Verschwörungstheorien Spanische Grippe und Corona: Wie Pandemien Feindbilder befördern

Verschwörungstheorien sind keine Corona-Erscheinung. Schon bei der "Spanischen Grippe" entstanden vor 100 Jahren mächtige Erzählungen über Verschwörungen. Die jüdische Bevölkerung etwa wurde als "Seuchenträger" diffamiert und als Sündenbock für die Folgen der Pandemie verantwortlich gemacht, wie Forscher – entgegen früherer Befunde – annehmen. Feinbilder damals und heute sowie deren Radikalisierung erklären Isabelle-Christine Panreck und Mike Schmeitzner vom Hannah-Arendt-Institut in Dresden.

Sie forschen zu Spanischer Grippe und Corona? Warum?

Isabelle-Christine Panreck: Für die heutige Gesellschaft ist das Erlebnis der Pandemie singulär. Doch ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Corona nicht die erste Pandemie ist. Dabei kommen natürlich die Fragen auf: Wie hat die Politik in den vergangenen Pandemien reagiert, mit welchen Maßnahmen und wie wurden diese Maßnahmen akzeptiert – gerade im Hinblick auf das Protestgeschehen, Feinbildkonstruktionen und die Verschwörungstheorien?

Mike Schmeitzner: Die Corona-Pandemie bestimmt seit knapp einem Jahr unser Leben. Nicht nur in der Medizin steht sie im Vordergrund, auch in den Humanwissenschaften. Es ist sehr schnell klar geworden, dass in der Corona-Pandemie für die Demokratie relevante Phänomene verhandelt werden. Feindbildkonstruktionen, Verschwörungstheorien, umfangreiche Proteste und sicher auch viele berechtigte Fragen etwa nach den Beteiligungen von Parlamenten sind offenkundig geworden. Wir sind hier am Dresdner Hannah-Arendt-Institut ein interdisziplinäres Team mit Politikwissenschaftlern und Historikern, da liegt es sehr nahe, die Erscheinungen mit einer vorangegangenen Pandemie zu vergleichen.

Isabelle-Christine Panreck, Hannah Arendt-Institut Dresden
Isabelle-Christine Panreck leitet das Forschungsprojekt "Von #CoronaDiktatur zu 'Hygiene-Demos': Verschwörungstheorien um COVID-19 im digitalen und analogen Raum" am Hannah Arendt-Institut Dresden. Bildrechte: Isabelle-Christine Panreck

Und da haben Sie sich für den Vergleich mit der Spanischen Grippe entschieden?

Schmeitzner: Ja. Weil die Spanische Grippe ganz ähnliche globale Dimensionen aufweist, wie wir es heute in der Corona-Pandemie erleben. Sie ist mit dem Forschungsstand von heute sogar noch tödlicher gewesen. Mindestens 25 Millionen Menschen sind damals weltweit bis zum Ende der dritten Welle 1918/1919 gestorben.

Professor Mike Schmeitzer, Hannah Arendt-Institut Dresden
Mike Schmeitzner leitet das Forschungsprojekt "Feindbildradikalisierung im Zuge der 'Spanischen Grippe' 1918" am Hannah-Arendt-Institut Dresden. Bildrechte: Mike Schmeitzer

Eine ähnliche globale Verbreitung, viele Tote – ist das ausreichend für einen Vergleich?

Schmeitzner: In beiden Pandemien erleben wir ganz ähnliche Gesundheitskrisen. Damals und heute gab es strikte Schutzmaßnahmen, die behördlichen Anweisungen ähneln sich sehr. Im Herbst 1918 wurden in Deutschland Schulen geschlossen, ebenso Theater, Opern, Zirkusse. Große öffentliche Veranstaltungen wurden also verboten. Besonders diese großen Veranstaltungen haben aber für relevante Teile der Bevölkerung eine wichtige mentale Rolle auch am Kriegsende gespielt.

Schulschließungen, keine Veranstaltungen - das klingt wie heute!

