Notfallmedizin E-Scooter: Die meisten Unfälle passieren am Wochenende

Als ab Mitte 2019 E-Scooter auch mitteldeutsche Städte eroberten, war ihr Ruf nicht gerade der Beste: kaum klimafreundlich sowie kreuz und quer im Stadtbild verteilt. Jetzt wurde das Unfallgeschehen mit den Gefährten untersucht. Ergebnis: Die Dinger können ganz schön gefährlich werden, allerdings sind die Roller selbst eher weniger Schuld.

Mann mit Helm fährt mit Elektrotretroller gegen Bordstein, Roller nach vorn kippend, Mann teilweise in Luft mit erschrockenem Gesicht und erhobener Hand.
Kleine Räder, großer Bordstein: Bei E-Rollern ein ziemliches Problem. Bildrechte: imago images/Panthermedia

Haben Sie sich auch schon mal gefragt, wie sich das die Verleiher von Elektrotretrollern eigentlich genau vorstellen? Zum einen sind die Dinger an jeder Straßenecke auf maximale Flexibilität ausgelegt: Einmal kurz umgucken, App starten, Röllerchen zücken, ab geht's zum Kaffeehaus. Zum anderen wird von Seiten der Betreibenden verständlicherweise an die Sicherheit appelliert – und deutlich daraufhin gewiesen, dass das Gefährt nur mit einem Kopfschutz zu besteigen sei.

Ist schon klar, jeder hat immer einen Helm dabei, wenn er mal eben einen Roller braucht. Besonders Touristinnen und Touristen. Und wenn Einheimische einen Helm bei sich tragen, tun sie das meist in Kombination mit einem Fahrrad an ihrer Seite, weshalb sie keinen E-Scooter benötigen. Man sieht: Zwischen kommunizierten Sicherheitsempfehlungen und der Umsetzbarkeit besteht eine Diskrepanz, die irgendwie vor allem im Konzept des Rollerverleihs liegt.

Jede/r Fünfte hat Alkohol getrunken

Aus diesem Grund mögen die Ergebnisse einer aktuellen Erhebung der Charité zum Thema E-Scooter-Unfälle nicht überraschen. Die meisten, mehr als die Hälfte, finden am Wochenende statt. So zumindest die Beobachtungen in vier Notfallabteilungen in Deutschlands (Elektrotretroller-)Hauptstadt Berlin. Jede fünfte Patientin bzw. jeder fünfte Patient hatte Alkohol getrunken. Gerade beim E-Scooter-Fahren erhöhe das die Risikobereitschaft, Stichwort Bordsteinspringen, so die Forschenden. Im Gegensatz dazu trugen nur ein Prozent der Nutzenden einen Helm.

Die häufigsten Verletzungen traten allerdings an Beinen und Armen auf, in einigen Fällen war das Bein sogar gebrochen. Trotzdem standen Kopfverletzungen weit oben auf der Liste, bis hin zur Gehirnblutung bei einem der 248 untersuchten Patientinnen und Patienten. 32 hatten ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma.

Klassische Unfallursache war Kontrollverlust: Unaufmerksamkeit, Einhandfahren, Bordsteinspringen und Unerfahrenheit. Allerdings, vielleicht weniger offensichtlich: Auch scharfe Kanten oder hervorstehende Schrauben an den Rollern selbst haben Verletzungen verursacht, zum Beispiel beim Abbremsen oder Beschleunigen.

Auch passive Unfälle

An allen aufgezeichneten Unfällen waren Fünf- bis 81-Jährige beteiligt, das Durchschnittsalter lag bei 29. Nicht mal die Hälfte der Betroffenen waren Touristinnen und Touristen. Und die Verletzungen führten häufig zur Überweisung ins Krankenhaus: Mehr als jede fünfte Person musste operiert werden. Insgesamt zwölf Fälle haben auch gezeigt, dass E-Scooter durchaus zu passiven Unfällen bei Fußgängerinnen und Fußgängern führen können: Entweder direkt durch den Roller oder – wie in drei Fällen – durch das Stolpern über geparkte Fahrzeuge.

Elektrotretroller aus einem Verleihsystem liegt im seichten Wasser, dahinter Gestein und Grünes.
Dieser E-Roller in Gera zeigt: Wenn die Nutzenden es nicht wollen, wird's auch nix mit der Nachhaltigkeit. Bildrechte: imago images / Bild13

Angesichts der Tatsache, dass das Wildparken in vielen Städten ein Problem darstellt, mag das auf den zweiten Blick kaum verwundern. Die Forschenden appellieren bei der Rollernutzung für stärkere Vorschriften: Helmpflicht, Alkoholverbot und Nutzung erst ab 18 gehören dazu. Und so wird der Glanz um die futuristischen Gefährte noch ein bisschen matter, als er ohnehin schon ist.

Leipzig will die Dinger nicht so richtig

In der Vergangenheit hat die Flut an E-Scootern immer wieder für Stirnrunzeln gesorgt – zumindest dann, wenn sie sich nicht in privaten Besitz befinden, pfleglich behandelt und mit Ökoenergie betrieben werden. Bei Verleihern seien die Stromgefährte durch ihre geringe Haltbarkeit weder besonders nachhaltig, noch überhaupt emissionsfrei: Dann, wenn Dieselfahrzeuge die Roller im Stadtgebiet des Nachts einsammeln und später wieder verteilen müssen, so die Kritik. Zwar hat sich in den meisten Städten mindestens ein Verleiher durchgesetzt, andernorts ist die Sorge vor den Rollern hingegen so groß, dass sie im Stadtbild überhaupt nicht stattfinden.

Prominentestes Beispiel dafür ist Leipzig. Die achtgrößte Stadt Deutschlands ist gleichzeitig auch die größte ohne E-Scooter-Sharing-Anbieter. Zwar hat die Stadt generell grünes Licht gegeben, die damit verbundenen überaus strengen Auflagen konnten aber bisher von keinem Anbieter erfüllt werden. Das mag die Gäste der westsächsischen Metropole vielleicht verwundern oder gar verärgern, der Unfallstatistik wird es aber allenfalls gut tun.

flo

0 Kommentare