Mobbing in der Schule
Bildrechte: imago/emil umdorf

Überraschender Fund in Bullying-Studie Schulhof-Terror: Opfer und Täter leiden beide

Weltweit wurde  jedes zehnte Schulkind schon einmal ausgegrenzt oder hat Gewalt erfahren. Das hat eine Studie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg ergeben. Die Forscher haben auch geschaut, wie sich das auf die Schüler auswirkt und sagen: sowohl Täter als auch Opfer leiden.

von Annegret Faber

Mobbing in der Schule
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Es gibt Täter und Opfer. Auf der einen Seite der vermeintlich Stärkere, dem es Freude bereitet einen Mitschüler zu schikanieren. Auf der anderen Seite ein Mensch mit scheinbar ganz anderen Gefühlen, der Schwächere, der sich nicht wehren kann. Dabei geht es um kleine Sticheleien, "Wie sieht du denn aus!" "Was hast du denn für Klamotten!", "Hast wohl kein Geld!". Oder auch ständig wiederholte Beleidigungen, "Du Schwuchtel", "Du Spast", "Du Opfer". Was die Schüler hier beschreiben, wird nicht Mobbing genannt, sondern  Bullying. Bullying beinhaltet neben Aggression auch psychische, verbale Verletzungen und ist an sich weiter gefasst als "Ausgrenzen". Schikanieren wäre ein guter deutscher Begriff, meint Bildungsforscherin Frau Professor Anett Wolgast vom pädagogischen Institut an der Universität in Halle:

Bullying bezeichnet das Schikanieren zwischen Personen auf gleicher institutioneller Hierarchieebene. Das betrifft Schülerinnen und Schüler, oder eben Jugendliche. Von Mobbing wird nur gesprochen, wenn es um mehrere Hierarchieebenen geht, wenn beispielsweise ein Chef Mitarbeitende schikaniert.

Überraschender Befund: Was Täter und Opfer eint

Wenn sich gleichaltrige Schüler gegenseitig ausgrenzen oder andere sogar schlagen, ist das also Bullying. Die Übersetzung aus dem Englischen bedeutet: Tyrannisieren. Welche Folgen hat so ein aggressives Verhalten? Bildungsforscherin Wolgast und ihre Kollegen nutzten für ihre Untersuchungen  WHO-Forschungsdaten aus drei Ländern: Deutschland, Griechenland und den USA.

Jeweils 3.000 16-jährige wurden in allen drei Ländern nach ihrem Befinden befragt und ob sie schon einmal ausgegrenzt wurden. Die Ergebnisse überraschten die Forscher. Beide Seiten hatten ähnliche Probleme: Bauch-, Kopf-  oder Rückenschmerzen, Niedergeschlagenheit. Täter rauchten häufiger als ihre Mitschüler und tranken mehr Alkohol, so die Studie. Forscherin Wolgast:

Das wichtige Ergebnis daraus war, dass Täter wie auch Opfer angegeben haben, dass es ihnen relativ schwer fällt, mit Freunden zu sprechen. Da sehen wir einen ganz wichtigen Ansatzpunkt für künftige Interventionsmaßnahmen.

Schweigen erkennen - auch ein Schlüssel zu den Tätern

Denn mit dem Wissen, dass auch Täter leiden und sich selbst ausgrenzen, nicht mehr so offen mit ihren Freunden sprechen, bietet sich Psychologen und Pädagogen ein unerwarteter Ansatz zum Helfen. Wenn Täter auch leiden, haben sie auch Interesse, sich helfen zu lassen. So können Pädagogen besser reagieren und Gespräche anbieten, weiß Professor Wolgast: .

Sprechen mit Personen oder vertrauten Freunden ist eine wichtige Ressource, die jemand hat, ein wichtiger schützender Faktor. Wenn die von der Person nicht mehr wahrgenommen wird, fällt eine ganz wichtige Ressource weg und da müssen wir ansetzen.

Was die Studie nicht klären kann

Doch was war zuerst da: das Ausgrenzen oder das Schweigen? Verstärkt das eine das andere? Werden Schüler erst schweigsamer, nachdem sie schikaniert wurden oder selbst schikanieren? All das kann aus den verwendeten Daten nicht abgelesen werden. Dafür wird es andere Untersuchungen  geben.

Dieses Thema im Programm: MDR aktuell | Radio | 16. Mai 2019 | 10:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Mai 2019, 12:01 Uhr