Ökonomie Vier Bäume im Jahr: Unsere Schokolust kostet nicht nur Geld

Was ein Pralinchen hier und ein Käffchen da mit den Waldbeständen, gerade in wärmeren und ärmeren Ländern zu haben? Viel. Unser westlicher Konsum vernichtet pro Kopf vier Bäume im Jahr, wie eine aktuelle Studie zeigt.

Nahaufnahme Frühstückstisch: Brotscheibe mit Nugataufstrich und Bananenscheiben, Messer mit Nugatrest, daneben gefüllte Kaffeetasse, unscharf im Hintergrund Trauben
Mhm … ein ästhetisches und leckeres Frühstück. Schon hier beginnt die Abholzung. Oder sagen wir besser: Hier endet sie. Bildrechte: IMAGO / Panthermedia

Das mit so ziemlich Wichtigste in unserem Leben ist auch das so ziemlich Selbstverständlichste: Sauerstoff, das Zeug in der Luft, das wir zum Atmen brauchen. Ein internationales Forschungsteam hat jetzt festgestellt: Die Sauerstoffversorgung auf unserer Erde kam hundert Millionen Jahre später als gedacht. Ob es das Gas dadurch kostbarer erscheinen lässt, sei dahingestellt.

Klar ist aber, wo’s herkommt: Bäume nehmen CO2 auf, verarbeiten das C und geben O2 wieder ab. Damit ist nicht nur Sauerstoff selbst das so ziemlich Wichtigste in unserem Leben, sondern Bäume sind es damit gewissermaßen auch. Unklar erscheint, was wir Menschen eigentlich gegen Bäume haben und warum um alles in der Welt wir ihren Bestand so fleißig dezimieren.

Die G7 entwalden die Erde

Wir, das sind vor allem die Bewohnerinnen und Bewohner der G7-Staaten, ein Verbund von Ländern, die mal die sieben wichtigsten Industrienationen der Erde waren und auch heute noch 45 Prozent des weltweiten Bruttonationaleinkommens erwirtschaften. Dazu zählen die USA, Großbritannien, Kanada, Japan, Italien, Frankreich – und Deutschland. Wir G7ler tragen entschieden zur Entwaldung der Erde bei, das zeigt eine neue Studie, die jetzt im Fachblatt "Nature Ecology & Evolution" erschienen ist.

Lufaufanhme direkt von oben: Klare, gerade Linie trennt grünen Regenwald von abgeholzter, brauner Fläche
Aufnahme von Amnesty International in Südamerika: Für die Produktion von Rindfleisch werden Indigene vertrieben und Regenwald abgeholzt. Das Fleisch gelangt in die Wertschöpfungskette eines der größten Fleischproduzenten Brasiliens und der Welt – und damit auch nach Europa. Bildrechte: dpa

Fast vier Bäume pro Kopf und Jahr gehen durch unseren Konsum drauf. Zum Beispiel durch den Verzehr von Rindfleisch, Soja, Kaffee, Kakao, Palmöl und den Holzverbrauch ganz allgemein. Nun mag Deutschland ein Bierland sein oder eine Kartoffelnation. Interessanterweise fanden die Forschenden aber heraus, dass ausgerechnet unser Kakaokonsum ein hohes Risiko für die Wälder in Ghana und der Elfenbeinküste darstellt. Dabei gilt zu bedenken, dass daran nicht nur der Konsum von Kaba, Nesquik und Co. entscheidend ist, sondern Kakao in vielen Genussmitteln enthalten ist – natürlich in jeglicher Art von Schokolade oder eben auch in Cerealien oder Nugataufstrich zum Frühstück. Häufig sind das Produkte, die auch Palmöl enthalten, was wiederum ebenso für eine Abholzung in tropischen Gefilden verantwortlich ist.

Kombinierte Daten zeigen die Abholzungstreiber

Die Forschungsidee der Autorinnen und Autoren war folgende: Bereits verfügbare Informationen über Waldschäden und deren Treiber wurden mit Daten über internationale Handelsbeziehungen zwischen 15.000 Industriesektoren kombiniert. So konnte ein Fußabdruck für Entwaldung erstellt werden – im Inland, aber auch im Ausland. Denn, das dürfte klar sein, für das Abholzen eines Waldgebiets muss nicht immer das Land verantwortlich sein, in dem das Gebiet liegt. Neben unserem Kakaokonsum ist auch die artverwandte Kaffeebohne ein Abholzungstreiber – z.B. im zentralen Hochland von Vietnam, angetrieben durch den Verbrauch in den Vereinigten Staaten, Italien und Deutschland. Waldverluste im Norden des Landes wiederum gehen auf die Kappe von China, Japan und Südkorea – nicht durch Kaffee, sondern durch Holzexporte.

Karte zeigt, wo auf der Welt durch deutschen Konsum viel Wald abgeholzt wird. Beispielhaft herausgestellt sind folgende Länder: Schweden/Finnland, Ghana/Elfenbeinküste, Mosambik, Vietnam
Durch den deutschen Kosum wird im Ausland ordentlich abegeholzt, z.B. in den hier markierten Ländern. Bildrechte: MDR/Nguyen Tien Hoang, Keiichiro Kanemoto

Die Studie zeigt auch: Eine Reihe von Ländern konnte die Nettowaldgewinne im Inland erhöhen. Trotzdem hat ihr Abholzungsfußabdruck im Ausland zugenommen, eben durch höhere Importzahlen. Hannes Böttcher, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Berliner Ökoinstitut, findet, dass die Studie ein erster guter Ansatz ist: "Sie ist eine eindrucksvolle Darstellung dessen, wie durch die Verknüpfung frei verfügbarer Daten und ökonomischer Statistiken Fußabdrücke des Konsums dargestellt werden können. Die Information über Fußabdrücke des Konsums einzelner Länder im Land selbst und außerhalb des Landes helfen, die Auswirkungen unseres Handelns besser zu verstehen."

