Jugendforscher zur "Generation C" Corona-Jugend? Was ihr fehlt, was sie braucht

Generation C wie Corona: Wie verändert die Pandemie die Jugendlichen? Was brauchen die jungen Leute jetzt, wie machen wir sie fit für morgen? Jugendforscher Simon Schnetzer hat Antworten.

Hand streicht über den Kopf eines Kindes
Bildrechte: IMAGO / MASKOT

"Pubertät ist die Zeit, wenn die Eltern anfangen, schwierig zu werden" - bei Reden zur Jugendweihe ein beliebter Kalauer. Aber was bedeutet denn Pubertät in einer Zeit, die für Eltern und Kinder schwierig ist, in der mehr Zeit miteinander verbracht wird, als man sonst miteinander hätte? Für Erwachsene ist es insofern leichter, weil sie Erfahrung mit Veränderungen haben, erlebt haben, dass auf schlechte Zeiten auch wieder gute Zeiten folgen können. Wenn dagegen junge Menschen in der Übergangsphase zwischen Schule, Ausbildung und Beruf solche Umbruchsituationen erleben und der Übergang nicht gut gelingt, bleiben Narben.

Vier Jugendliche mit Smartphones.
Vor Corona gemeinsam am Handy abhängen - war Freizeit. Bildrechte: allOver-MEV

Als ein Problem sieht Jugendforscher Simon Schnetzer digitale Übersättigung: "Schon vor Corona haben viele ihre Freizeit am Smartphone verbracht. Jetzt findet alles online statt, Schule, Beruf, Ausbildung. Es ist sich alles ähnlich." Und bezogen auf die Zukunft schildert er die Sorgen junger Leute:

Aber auf welches Ziel arbeiten die jetzt hin? Ist dieser Abschluss später noch was wert? Kann ich eigentlich dann das, worauf ich hinarbeite, auch tatsächlich tun? Es ist dieses Riesenfragezeichen, dass über der Zukunft hängt. Wir halten uns jetzt zurück, beschränken Kontakte - für welche Perspektive eigentlich?

Simon Schnetzer

Motivation - woher nehmen, wenn man nicht weiß, wofür?

Aber nicht nur der Blick in die Zukunft mit ihren gewaltigen Fragezeichen beschäftigt die Jugend, sagt Forscher Schnetzer. Schwer, sich angesichts all der Fragezeichen für die Schule oder das Studium zu motivieren. Das kennen Eltern mit Kindern im Homeschooling bestens, wenn Lehrkräfte unklare Ansagen machen, ob Hausaufgaben eingereicht werden sollen oder nicht. "Jugendliche mummeln sich bei den Familien ein", sagt der Forscher, suchen den Fehler bei sich selbst, zum Beispiel, wenn sie sich nicht zum Studium motivieren können.

Junger Mann lächelt
Simon Schnetzer Bildrechte: Piomars

Sie stellen erst im Austausch mit anderen fest: 'Das ist nicht nur mein Thema, es geht vielen so, das war mir gar nicht bewusst'. Ich glaube, dass es sowas braucht, dass junge Menschen sich ihrer Themen kollektiv bewusst werden, um zu wissen, das ist legitim, dass wir das auf der politischen Agenda haben.

Simon Schnetzer

Glück hatte, wer Tipps zur rechten Zeit bekommen hat, um den Alltag, also Schule daheim, Studium und Freizeit zu strukturieren, meint der Forscher: "Der ist damit dann auch besser zurecht gekommen". Aber was kann Jugendlichen noch helfen, aus einer solchen Opfer-der-Krise-Haltung herauszukommen? "Wenn wir junge Menschen in die Situation bekommen, dass sie Teil der Lösung sein können, dass sie ihr Leben wieder in die Hand nehmen, statt abzuwarten, bis die Krise zu Ende ist." Es sei besser, unter neuen Bedingungen sein Glück zu suchen, statt auf die alte Glücksvorstellung zu warten, dass die zurückkommt.

Wenig analoge Kommunikation, viel Familienbindung

Besucher des Rahmen des Rock am Ring Festivals bei einem Konzert
Welche Musik passt zu mir, welches Outfit, welche Leute mag ich? Bildrechte: IMAGO

Die normale Jugendzeit ist geprägt vom Ausprobieren, sagt Schnetzer: "Sie suchen, sie wollen sich ausprobieren, sie müssen andere Menschen kennenlernen. Sie müssen abends weggehen, in der Disco, ein neues Outfit oder neue Moves ausprobieren, um zu sehen, 'wie komme ich an?'" Erst in der Reflektion durch andere Menschen können sie sich selbst finden. Dabei lernen sie Schnetzer zufolge auch das Kommunizieren:

Das muss man sich auch mal bewusst machen: Junge Menschen kommunizieren im Moment eigentlich nur digital.

