Große Corona-Studie der Charité Drosten: Kinder genauso infektiös wie Erwachsene

An der Berliner Charité wurden rund 25.000 Covid-19-Fälle auf die jeweilige Menge an Sars-CoV-2 untersucht. Das Ergebnis: Erkrankte Kinder haben eine geringere Viruslast als Erwachsene - sind aber ähnlich infektiös. Außerdem sind wenige infektiöse Menschen der Grund für viele Corona-Übertragungen und die britische Variante ist tatsächlich ansteckender.

Ein kleines Mädchen schaut auf einen Corona Antigen Test
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Die Forschenden um Prof. Christian Drosten, den Leiter der Virologie an der Charité, hatten ihre Studie als Voruntersuchung zu routinemäßigen Labordaten gestartet – am Ende kam die weltweit größte Analyse dieser Art mit mehr als 25.000 untersuchten Proben zusammen. Dazu wurden bei jeder Probe die Viruslast bestimmt und dann die Ansteckungsfähigkeit – unterschieden nach Altersgruppen und Schwere des Krankheitsverlaufs – berechnet.

Das wichtigste Resultat dieser umfangreichen Arbeit, die im Fachmagazin "Science" veröffentlicht wurde: Bei kleinen Kinder bis fünf Jahre wurden etwas weniger Viren festgestell, sie sind aber ähnlich infektiös wie Erwachsene. Dazu kommen Erkenntnisse zu hochinfektiösen Menschen und der britischen Variante.

Drosten: Erkenntnisse aus früheren Studien bestätigt

Für ihre Berechnungen maßen die Berliner Forschenden zuerst die Menge an Sars-CoV-2-DNA in den Proben. Diese Daten, die grob angeben, wie viele Viren sich im Hals der Patienten befinde, wurden dann mit Werten zur Entwicklung von Sars-CoV-2 in Zellkulturen verknüpft – so konnte die individuelle Entwicklung der Viruslast über einen längeren Zeitraum errechnet werden.

Dabei wurden keine größeren Unterschiede bei Menschen zwischen 20 und 65 Jahren gefunden, im Schnitt waren es hier 2,5 Millionen DNA-Teilchen von Sars-CoV-2 pro Probe. Geringer war diese Zahl dagegen bei kleinen Kindern, beginnend mit rund 800.000 DNA-Teilchen bei Babys. Mit dem Alter stieg diese Viruslast dann nach und nach an und erreichte schon bei älteren Kindern und Jugendlichen ähnliche Werte wie bei Erwachsenen. Dabei sei es wichtig zu bedenken, dass die Viruslast auf Logarithmus-Basis errechnet werde, betont Prof. Drosten, sodass sich die relativ großen Unterschiede relativierten.

Dazu müsse beachtet werden, dass bei den Corona-Tests bei kleinen Kindern normalerweise viel weniger Abstrichmenge genommen werde und damit auch die gemessene Zahl der Viren geringer sei. "Bei Kindern werden deutlich kleinere Abstrichtupfer eingesetzt, die weniger als halb so viel Probenmaterial in die PCR-Testung einbringen. Außerdem werden bei ihnen statt der schmerzhaften tiefen Nasenrachen-Abstriche oft einfache Rachenabstriche gemacht, in denen sich noch mal weniger Virus findet", erläutert der Virologe.

Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin
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Dies verdeutlicht, dass man Viruslasten nicht einfach proportional in Infektiosität umrechnen kann. [...] Mein anfänglicher Eindruck einer ungefähr gleich großen Infektiosität aller Altersgruppen hat sich bestätigt, nicht nur hier, sondern auch in anderen Studien.

Prof. Christian Drosten, Leiter der Virologie an der Charité

Wenige Menschen für viele Ansteckungen verantwortlich

Die große Datenmenge der Studie bietet zudem weitere interessante Einsichten. So wurden in neun Prozent der Proben extrem hohe Virusmengen von mehr als einer Milliarde Teilchen gefunden. Ein Drittel dieser hochinfektiösen Menschen zeigte dabei keine oder nur leichte Symptome. "Diese Daten geben eine virologische Grundlage für die Annahme, dass nur eine Minderheit der Infizierten für die große Mehrheit der Ansteckungen verantwortlich ist", erklärt Drosten.

Außerdem wurde auch die Verteilung der britischen Mutante B.1.1.7 erforscht. Die Viruslast lag hier zehn Mal höher als bei anderen Varianten, Labortests waren zuvor nur auf einen Faktor von 2,6 gekommen. Für Christian Drosten ist damit auch klar: "B.1.1.7 ist infektiöser als andere Varianten".

cdi

6 Kommentare

Hanna vor 8 Wochen

@MDR-Team
Kann schon sein, dass sie bezüglich einer Herdenimmunität rein mathematisch richtig liegen aber wie Sie selbst schreiben sind auch andere Aspekte zu berücksichtigen. Zum einen sind das meiner Meinung nach die Ansteckungsgefahr bei sehr niedrigen Inzidenzwerten, die Gefahr eines schweren Krankheitsverlaufes. Gerade bei Kindern sollte man hier vorsichtiger sein wenn die Neuerkrankungen so stark rückläufig sind. Liegen denn überhaupt ausreichende Studien in Bezug auf das Impfen von Kindern vor? Ich habe davon noch nichts gehört. Können sie dazu mehr Informationen geben?

MDR-Team vor 8 Wochen

@Hanna,
Kinder und Jugendliche machen in Deutschland etwa 13 Million Menschen aus – etwa 16 Prozent der Bevölkerung. Zahlreiche Wissenschaftler*innen gehen momentan davon aus, dass für eine Herdenimmunität eine Durchimpfungsrate von 80-85% benötigt wird. Ohne die Kinder und Jugendliche wird das also schwierig. Nichtsdestotrotz ist die Herdenimmunität natürlich nicht der einzige Aspekt, den es in diesem Zusammenhang zu beachten gilt.

Hanna vor 8 Wochen

Ist es denn wirklich nötig ab 12 Jahre zu impfen?
Wenn immer mehr Erwachsene geimpft werden, die Inzidenz immer weiter absinkt und die Herdenimmunität steigt, besteht doch auch für die Kinder immer weniger die Möglichkeit sich zu infizieren.
Ihre "Freiheiten" können die Kinder doch auch durch die sinkenden Inzidenzzahlen zurück erhalten.