding und Anne Huntemann. Beide sind in Niedersachsen aufgewachsen. Anne Huntemann auf einem Bauernhof, auf dem es neben Pferden, Schweinen und Hunden Schafe gab. Bei Nina Sieverding kam es offenbar im Alter von elf Jahren zum ersten Wollkontakt, als die Großmutter ihr das Stricken beibrachte. Nina Sieverding hat Design studiert und bereits in ihrer Abschlussarbeit das Thema "Schaf und Mensch" behandelt. Seit 2020 verantwortet sie gemeinsam mit einem Kollegen die Chefredaktion des Designmagazins "form". Anne Huntemann hat Landwirtschaft studiert, in Neuseeland auf einer Schaffarm gejobbt und als Journalistin über Schaf- und Ziegenhaltung geschrieben.

Cover Schaf und Mensch
Bildrechte: Landwirtschaftsverlag

Die Daten zum Buch Nina Sieverding und Anne Huntemann: Schaf & Mensch. Wie sehen Schafhalter, Landschaftspfleger & Designer die Zukunft des Hausschafs? Landwirtschaftsverlag 2021, 144 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-7843-5663-1

Ein Buch für viele Interessen

Es ist ein Sach- und journalistisches Buch, für das mindestens 20 Menschen befragt wurden. Einige dieser Interviews wurden in dieser Form auch abgedruckt, andere nutzten die Autorinnen für Porträts und Berichte. In Summe sind es 144 Seiten inklusive Impressum, Quellenverzeichnis, Danksagung und Informationen zu den beiden Autorinnen. Das Inhaltsverzeichnis weist auf die Schwerpunkte hin: Wolle, Milch, Fleisch, Landschaftspflege, Zucht und soziale Arbeit mit Schafen. Viele Fotos sorgen für Auflockerung: mal ganze Seiten füllend, mal mehrere kleine auf einer Seite: Es sind Fotos von Schafen und Menschen, vor allem aber Fotos, die konkret abbilden, worum es in dem Kapitel geht: Fell ganz nah, portioniertes rohes Lammfleisch, Herde in der Landschaft…  

Schaf beim Scheren aus "Schaf und Mensch"
So sieht die Schafschur aus. Bildrechte: Nina Sieverding / lv

Mittendrin blühen uns Wiesensalbei, Dost, Golddistel, Zittergras, Bienen-Ragwurz, Sand-Thymian und Kleiner Wiesenknopf entgegen - Illustrationen von Daniela Heiny. Es sind alles Pflanzen, die den Schafen schmecken. Für uns ein kleiner Augenschmaus und eine nicht ganz so alltägliche "Insel" im "Fluss" eines Buches. Es ist ein Buch für Menschen, die in der Stadt leben, aber vom Land träumen – und ein Ratgeber für jene, die sich erste Gedanken darüber machen, Schafe zu halten oder Schafwolle zu verarbeiten. Es ist ein Buch für Menschen, die Naturbildung betreiben und Wissen über Schafe brauchen, wenn es diese in ihrer Umgebung gibt. Es ist aber auch Lektüre für Menschen, die klassische Landprodukte vermarkten und/oder verkaufen wollen, wie zum Beispiel Schafskäse und Schafwolle. Letztendlich ist es aber ein Buch für alle Interessierten, die etwas über die Weiße Hornlose Heidschnucke, die Graue Gehörnte Heidschnucke oder das Coburger Fuchsschaf wissen wollen.

Schafspaziergang
Ein gemeinsamer Spaziergang. Bildrechte: lv / privat

Was bleibt hängen?

...dass Schafe bei uns wichtige Landschaftspfleger sind, aber die Nachfrage nach ihrer Wolle, ihrer Milch und ihrem Fleisch längst nicht so groß ist wie zum Beispiel im Nahen Osten.