Schmeitzner: Es ist nicht deckungsgleich, doch die Maßnahmen weisen sehr große Ähnlichkeiten auf. In den USA, wo die Spanische Grippe sehr stark wütete, gab es auch eine Maskenpflicht – teilweise sogar strafbewehrt. Wer also keine Maske trug, riskierte eine Strafe. Die USA hatte mehr Infizierte und auch mehr Tote als Deutschland. Dort hat man sehr früh erkannt, dass Masken mehr Sicherheit bieten. Das, was uns bekannt vorkommt, ist also schon damals, vor allem in den USA, sanktioniert worden.

Krankenschwestern mit Tragen, während des Ausbruchs der spanischen Grippen, 1918 in St. Louis (Missouri)
In den USA war das Tragen von Masken Pflicht. Dieses Bild zeigt Krankenschwestern vor Ambulanzfahrzeugen während des Ausbruchs der Spanischen Grippe in St. Louis (Missouri) im Jahr 1918. Bildrechte: IMAGO

Sehr ähnliche behördliche Anweisungen – gab es auch Unterschiede?

Schmeitzner: Natürlich. Heute kümmern sich vor allem Bund und Länder um die Eindämmung der Pandemie durch Einführung entsprechender Maßnahmen. Damals wurde das den Kommunen überlassen. Städte wie Dresden haben sehr genau geschaut, wie andere Kommunen (etwa Leipzig oder Breslau) vorgehen, um herauszufinden, was eine zielführende Strategie ist. Der Reichsgesundheitsrat stand nur beratend zur Seite.

Alter Zeitungsausschnitt - Spanische Grippe in den Dresdner Nachrichten.
Veranstaltungen wurden auch während der 'Spanischen Grippe' verboten - hier die Bekanntmachung des Erlasses vom 28. Oktober 1918 in den Dresdner Nachrichten. Bildrechte: Mike Schmeitzer/Hannah Arendt-Institut Dresden

Es gab jedoch nur wenig Proteste gegen die Beschränkungen zur Spanischen Grippe?

Schmeitzner: Wir hatten es damals mit einer multiplen Krisensituation zu tun. Das Kriegsgeschehen überlagerte die Spanische Grippe, gerade in Deutschland als Kriegsverlierer. Hier spielten der politische Umbruch, Hunger und Unterernährung in großen Teilen der Bevölkerung eine immense Rolle. Es gab Hungerproteste. Die Spanische Grippe stand nicht primär im Fokus der Wahrnehmung. Hinzu kamen andere Krankheiten wie Typhus, Cholera und Lungenkrankheiten, die nicht immer eindeutig von der Spanischen Grippe abgegrenzt wurden, auch Mediziner taten sich damals schwer bei der Analyse der Spanischen Grippe. Und doch haben damals etwa private Theaterbesitzer gegen die Schließung ihrer Einrichtungen protestiert, weil sie erhebliche finanzielle Verluste zu verbuchen hatten.

Corona-Proteste hingegen haben für zahlreiche Schlagzeilen gesorgt!

Panreck: Wir haben im Frühjahr gesehen, wie Verschwörungstheorien aktiv an das Licht der Öffentlichkeit gespült wurden. Viele dieser Erzählungen sind nicht neu, mit den Corona-Protesten haben sie jedoch eine neue Bühne bekommen. Natürlich ist, auch aus wissenschaftlicher Sicht, wichtig zu erfahren, wo die Wurzeln liegen und wie sich die Erzählungen verbreiten. Allerdings ist schon der Begriff Verschwörungstheorie irreführend.

Warum?

Panreck: Die Verschwörungstheorien, die wir heute in der Corona-Pandemie beobachten, werden nicht dem Anspruch an eine Theorie gerecht. Sie beschreiben nicht die Wirklichkeit und über sie lassen sich keine Aussagen für die Zukunft ableiten. Sie entspringen eher Ideologien. Manche Forscher sprechen daher auch von Mythen. Innerhalb dieser Ideologien oder Mythen sehen wir Fragmente, die bekannt sind und sich jetzt in einem neuen Gewand zeigen.

Feindbilder gehören also zu Krisen dazu?

Panreck: Studien belegen, dass Menschen in Krisenzeiten anfälliger für Verschwörungstheorien werden. Viele Narrative über Verschwörungen sind schon älter. So zum Beispiel in der QAnon-Bewegung, die von einer globalen Elite spricht, die über ritualisierte Kindermorde an die Macht kommen will. Bisweilen werden jüdische Menschen, etwa die Familie Rothschild und George Soros, als Verschwörer benannt. Hier sehen wir eine Anlehnung an die vermeintliche jüdische Weltverschwörung, die im Hintergrund die Fäden zieht.

