Dexamethason Durchbruch? Medikament senkt Sterblichkeit bei Covid-19

Es ist das erste Medikament, das nachweislich die Sterblichkeit bei der Coronaerkrankung Covid-19 senkt. Es heißt Dexamethason und es ist verfügbar. Forscher in Großbritannien und die Weltgesundheitsorganisation feiern es als "Durchbruch". Forscher in Deutschland werten die Ergebnisse als "hochinteressant", warten mit einer Beurteilung aber, bis die Studie wirklich vorliegt und geprüft wurde.

Patient wird künstlich beatmet: Blick auf liegenden Patienten, seitlich links oben. Patient ist an einen Schlauch sowie kleinere Schläuche oder Kabel angeschlossen.
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Es war die Hoffnung die mitschwang, angesichts eines noch unbesiegbaren Virus, aber sicher auch die dramatischen Monate in Großbritannien, als die BBC gestern von einem Breakthrough schrieb, einem Durchbruch. Inzwischen hat sich auch die Weltgesundheitsorgansiation WHO dieser Aussage der Forscher angeschlossen und will die Ergebnisse in den kommenden Tagen genau untersuchen.

Was ist passiert? Forschende der Universität Oxford haben ein Medikament entdeckt, dass in schweren Covid-19-Fällen die Sterblichkeit der Betroffenen deutlich verringerte. Das Entzündungen hemmende Medikament Dexamethason kann offenbar vielen Patienten beim Überleben helfen. Wie die britischen Wissenschaftler in einer vorab veröffentlichten Studie berichten (hier der Link zur Mitteilung als pdf), sank die Sterberate bei schwer erkrankten Covid-19-Patienten um Drittel, wenn sie mit der Arznei behandelt wurden.

"Dexamethason ist das erste Medikament, von dem gezeigt wurde, dass es das Überleben bei Covid-19 verbessert", erklärte Peter Horby, einer der Leiter der "Recovery"-Studie. "Dexamethason ist kostengünstig, verfügbar und kann sofort eingesetzt werden, um weltweit Leben zu retten."

Studie mit 11.500 Patienten in 175 Kliniken

Aktuell untersucht das britische Forscherteam, welche bereits zugelassenen Medikamente gegen Corona helfen. An der Untersuchung nehmen insgesamt 11.500 Patienten in 175 Kliniken in Großbritannien teil. 2.104 Patienten erhielten zehn Tage lange einmal täglich sechs Milligramm Dexamethason. Die Kontrollgruppe umfasste 4.321 Patienten. Unter denjenigen, die künstlich beatmet werden mussten, starben 41 Prozent der Erkrankten ohne Dexamethason, mit dem Medikament lag die Sterberate um ein Drittel niedriger. Die Studienleiter sprachen von einem Durchbruch. Es sei das erste Medikament, dass das Überleben der Patienten deutlich verbessere. Zudem sei es kostengünstig, verfügbar und könne sofort eingesetzt werden.

Was ist Dexamethason? Dexamethason wird seit mehr als 50 Jahren in der Medizin eingesetzt. Der Wirkstoff ist in einer Vielzahl von Medikamenten enthalten, die das Immunsystem unterdrücken, um allergische und entzündliche Prozesse zu stoppen. Der Wirkstoff wird unter anderem in der Neurologie (bei Hirnödem), bei Atemwegserkrankungen (Asthma), in der Dermatologie, Infektiologie, Onkologie, Rheumatologie und Ophthalmologie angewendet. Er kann innerlich wie äußerlich verabreicht werden. Bei kurzzeitiger Gabe ist das Risiko von Nebenwirkungen im Allgemeinen gering.

Tedros Adhanom Ghebreyesus
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"Dies ist die erste Behandlung, die nachweislich die Mortalität bei Patienten mit Covid-19 senkt, die Sauerstoff oder Beatmungsunterstützung benötigen", sagte Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus, Generaldirektor der WHO in einer Mitteilung. "Das sind großartige Neuigkeiten, und ich gratuliere der britischen Regierung, der Universität Oxford und den vielen Krankenhäusern und Patienten in Großbritannien, die zu diesem lebensrettenden wissenschaftlichen Durchbruch beigetragen haben."

Ergebnisse sind "hochinteressant", müssen aber noch geprüft werden

Als "hochinteressant" bezeichnet Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, die Ergebnisse gegenüber der dpa. Eine Wirksamkeit des Entzündungshemmers sei nachvollziehbar. "Das macht pathophysiologisch durchaus Sinn, es handelt sich ja um Patienten mit schwersten Entzündungen."

Tobias Welte, Ärztlicher Direktor der Medizinischen Hochschule Hannover, warnt unterdessen vor vorschneller Euphorie. Das Ergebnis klinge beeindruckend, aber bisher liege nur eine Pressemitteilung vor. "Bevor man das vollständige, durch unabhängige Gutachter beurteilte Manuskript gesehen hat, kann man die Wertigkeit der Studie nicht beurteilen", so der Pneumologe. Es sei vor allem wichtig zu sehen, dass die beiden Gruppen vergleichbar seien, also die Dexamethason-Gruppe und die Vergleichsgruppe.

Kombination mit Remdesevir denkbar

Für Prof. Dr. Bernd Salzberger, Chef-Infektiologie am Uniklinikum Regensburg und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie, sind die Ergebnisse nicht ganz überraschend, "da bei schweren Covid-19-Verläufen häufig eine wahrscheinlich unnötig schwere Entzündungsreaktion auftritt. In dieser Deutlichkeit sind die Ergebnisse allerdings doch neu und wichtig."

Er sieht außerdem bereits weitere Möglichkeiten, wenn die Ergebnisse bestätigt werden. Dann könnte man verschiedene Mittel kombinieren, um die Heilungschancen weiter zu erhöhen: "Dexamethason beziehungsweise andere immunmodulierende Substanzen und Remdesivir sind möglicherweise sogar eine sinnvolle Kombination", so Salzberger. "Remdesivir bekämpft das Virus, Dexamethason die überschießende Entzündung. Solche Kombinationen werden gerade auch in anderen Studien untersucht."

Ähnlich wertet es Prof. Dr. Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin an der München Klinik Schwabing. Da entscheidend sei, dass der größte Benefit bei Patienten bestehe, die aufgrund einer Lungenbeteiligung bei Covid-19 künstlich beatmet werden müssen, so Wendtner, wird es spannend zu beobachten, "ob andere Interventionen gegen ein überschießendes Immunsystem, wie der Einsatz von teuren Interleukin-1- oder Interleukin-6-Rezeptor-Blockern, vergleichbare Effekte haben."

gp/ens

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