...dass etliche Schafrassen auf der Roten Liste der gefährdeten Haustierrassen stehen, darunter die kleinste deutsche Schafrasse – die Skudde. Skudden waren nach dem 2. Weltkrieg hierzulande so gut wie ausgestorben. Erstaunlich für mich, die mal Litauisch gelernt hat: die Bezeichnung könnte auf das litauische Wort "skuodimas" oder "skuosti" für "schnell rennen" zurückgehen.

...dass ein 3.600 Jahre alter Handschuh auf der Insel Rügen gefunden wurde -  offenbar aus der Wolle des Rauwolligen Pommerschen Landschafs. Selbiges war in der Region sehr verbreitet und wurde oft von Fischern gehalten. Die "Rauwoller" waren sehr genügsam, ernährten sich von Schilf und Tang, lieferten Fleisch und Vliese für wetterfeste Bekleidung. Trotzdem entschieden die Verantwortlichen in der DDR, statt dieses Schafs Merinoschafe zu züchten, die mehr Fleisch und Wolle brachten. Der Biologe und Schafzüchter Michael Ruhnau findet die Bezeichnung "rauwollig" etwas irreführend und vermutet, dass ursprünglich "grauwollig" gemeint war. Er wird als Halter von "Rauwollern" vorgestellt, der als einziger Züchter dieser Rasse seine Tiere melkt und aus der Milch auch Käse macht. Sonst kommen dafür eher die typischen Milchschafrassen in Frage.

...dass echte "Schaf-Menschen" offenbar beeindruckende Leute sind, wie z.B. Schafschererin Stefanie Kauschus: ohne festen Wohnsitz, in einer absoluten Männerdomäne tätig und auf der halben Welt unterwegs. Oder wie Antje Scharmer und Stefan Reinsch von der Genossenschaft "Genosse Schaf",  die Schafen wieder eine Zukunft geben oder wie Schlachter Rolf Piepmeier, der Lämmer vor allem für seine muslimische Kundschaft schlachtet.

Es macht Freude, über Leonie Guzy und ihr Strickdesign zu lesen oder über die Mühen der Milchschafhaltung von Joachim und Jorin Handtmann. Man möchte ihnen allen viel Glück wünschen, Mut und Zuversicht dafür, an den Schafen dranzubleiben, im wahrsten Sinne des Wortes. Vielleicht hat das Schaf ja eine große Zukunft in unserer hektischen Welt, weil man mit ihm zum Durchatmen und Innehalten kommen kann. Zumindest glaubt das Nic Koray auf ihrem Begegnungshof. "Die Schafe holen einen ins Jetzt, einfach durch ihr Schaf-Sein, durch ihre Ruhe und Bodenständigkeit", sagt sie...

Auf dem Weg dahin hilft vielleicht auch dieses Buch.

Ines Drahonovsky
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Rezensentin Ines Drahonovsky ist bei MDR WISSEN für bewegte Bilder verantwortlich und brennt fürs Leben auf dem Land.

1 Kommentar

part vor 8 Wochen

Nun das Schaf ist ein Kostverächter, es hat nicht den ganzen Orient und den Mittelmeerraum vom Baumbewuchs und nachwachsenden Buschwerk befreit über die Jahrtausende, nein es war die Ziege, die wie Rehwild nachhaltig jede Wiederbewaldung verhindert hat. Die Ziege gibt keine Wolle, sie hält zwar die Gräser kurz aber bedient sich an jungen Bäumen und Büschen. Der Klimawandel begann mit der Domestizierung der Ziege und der Ausrottung der Wölfe. Schafe dagegen halten den Grasbewuchs kurz und sogen für die Artenvielfalt an seltenen Pflanzen, wobei sie gleichzeitig den Boden düngen. Leider sind aber bei heutigen Schafherden immer aber ein paar Ziegen dabei, die wohl dazu dienlich sind den Bestand von Weißdorn und andern Gehölzen zu verringern, um die Weidefläche groß zu halten.