Und was ist mit nachhaltigem Konsum?

Er räumt aber auch ein, dass das nur der Anfang sein kann, gerade wenn es darum geht, was wir Konsumenten aus dem Desaster lernen müssen: "Die Studie endet an den Landesgrenzen. Unterschiede zwischen nachhaltigen Lieferketten in einem Land, die Entwaldung vermeiden, zum Beispiel durch den Anbau von Produkten auf ungenutztem Land, und solchen, die zum Anbau Wald vernichten, sind nicht sichtbar."

Ein Arbeiter hilft in einem Raum einem anderen Arbeiter, einen schweren Sack mit Kakaobohnen auf den Rücken zu heben, im Hintergrund viele weitere Säcke.
Kakaoanbau – wie hier an der Elfenbeinküste – ist oft nicht nur für die Umwelt, sondern auch für Arbeitenden eine ganz schöne Plackerei. Bildrechte: IMAGO / agefotostock

Der Nugataufstrich aus dem Bioladen enthält auch Palmöl. Im Gegensatz zu einem konventionellen Produkt stammt das aber möglicherweise aus nachhaltigem Anbau, fließt allerdings in die Statistik als importiertes Palmöl mit ein. Hier gilt: Weniger zu konsumieren, ist immer eine ganz gute Idee. Das heißt aber nicht, dass wir komplett auf Palmöl, Kaffee und Kakao verzichten müssen. Findet auch Thomas Kanter vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum in Frankfurt am Main: "Es gilt eher, gemeinsam mit Erzeugerländern Wege zu finden, die Produktion so zu gestalten, dass unter anderem die Bauern vor Ort gut davon leben können, der Anbau mit möglichst geringen Umweltauswirkungen passiert und der Konsum in einem Rahmen bleibt, der auch den Anforderungen für Landflächen genug Raum lässt."

Nicht nur Wirtschaftsthema, sondern Politik

Das gelte auch für den Konsum tierischer Nahrungsmittel und passt zum aktuellen Aufruf des Umweltbundesamtes an die Deutschen, den Fleischkonsum um die Hälfte zu reduzieren. Auch wenn in diesen frühsommerlichen Tagen schon die eine oder der andere ihr oder sein Feierabendwürstchen vom Grill wandern sieht, würde das in Deutschland immer noch einen Pro-Kopf-Fleischkonsum von 28,5 Kilo im Jahr bedeuten.

Luftaufnahme, direkt von obene. Plantage aus Ölpalmen mit vielen gleichen Palmen direkt neben Regenwald mit unterschiedlichem Baumbestand.
Eine Ölpalmenplantage für … genau, Palmöl. Mitten im Regenwald. Bildrechte: IMAGO / imagebroker

Ein weiteres Beispiel dafür, dass das Thema ein politisches geworden ist, zeigt das im März beschlossene deutsche Lieferkettengesetz, das Unternehmen mehr in die Sorgfaltspflicht nehme. Darauf weist die Umweltpolitikwissenschaftlerin Janina Grabs von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich hin. Auch wenn die Entwaldungsstudie mit dem bisherigen wissenschaftlichen Kenntnisstand übereinstimme, sei das Thema ein sehr komplexes: "Beispielsweise wird bei der Rodung von Tropenwald erst das Holz verkauft und dann Agrarprodukte wie Palmöl angebaut. Daher ist es schwierig, die genaue Verantwortung für den Waldverlust einzelnen Treibern und Konsumländern zuzuschreiben." Auch sie bemerkt, dass Nachhaltigkeitsansätze in der Studie nicht berücksichtigt werden.

Winterstimmung mit Straßen- und Gebäudebeleuchtung. Bei einer Greenpeace-Aktion zum Lieferkettengesetz wird am frühen Morgen in Dunkelheit der Spruch "Lieferkettengesetz. Schwindel" an die Außenfassade des Bundeskanzleramts projiziert.
Manchen geht das im März beschlossene Lieferkettengesetz der Bundesregierung nicht weit genug – wie diese Protest-Projektion ans Kanzleramt im Februar zeigt. Bildrechte: dpa

Fest steht: Wenn wir in unsere großzügig bestrichene Scheibe Toastbrot beißen und dazu ein Tässchen von der extra-milden Röstung schlürfen, kann das woanders auf der Welt bedeuten: Weniger Lebensraum für Flora und Fauna, Artensterben, veränderte Wasserkreisläufe und – das geht dann wohl über die Landesgrenzen hinaus – mehr Treibhausgase. Und damit vielleicht auch weniger Sauerstoff. Wo doch jetzt sowieso schon hundert Millionen Jahre fehlen.

flo/SMC

Link zur Studie

Die Studie Mapping the deforestation footprint of nations reveals growing threat to tropical forests erschien am 29. März 2021 im Fachjournal Nature Ecology & Evolution.

DOI: 10.1038/s41559-021-01417-z

Animation 1 min
Bildrechte: MDR/Robert Rönsch

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