Die Feindbilder der Corona-Gegenwart und der Zeit der Spanischen Grippe ähneln sich also?

Panreck: Das wollen wir mit unserem Projekt herausfinden. Bislang gibt es noch keine belastbaren Ergebnisse. Wichtig ist in diesem Zusammenhang die These, dass sich alte Feindbilder fortsetzen. Bisweilen erleben wir sie gehäuft im digitalen Raum, aber ihre Wurzeln finden sich auch in der analogen Welt.

Hat Antisemitismus schon während der Spanischen Grippe eine Rolle gespielt?

Schmeitzner: Wie gesagt, wir stehen mit unserem Forschungsprojekt am Anfang. Wir analysieren die Situation im Dreiländereck, vergleichen also die Situation im deutsch-polnischen Schlesien, im deutsch-tschechischen Böhmen und Sachsen. Für das hartumkämpfte Oberschlesien sind Feindbild-Konstruktionen nach 1918/19 bestätigt. Anfang der 1920er-Jahre entschied dort eine Volksabstimmung, ob die Region zu Polen oder zu Deutschland gehören soll. In dieser Situation haben beide Seiten versucht, den "Seuchen"-Herd der jeweils anderen Seite unterzuschieben.

Die Spanische Grippe beförderte also den Judenhass?

Schmeitzner: Der Judenhass hat eine Rolle gespielt, nach unseren jetzigen Erkenntnissen aber nicht direkt. Für Sachsen lässt sich 1918/19 keine Feindbildkonstruktion feststellen. Hier kommt es eher zu indirekten, verzögerten Erscheinungen. Drei Jahre später etwa werden die Ostjuden im sächsischen Landtag von der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) für alles mitverantwortlich gemacht: Sie sind 'Schieber', 'Wühler' und 'Putschisten' und nun auch 'Seuchenträger', die die Krankheiten aus dem 'unzivilisierten Osten' einschleppen. Das Feindbild Jude bekommt durch diese Zuschreibungen eine neue Dimension. 

Warum die Ostjuden?

Schmeitzner: Mehrere 10.000 Ostjuden kamen während und nach Ende des Krieges nach Westen, vor allem nach Deutschland. Zwar lebten hier schon Ostjuden, aber in dieser Größenordnung wurden sie aufgrund etwa Ihres Aussehens jetzt verstärkt als etwas Fremdes wahrgenommen. Die DNVP hat im Sächsischen Landtag mit ihrer Ostjuden-Hetze ganz gezielt Antisemitismus im Parlament salonfähig gemacht. Der Vorwurf – und das zeigen die Zitate oben – lauteten: Die Ostjuden nehmen Wohnungen weg, schleppen Krankheiten ein betätigen sich als linke Umstürzler und sorgen dadurch für politische Instabilität. Die anderen Parteien wichen vor dieser Aggressivität zurück - was durchaus verheerend war.

War das das Fundament des späteren Antisemitismus?

Schmeitzner: Schon bestehende antisemitische Feindbilder wurden 'aktualisiert', 'angereichert' und dadurch wirkmächtiger. Die NSDAP hat später darauf aufgesattelt, wir wissen alle mit welchem Ergebnis.

Wir müssen vorsichtig dabei sein, einfache Parallelen ziehen zu wollen.

Mike Schmeitzner Hannah-Arendt-Institut Dresden

Schmeitzner: Das Forschungsprojekt steht am Anfang. Die Pandemie heute trifft auf eine völlig andere Gesellschaft als damals. Die Menschen von 1918 und in den Folgejahren waren ausgehungert, traumatisiert oder aber von Krankheiten geschwächt. Millionen Tote und Tausende Invalide bestimmten das Bild der Gesellschaft. Die Bevölkerung erlebte nach dem Ende des Ersten Weltkrieges einen politischen Systemwechsel und den Fall tradierter Obrigkeiten. Vieles brach auf einmal weg. Die Krisenzeiten mit ihren hohen Arbeitslosenraten waren gerade in Sachsen für die Stabilisierung des neuen demokratischen Systems durchaus abträglich. Große Fortschritte im Bildungsbereich oder auf sozialpolitischem Gebiet wurden vor allem nach 1929 dadurch wieder untergraben. Für Demokraten war es deshalb schwer, den Extremisten – und hier vor allem der NSDAP – wirksam entgegenzutreten.