Simon Schnetzer
Familie am Esstisch
Viel Zeit miteinander in Familien Bildrechte: imago images/MASKOT

Ein herber Einschnitt, den die "Corona-Jugend", wenn man sie so nennen mag, erlebt. "Das ist die erste Generation, die mit Smartphones aufwächst, über Social Media ihre Freunde zusammenbringt." Es ist aber auch erstmals eine Generation, die während der Entwicklungsphase zwischen Jugend und Erwachsensein so eng auf die Familie zurückgeworfen ist. "Eine intakte Familie in der Zeit ist ein Segen, weil sie Halt gibt", sagt Schnetzer. Diese engere Beziehung wird bleiben, prognostiziert der Jugendforscher, aber: "Die Vorstellungen von Zukunft wird es ändern."

Blick auf einen Laptop-Bildschirm mit einer Videokonferenz vieler Kinder
Wenn alles am Bildschirm stattfindet, verschwimmt die Trennungsline zwischen Freizeit und Schule/Studium Bildrechte: Axel Braune

Hier sieht er zwei Möglichkeiten. Bei denjenigen, wo sich in Familie oder Ausbildung nichts geändert hat, deren Eltern in sicheren Angestelltenverhältnissen leben oder die im öffentlichen Dienst ausgebildet werden - bleibt die Zukunftseinstellung unverändert. "Die, die wirklich hart getroffen wurden, die wissen, 'wir müssen mehr kämpfen', werden mobiler sein, härter kämpfen", ist sich Schnetzer sicher: "Die werden fortan mehr auf Sicherheit setzen, mehr pragmatisch entscheiden."

Jugend in die Zukunft mit einbeziehen

Dass die Jugend nicht rebelliert, sondern Einschränkungen mitträgt - was bedeutet das eigentlich, was sagt es über diese Generation aus? "Wir haben es mit einer relativ verantwortungsbewussten Generation zu tun. Die Jungen bleiben zuhause, um andere nicht in Gefahr zu bringen." Was muss man ihr zurückgeben? "Auf politischer Ebene konkrete Maßnahmen, wie das Impfen", meint Schnetzer. Man müsse Jugendlichen helfen, Zukunftsfähigkeit zu entwickeln, sie zum Teil der Lösung zu machen, sie da helfen lassen, wo es Menschen schlecht geht. Und wenn es so was ist, wie jüngeren Kindern Nachhilfe zu geben. Es müssen Möglichkeiten geschaffen werden, junge Leute mitgestalten zu lassen: "Wichtig ist, dass wir sagen, wir wissen nicht alle Antworten, bitte helft uns gemeinsam, diese zu entwickeln."

Jugendlicher steht neben älterer Frau, die an Tisch mit Laptop sitzt.
Aufgaben vermitteln ein gutes Gefühl. Bildrechte: MDR/Jana Müller

(lfw/mdr kultur)

Junge Frau mit Handy 9 min
Bildrechte: imago images / Panthermedia

Generation C wie Corona. Was prägt diese Generation anders als andere? Moderatorin Annett Mautner von MDR Kultur im Gespräch mit Jugendforscher Simon Schnetzer.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 26.02.2021 10:14Uhr 08:38 min

https://www.mdr.de/wissen/corona-jugend100.html

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Hand streicht über den Kopf eines Kindes 7 min
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Dieses Thema im Programm: MDR Kultur Spezial | 25. Februar 2021 | 18:00 Uhr

3 Kommentare

Critica vor 10 Wochen

Um diese Frage beantworten zu können, wird man noch einige Jahre warten müssen. Manches zeigt sich ers spät. Doch dann sind die "Verantwortlichen" längst "über alle Berge" bzw. gut versorgt im Altenheim.

kleinerfrontkaempfer vor 10 Wochen

Die gesellschaftliche Schere kommt auch in der Bildung daher. Was an Eliten später in der Gesellschaft gebraucht wird, hat wie immer in Doitschland, mit dem besseren sozialen Stand und Herkunft schon optimale Aussichten für gute Bildung und Förderung. Der Rest kann sehen wo er bleibt. Das bißchen Alibipolitik der 16 Bundesländer sollte man nicht so ernst nehmen. Lachnummer, aber eigentlich zum Heulen für so eine reiche Republik.

Ritter Runkel vor 11 Wochen

Schon erstaunlich, was die Experten so alles wissen. Dass wir nicht lockern dürfen, dass die Mutationen nur schlimm sind, dass es noch lange dauern wird, dass nur die Impfung hilft, dass bei Öffnung die Zahlen sofort wieder steigen werden,...
Nur wenn die Zahlen sinken, dann weiß plötzlich keiner mehr, was eigentlich los ist.