Es bleibt also Hoffnung, dass wir nicht in die nächste Diktatur rauschen?

Panreck: Der Kontext ist völlig verschieden. Die Corona-Pandemie trifft im Vergleich zu 1918 auf eine stabile Demokratie mit einem funktionierenden über die Jahre erprobten Gesundheitssystem, mit dem etablierten Politikfeld der Gesundheitspolitik sowie Menschen, die zu ihrer Gesundheit ein ganz anderes Verhältnis haben, als dies damals der Fall war. Der Fokus auf die Gesundheit als Teil des Lebensstils ist so, wie wir ihn heute kennen, erst in den 60iger Jahren populär geworden.

Doch wenn es Ihrer Argumentation zufolge jetzt 'nur' die Corona-Pandemie als Problem gibt, haben die Menschen doch mehr Zeit für Verschwörungstheorien?

Panreck: Die Corona-Pandemie ist seit knapp einem Jahr DAS Thema. Welche Kräfte von dieser Krise profitieren, ist Gegenstand unseres Forschungsprojektes. Aus der Finanzkrise 2009 ist die rechtspopulistische Partei der AfD entstanden. Sie hat sich später das Migrationsthema einverleibt und dieses als Krise verkauft. Ja, auch jetzt gibt es das Potenzial, dass rechtspopulistische Parteien Rückenwind bekommen. Um sie war es im Frühjahr und Sommer ruhig geworden, doch jetzt häufen sich die Hinweise, dass die Rechtspopulisten auf den Zug der Corona-Proteste aufspringen wollen.

Wird unsere Demokratie überleben?

Panreck: Die liberale, freiheitliche Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. Sie muss gelebt werden. Wir müssen aktiv für unsere Grundwerte einstehen und einen Umgang mit Krisen erreichen, bei dem verschiedene demokratische Sichtweisen auf die Dinge möglich sind. Das Scheitern der Weimarer Republik hatte viele Gründe. Wir brauchen keine polarisierte, aber auch keine desinteressierte Gesellschaft. Wir brauchen Menschen, die im demokratischen Spektrum entschlossen aber fair handeln und verhandeln.

Quelle: MDR/kt

14 Kommentare

Ritter Runkel vor 26 Wochen

@MDR-Team
Eine Frage an sie mit der Bitte um Beantwortung: Wird den RKI-Zahlen, dass Testdatum der Positiv Getesteten oder das Meldedatum der Tests zugrundegelegt?

Ritter Runkel vor 27 Wochen

Askese und Verzicht muss der neue Lebensstil werden.
Diesen verantwortunglosen und vergnügungssüchtigen Forderungen nach Reaktionärem muss entschlossen entgegen getreten werden.
Unsere Kinder werden es uns einst danken. Wenn sie erst alt sind.

Ritter Runkel vor 27 Wochen

Natürlich braucht die Bevölkerung eine Perspektive. Nur eben eine andere.
Es muss endlich klar kommuniziert werden, dass mit dem alten Leben Schluss sein muss. Nicht nur, dass es unseren Planeten in einen Glutofen verwandelt, es hat uns auch an den Rand des Aussterbens durch ein kleines Virus gebracht. Das kann so nicht weitergehen.
Den Menschen muss endlich einsichtig gemacht werden, dass die Perspektive für ihr restliches Dasein Askese und Verzicht ist!
Es ist ein für alle Mal vorbei mit Urlaub, Einkaufen, Bildung, Unterhaltung, Spazierengehen, menschlicher Wärme, Sprechen, Sport. Der öffentliche Raum ist für Menschen tabu, dieser darf nur noch genutzt werden, um so asketisch wie möglich vermummt hindurch zu huschen auf dem Weg zur Arbeit.
Am besten ist es, wenn die Menschen möglichst wenig Zeit haben, das Alte zu vermissen. Wir sollten die Wochenarbeitszeit auf 80 Stunden ausweiten, ohne Lohnausgleich natürlich. Auf diese Weise können wir endlich die Schulden zurückbezahlen.